Integration per Smartphone Diese App soll Geflüchteten helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden

Für Geflüchtete sind Smartphones wichtig, um Kontakt zu ihrer Familie und ihren Freunden zu halten.

(Foto: dpa)

Was ist typisch deutsch? Was bedeutet Gleichberechtigung? Was passiert, wenn ich abgeschoben werde? Antworten gibt die "Ankommen"-App.

Von Simon Hurtz

"Ohne deutsche Sprache kann man nur zuhause bleiben"

Dass sich Koriakes mit Zahlen und Formeln auskennt, reicht nicht. In seiner Heimat Syrien studierte er Mathematik. Er floh nach Deutschland, und jetzt möchte jetzt auch hier an die Uni. "Die deutsche Sprache ist ein Schlüssel. Ohne deutsche Sprache kann man nichts machen, kann man nur zuhause bleiben", sagt er.

Koriakes ist einer von neun Menschen, die in der App "Ankommen" von ihren Erfahrungen in Deutschland erzählen. Taha aus dem Irak ist froh, dass er offen seine Meinung sagen darf und will ein Blog starten. Niki aus Griechenland lebt seit 40 Jahren in Deutschland und findet es gut, dass es hier so viele Regeln gibt, an die sich auch die meisten halten. Constanze wundert sich, dass die Familie eine viel geringere Rolle spielt als in ihrer Heimat Spanien.

Die kurzen Texte sollen Geflüchteten helfen, sich zurechtzufinden und die deutsche Kultur kennenzulernen. Dafür hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit, dem Goethe-Institut und dem Bayerischen Rundfunk die App entwickelt.

Das Goethe-Institut ist für den Sprachkurs verantwortlich

Johannes Ebert, Generalsekretär des Goethe-Instituts, ist derselben Meinung wie Koriakes: "Sprache ist der Schlüssel zur Integration." Deshalb hat sein Institut einen zentralen Inhalt zur App beigesteuert: Mit einem multimedialen Sprachkurs können Flüchtlinge deutsche Ausdrücke und Sätze für wichtige Alltagssituationen lernen. Sie hören Tonaufnahmen und müssen anschließend Lückentexte richtig vervollständigen. Grundkenntnisse der Sprache seien ein "wesentlicher Beitrag für die kritischen ersten Wochen nach Ankunft in Deutschland", sagt Ebert. In dieser Zeit würden die Weichen gestellt, die das Leben der Flüchtlinge dauerhaft bestimmten.

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Neben dem Sprachkurs besteht die App aus zwei weiteren Teilen. Der Abschnitt "Asyl, Ausbildung, Arbeit" erklärt Geflüchteten, wie sie sich in einer Erstaufnahmeeinrichtung registrieren, was bei der ärztlichen Untersuchung passiert, und welche Folgen es hat, wenn ihr Asylantrag abgelehnt wird. Sie erfahren, dass die Schule in Deutschland kostenlos ist, finden Informationen über Studiengänge und werden darüber aufgeklärt, dass Arbeitgeber ihnen einen Mindestlohn zahlen müssen.

Der dritte Teil "Leben in Deutschland" ist in insgesamt 13 Kategorien unterteilt. Die Erfahrungsberichte von Koriakes, Constanze und den anderen finden sich unter "Typisch deutsch?". Im Kapitel "Gesundheit" steht, warum Impfungen wichtig sind und wie sich Schwangere verhalten sollen, "Zusammenleben" weist auf die Gleichberechtigung von Männern und Frauen hin, und Informationen über die deutsche Verfassung, das Rechtsstaatsprinzip und die Arbeit der Polizei findet man im Abschnitt "Politische und rechtliche Ordnung".

Leitlinien ohne Leitkultur-Rhetorik

Im Gegensatz zu manch anderem Ratgeber, etwa dem Handbuch "Deutschland - Erste Informationen für Flüchtlinge", wirken die Texte nicht bevormundend oder belehrend. Sie bewerten und moralisieren nicht, sondern geben die Rechtslage in einfachen Worten wieder. Sie formulieren Leitlinien für das Zusammenleben, ohne dabei in Leitkultur-Rhetorik abzudriften. Im Kapitel "Religionen" klingt das so: "Deutschland ist ein Einwanderungsland mit einer Vielfalt an Religionen. Damit das im Alltag funktioniert, müssen alle Menschen tolerant und respektvoll miteinander umgehen, egal welcher Religion sie angehören."

Die App ist kostenlos und steht in fünf Sprachen zur Verfügung: Arabisch, Englisch, Farsi, Französisch und Deutsch. Die Android-Version kann man sich im Google Play Store herunterladen, eine Variante für iOS soll in fünf bis zehn Werktagen folgen. Der Download ist mit 42 Megabyte relativ groß, dafür benötigt die App danach keinen Internetzugang mehr - ein Vorteil für viele Flüchtlinge, die in ihren Unterkünften oft kein Wlan haben und sich teure mobile Datenverbindung kaum leisten können.

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