Diskussion um Pornos in Island "Brutaler, widerwärtiger Kram"

Die Isländer streiten darüber, ob und wie man gegen Pornografie im Internet vorgehen kann. Dabei geht es vor allem um den Schutz von Kindern. Der Innenminister fordert einen staatlichen Filter. Netzaktivisten sind entsetzt. Ein Inselbesuch.

Von Thomas Kirchner

Die britische Boulevardpresse, die sich seit längerem gegen Pornografie im Internet engagiert, verbreitete die Nachricht Mitte Februar: Islands links-grüner Innenminister Ögmundur Jónasson wolle den Zugang zu Online-Pornografie auf der Insel beschränken. Erreichen ließe sich das, so der Minister, etwa durch das Blockieren von IP-Adressen oder das Verbot, mit isländischen Kreditkarten bestimmte Dienstleistungen zu bezahlen. Oder aber, und das fand die größte Aufmerksamkeit, durch einen staatlich betriebenen Filter, der all die unerwünschten Inhalte aus Islands Netz fischt.

Zur Erinnerung: Auch Ursula von der Leyen ("Zensursula") wollte einst in ihrer Funktion als Bundesfamilienministerin in Deutschland nur Kinderpornografie herausfiltern, auch damit ist sie gescheitert. Netzaktivisten reagierten entsetzt auf den Vorstoß aus Island. Solche Filter seien erstens technisch nie perfekt, und sie öffneten Tür und Tor für einen Überwachungsstaat à la China und Iran, die das Internet in großem Ausmaß zensieren. Und das aus einem Land, das sich als "Hafen" für Internet- und Informationsfreiheit versteht. Smari McCarthy, Direktor der International Modern Media Initiative in Reykjavik, sprach gar von "faschistischen" Plänen und erklärte den Minister für verrückt.

Wobei die Idee eigentlich nicht von diesem stammt, sondern von seiner politischen Beraterin Halla Gunnarsdóttir, 32, gelernte Lehrerin und ehemalige Parlamentsreporterin. Beim Gespräch in einem Café in Reykjavik ärgert sich Halla (in Island ist der Vorname wichtiger), dass überall von einem geplanten "Gesetz" die Rede sei. Soweit sei es nicht. "Ausgangspunkt war die Frage, wie man die Zahl der Vergewaltigungen senken kann", erklärt Halla. "Auf einer Konferenz berichteten Ermittler, Sozialarbeiter und Wissenschaftler dann auch über die Folgen brutaler Pornografie für Kinder. Sie hatten beobachtet, wie Kinder Gewaltszenen nachspielen. Wir haben eine Kommission gebildet, und über deren Vorschläge reden wir jetzt."

Unterscheidung zwischen "Okay-Sex" und Brutalität

Pornografie zu verbreiten, ist eigentlich seit Jahrzehnten verboten in Island. Der Staat greift nur nicht ein, weil es keine eindeutige Definition gibt. Die will die Regierung nun liefern und zwischen "Okay-Sex" und "brutalen und erniedrigenden" Darstellungen unterscheiden - eine Aufgabe, an der Juristen bisher gescheitert sind.

Die Trennung wird also schwierig, aber in Hallas Augen gibt es ohnehin kaum Okay-Sex im Netz. Wenn Kinder dort das Wort "Sex" eingäben, fänden sie kaum "Kuschelporno mit konsensuellem Sex", sondern "brutalen, widerwärtigen Kram", sagt Halla. Da könne man schon mal über ein Verbot nachdenken, man lasse ja auch nicht Heroinhändler auf dem Schulhof herumlaufen. "Ich weiß, dass alles, was man verbietet, trotzdem seinen Weg zu den Leuten findet. Aber wenn wir es schaffen würden, 80 Prozent der Elfjährigen vor dem Kontakt mit solchem Zeug zu bewahren, wäre das keinen Versuch wert?"

Es gibt keinen Konsens unter Wissenschaftlern zu der Frage, was der Konsum von harter Pornografie in den Köpfen von Kindern oder Jugendlichen anrichtet. Manche Psychologen konstatieren Traumata und eine gestörte Beziehung zum anderen Geschlecht, eine Studie der Universität Montreal von 2009 verneint solche Folgen.