Googles neue Nutzungsbedingungen Wir werden sterben und Google weiß, warum

Google will, dass jeder die Dienste des Unternehmens nur noch mit einem einzigen Konto nutzt. Das, was Google die Verbesserung seiner Dienste nennt, ist die Verbesserung seines Geschäfts. 20 Gedanken zu Googles Datenkollekte.

Von Bernd Graff

20 unsortierte, vielleicht zu hoch fliegende und böse landende Gedanken zu Googles Ankündigung, seine Nutzungsbedingungen und Datenschutzbestimmungen so anzupassen, dass es künftig alle Datenspuren der Nutzeraktivitäten auf prominenten Diensten wie Youtube, Gmail, Suchmaschine zusammenführen wird.

1. Diese Ankündigung beinhaltet in Wahrheit zwei wesentliche Änderungen. Zum einen: Die Nutzungsbestimmungen Googles aus mehr als 70 seiner Dienste werden zu einer Nutzungsbestimmung zusammengeführt. Das ist fein. Das dient der Übersichtlichkeit und wird etwa jener Forderung der neuen EU-Datenschutzverordnung (pdf) gerecht, solche Regelungen für den Nutzer transparenter und leichter verstehbar zu machen. Google dampft gewissermaßen sein Kleingedrucktes ein. Die zweite Änderung hat damit rein gar nichts zu tun. Denn nicht eingedampft, sondern zusammengeführt werden sollen die Informationen, die Google aus dem Nutzerverhalten auf seinen verschiedenen Diensten ziehen kann.

2. Verkauft wird dies als: "Wir behandeln dich über alle unsere Plattformen hinweg als der individuelle Nutzer, der du tatsächlich bist." Die Möglichkeit zur Ablehnung dieser "Policy" durch den Nutzer ist nicht mehr vorgesehen.

3. Das ist Quatsch.

4. Der genannte Grund für diese ungeheuerliche Datenkollekte: "Wir machen es euch Leuten leichter, unsere Regeln zu verstehen und bringen uns in die Lage, unsere Dienste zu verbessern." ("We believe this new, simpler policy will make it easier for people to understand our privacy practices as well as enable Google to improve the services we offer").

5. Das ist Quatsch: Ich kann es nicht mehr hören. ich werde wütend.

6. Das, was Google die Verbesserung seiner Dienste nennt, ist die Verbesserung seines Geschäfts. Die Kombination aus "mitgelesener" Gmail (Auswertung nach Schlagworten), das Wissen um die Suchbegriffe, die in den Suchschlitz eingegeben werden, die Videos, die man bei Youtube angeschaut hat, profilieren den Nutzer bereits. Zusammengelegt identifizieren sie ihn als Mensch aus seinem Verhalten. Das ist für Googles Interessen wesentlicher als etwa die Identifikation per Personalausweis.

7. Googles Geschäft besteht in der punktgenauen Platzierung von Werbung. Je präziser sie auf den Nutzer zugeschnitten ist, umso mehr Verkaufschancen haben die mit Google arbeitenden Werbepartner.

8. Data-Mining ist für Google der Schlüssel zum Erfolg. So verrückt es klingt: Je wirrer und disparater die Datenquellen sind, aus denen da geschürft wird, also Musikgeschmack und E-Mail-Verkehr etwa, umso präziser ist eine Person als Individuum seiner Vorlieben und seines Verhaltens erfasst. Aus der Kundennummer wird so der Mensch.

9. Auch Nicht-Verhalten ist Verhalten. Wer sich nicht äußert, spricht. Wer nicht soviele Musikvideos anschaut, wird wohl nicht der allergrößte Musik-Fan sein. Wer nur Krankheitsbegriffe in den Suchschlitz einfüttert (die per se nicht für Anzeigen ausgewertet werden), aber keine nach Fußballvereinen oder schöner Literatur, wird wohl Sorgen haben. Wer nicht wild und ausdauernd auf Google+-Hochzeiten tanzt, sondern nur mit immer denselben Personen plauscht, wird vielleicht wenig offen für neue Leute und Themen sein.

10. Alles ist vermarktbare Information für Google.

11. Die Tatsache, dass die Datenspuren eben nicht wegschmelzen wie der Winterschnee in der Frühjahrssonne, sondern (auf welche Zeit und in welcher Form auch immer) permanent in Googles Allzeitgedächtnis gespeichert sind, überantwortet dem Konzern neben der Gegenwart auch die Vergangenheit des Nutzers. Daraus wird seine Zukunft prognostiziert.

12. Google verfügt damit über mehr Identitätsbausteine als die lebende Identität des Nutzers selber. Wenn Google nicht vergisst, der Nutzer aber schon, dass er dasselbe Lied vor 2 Jahren, fünf Monaten, 7 Tagen und 16 Stunden schon einmal angehört hat, denselben Suchbegriff vor drei Monaten, 2 Tagen und 5 Stunden eingegeben hat.

13. Das Leben der Menschen in der Gegenwart ist ein disparates Hopping und Zappen von Baustelle zu Baustelle: Information, Medienkonsum und Kommunikation verlangen eine vernetze, hochgradig flüchtige Aufmerksamkeit. Googles Aufmerksamkeit ist nicht flüchtig, sie hoppt und zappt in die Tiefe, da sie die Vergangenheit mit der Gegenwart zu einer Art Metagegenwart der Nutzeridentität verbindet.

14. Googles Vorhaben, eine Infrastruktur des Webs aufzubauen und zu erhalten, ist tatsächlich der Versuch, eine Infrastruktur der Nutzeridentität aufzubauen.

15. Googles Macht basiert auf der großen Zahl: Viele Nutzer, viele Daten, viele unterschiedliche Services. Man muss Kraft und Verstand aufbringen, dem zu entkommen. Das geschieht nicht mehr beiläufig durch Ignorieren.

16. Es kann einem egal sein, ob Google jetzt Daten über mich sammelt. Was aber geschieht mit den Daten, wenn sie nicht (mehr) bei dem Google liegen, das wir heute kennen?

17. Wir haben noch viel zu wenig Zeit gehabt, das Internet und seine Möglichkeiten zu nutzen. Weil es das Internet noch nicht so lange für eine so große Masse an Menschen gibt.

18. Was ist mit dem Internet und seinen Möglichkeiten in, sagen wir, 50 Jahren? Die Daten, zwar nicht mehr zuordenbar aber immer weiter wachsend, sind dann noch da. In wessen Händen, zu wessen Zwecken, mit welchen Möglichkeiten, mit welchen Ergebnissen?

19. Wir werden sterben, Google wird womöglich wissen, woran.

20. Ersetzen Sie Google durch Facebook (Timeline), Apple (iCloud), Microsoft (live)!

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