Vor drei Monaten brach Craig Lynch aus einem britischen Gefängnis aus. Doch statt sich still zu verhalten, narrt er die Polizei mit öffentlichen Facebook-Mitteilungen.
Für die Polizei ist er ein Verbrecher, für mehr als 20.000 Menschen auf Facebook ein Held: Seit seinem Ausbruch aus einem britischen Gefängnis vor drei Monaten ist Craig "Lazie" Lynch auf der Flucht. Doch wo andere lieber untertauchen, teilt der 28-Jährige sich über seine Facebook-Seite der Welt mit und führt die Polizei an der Nase herum.
Bild vergrößern
Craig Lynchs Foto auf einer Facebook-Seite: Per Internet schickt er Botschaften an die Fangemeinde. (© Screenshot: Facebook.com)
Anzeige
So verriet er in der Vorweihnachtszeit in welchem Einkaufszentrum in der Grafschaft Kent er seine Geschenke kaufen wollte. Später ließ er über Facebook verlauten, dass er gerade mit einem 1,20 Meter hohen Winnie-Puuh-Stofftier im Arm durch ebendieses Einkaufszentrum schlendere. Gefasst wurde er nicht - und die Polizei musste sich von den Medien für ihr Nichtstun ordentlich verspotten lassen.
An Weihnachten selbst posierte Lynch auf einem Foto mit einem gebratenen Truthahn, den rechten Mittelfinger Richtung Kamera erhoben. Diese Geste ist inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden, ebenso die Beschimpfungen der Polizei via Facebook-Nachricht. "Ja, ja, ich habe es verdammt noch mal bis Weihnachten geschafft, ich habe ihr verdammtes System überlistet", schrieb er an Heiligabend, "fuck the police".
"Ich will der Welt keinen Schaden zufügen"
Ob die Behörden eine heiße Spur haben, ist unklar. Medien vermuten, dass sich der Ausbrecher irgendwo im Großraum London versteckt. Er selbst teilt mit, immer wieder den Aufenthaltsort zu wechseln. Auch sein Ausbruch Ende September gibt Rätsel auf: Lynch hatte seine siebenjährige Freiheitsstrafe wegen bewaffneten Einbruchs so gut wie abgesessen, berichten britische Medien.
Nun genießt Lynch seine Popularität und gibt sich in seinen Botschaften als gutmütiger Rebell: "Ich bin hier, dort und überall, aber ich bin nicht draußen, um der Welt Schaden zuzufügen", schreibt er einmal, an anderer Stelle fordert er seine Fans auf, eine Petition gegen den Walfang in Japan zu unterschreiben.
Doch in seinen Nachrichten zeigt sich auch ein einsamer, gejagter Mann, der Selbstbestätigung einzig über die Konversation mit seinen "Unterstützern" erhalten kann. "Ich möchte meine echten Fans sehen!", bittet er einmal fast flehentlich, "wenn Ihr echte Fans seid, schreibt mir, aus welchem Staat ihr kommt". Auf seiner Facebook-Seite sind neben guten Wünschen und Tipps auch Beschimpfungen an die Adresse des Ausbrechers zu lesen.
Die britische Polizei hat nun angekündigt, bei der Suche nach dem Häftling mit Facebook zusammenzuarbeiten. Das Unternehmen hatte Lynchs alte Seite kurz vor Weihnachten gelöscht, wenig später stand eine neue Version online, die derzeit pro Stunde etwa 300 neue Fans gewinnt.
Noch ist unklar, ob Lynch selbst hinter den neuesten Botschaften steckt, doch immerhin fand ein Handy-Interview, dass er am Dienstag auf Facebook ankündigte, tatsächlich statt. "Sie werden mich nicht kriegen", zitiert die East Anglian Daily Times aus Lynchs Telefonat mit der Nachrichtenredaktion des Fernsehsenders Channel 5, "das hier wird erst vorbei sein, wenn ich freiwillig in eine Polizeistation marschiere und mich stelle".
Wie lange er bei einem derartigen Mitteilungsbedürfnis seinen Ruhm noch in Freiheit genießen werden kann, ist ungewiss. Den britischen Behörden hat er zumindest schon einmal über Facebook verraten, in welcher Stadt er seine Silvesterparty feiern wird.
- Soziale Netzwerke Die Facebook-Fahnder 10.12.2009
- Gefälschte Online-Profile Münchhausen 2.0 30.09.2009
- Facebook und der Datenschutz Mehr Privatsphäre? Von wegen! 12.12.2009
- Laptops in der Vorlesung Klappe zu, Student allein 20.05.2010
- Studentenprojekt Diaspora Vier gegen Facebook 18.05.2010
- Netz-Depeschen Deine Freunde werden dich vermissen 17.05.2010
- Foursquare und Co: Geschäft Geodaten Wir wissen, wo du bist 10.05.2010
(sueddeutsche.de/joku/gal)
Wirbel um Obama-Biographie
Lieber schwarzerkater,
das Phänomen, das dahintersteht, ist unserer Meinung nach schon berichtenswert, weil es etwas über den Medien- und Gesellschaftswandel aussagt.
Aber es könnte durchaus sein, dass solche Geschichten in wenigen Jahren beinahe alltäglich sind. Der Artikel soll dazu anregen, über die Folgen solcher Entwicklungen nachzudenken. Das anekdotische Wissen für die Silvesterparty gibt es als Bonus.
Beste Grüße und einen guten Rutsch wünscht,
Johannes Kuhn, sueddeutsche.de
Wenn ich lese, dass der Typ in der Stunde 300 neue Fans dazugewinnt, frage ich mich aber auch mal besser nicht, was in den Köpfen dieser Menschen vorgeht...zu viel zu tun scheinen die auch nicht zu haben.
Und die SZ macht munter mit! Wie ja auch bei so vielen anderen Leuten die nicht zu kennen auch kein Defizit für das Weltbild der Leser bedeuten würde.