Innovative Internet-Start-ups Vom langsamen Tod der kostenpflichtigen SMS

"Sie hassen uns eben am wenigsten": Die Telekom investiert 7,5 Millionen Dollar in das Start-up-Unternehmen Pinger. Und das, obwohl Pinger dem Mobilfunkanbieter durch eine Alternative zur SMS das Geschäft streitig macht. Experten gehen jedoch ohnehin davon aus, dass die Kurzmitteilung langfristig "komplett ersetzt" wird.

Von Sophie Crocoll

"Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Mobilfunkanbieter mit dem Feind schläft." Das sagt Greg Woock, Mitgründer und Chef des US-amerikanischen Start-up-Unternehmens Pinger. Woock ist in diesem Fall der Feind. Der Anbieter ist die Telekom. Die hat kürzlich über ihre Beteiligungsgesellschaft T-Venture 7,5 Millionen Dollar in Pinger investiert. Das ist deshalb ungewöhnlich, weil das Start-up Besitzern von Smartphones ermöglicht, über eine App kostenlos Nachrichten zu verschicken und zu telefonieren - und so Anbietern wie der Telekom ein wichtiges Geschäft streitig macht. Warum also dem Konkurrenten Geld geben? "Sie hassen uns eben am wenigsten", sagt Woock.

Durch Unternehmen wie Pinger können Nutzer die Kosten für Anrufe und SMS umgehen.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Pinger ist nicht das einzige Unternehmen, das Nutzer damit lockt, die Kosten für Anrufe und SMS zu umgehen. Der Internettelefondienst Skype bietet seinen Dienst längst für Smartphones an. Der Anbieter Viber, der seinen Sitz in Zypern hat, ermöglicht Nutzern seiner Smartphone-Software untereinander kostenlose Telefonate, sogar ohne dass sie sich anmelden und Kontakte anlegen. Andere Viber-Nutzer im Adressbuch kennzeichnet das Programm automatisch. Aus dem Silicon Valley in Kalifornien kommt die Anwendung WhatsApp, die auf den meisten Smartphones funktioniert. Über diese App verschicken geschätzt 100 Millionen Menschen weltweit Nachrichten - ohne zu bezahlen.

Für Mobilfunkanbieter bedeutet das hohe Verluste. "In den nächsten drei bis fünf Jahren werden 50 Prozent des SMS-Volumens abwandern, langfristig wird die SMS komplett ersetzt", sagt Alexander Mogg, Telekommunikationsexperte bei der Unternehmensberatung Roland Berger. Damit verschwindet ein lukratives Geschäft: In Deutschland werden über 40 Milliarden SMS verschickt, je Nachricht zahlen Nutzer dafür zwischen acht und 19 Cent.

"Die SMS ist nicht tot"

In Deutschland steigt die Zahl der verschickten SMS noch. In anderen Ländern ist das anders: Der holländische Anbieter KPN klagte im vergangenen Jahr, bereits 85 Prozent der Kunden mit Smartphone hätten WhatsApp installiert. Die KPN-Marke Hi, die sich an Jugendliche richtet, spürte das erstmals im dritten Quartal 2011: Das SMS-Volumen brach fast um ein Viertel ein. Auch beim Schweizer Anbieter Swisscom stagnierte Ende des Jahres die Anzahl der verschickten Nachrichten. Alexander Mogg sieht das als Indikator dafür, was Anbieter in Deutschland erwartet.

"Die SMS ist nicht tot", sagt dagegen Dirk Ellenbeck, Sprecher von Vodafone. Zwar seien die Umsätze mit den Nachrichten zurückgegangen, das liege aber daran, dass immer mehr Kunden SMS in Paketen kauften, statt jede Nachricht einzeln zu bezahlen.

Nicht nur das SMS-Geschäft verändert sich grundlegend, beim Kerngeschäft der Mobilfunkanbieter, dem Telefonieren, könnte es ähnlich kommen. Die Erlöse werden, wie schon seit Jahren, weiter sinken, schätzt der Branchenverband Bitkom. Abgelöst als wichtigste Anwendung würden diese Dienste schon bald vom mobilen Internet. "Gerade junge Leute unter 30 werden deutlich weniger telefonieren, sie verlagern ihre Kommunikation zunehmend in soziale Netzwerke, auch auf dem Handy", sagt Mogg.