Digitalisierung von Büchern Willkommen in der größten Bibliothek aller Zeiten

Labor für die Digitalisierung: Schon seit 2010 bietet die Bayerische Staatsbibliothek digitale Versionen ihrer kostbarsten Buch-Schätze an (Archivfoto).

(Foto: dpa)
  • Viele E-Book-Leser fragen sich, wie sie die digitalen Bücher längerfristig aufbewahren und auch in fernerer Zeit noch nutzen können.
  • Öffentliche Bibliotheken investieren Millionen in die Digitalisierung älterer Bücher und die Archivierung von E-Books.
  • Die Bayerische Staatsbibliothek in München ist zu einem zentralen Labor der Digitalisierung geworden.
  • Gleichzeitig beobachten die Bibliotheken aber stetig wachsenden Besucherzahlen in ihren - analogen - Lesesälen.
Von Johan Schloemann

Wer sich ein paar E-Books auf sein Kindle geladen hat oder auf sein iPad oder sonst ein Lesegerät, der stellt sich die Frage ja nicht sofort. Erst mal weiter im Text: klicken, tippen, wischen. Und nachts im Bett leuchten die Bücher sogar! Doch je mehr wir uns an das digitale Lesen gewöhnen, je mehr es den Kreis der "Early Adopters" verlässt, und auch: je älter die Nutzer solcher Geräte werden, desto dringlicher wird die Frage: Welche Haltbarkeit hat denn das Ganze? Kann ich meine E-Books eigentlich längerfristig aufbewahren, verleihen, verschenken, vererben? Oder sind die Dateiformate nicht ohnehin irgendwann unlesbar, wenn es wieder neue Firmen und Techniken gibt?

Die Antwort der kommerziellen Anbieter lautet bisher überwiegend: Pech gehabt. Ihr habt für den Zugang gezahlt, vielen Dank, liebe Kunden; ob er auch zum richtigen Besitz werden kann, ist uns ziemlich egal. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht aber, die Rettung der Bücher, kommt aus öffentlichen Einrichtungen. Sie heißt "Langzeitarchivierung". Was für alle normalen Computernutzer, die immer neue Apparate kaufen und immer neue Software beherrschen müssen, intuitiv unwahrscheinlich klingt, das ist so ziemlich felsenfest sicher: Wenn die Welt dann noch steht, werden die E-Books und die digitalisierten älteren Bücher auch in fünfzig oder hundert Jahren und länger noch gespeichert und lesbar sein. Leibhaftige sowie automatische Überspiel-Profis in staatlichen Bibliotheken sorgen dafür.

"Wir haben das Problem technisch gelöst", versichert uns Rolf Griebel. Der Mann muss es wissen: Er hat zwanzig Jahre lang an der Bayerischen Staatsbibliothek in München gearbeitet und zuletzt gut zehn Jahre lang als deren Generaldirektor. An diesem Donnerstag wird Griebel feierlich verabschiedet. Und auch wenn die Anfänge der "elektronischen Datenverarbeitung" und der Computer-Katalogisierung schon Jahrzehnte zurückliegen, so sind es doch genau diese letzten zwanzig Jahre, in denen die Digitalisierung und das Internet die Bibliotheken und Archive im Sturm erfasst haben und damit den gesamten Wissensspeicher der Welt.

"Konservativ" als technologische Herausforderung

In der föderalen Bibliothekslandschaft Deutschlands, die keine wirkliche Nationalbibliothek kennt, aber ein paar sehr große, wichtige Institutionen, die gemeinsam eine Nationalbibliothek bilden, ist München in dieser Zeit zu einem zentralen Labor der Digitalisierung geworden. So wurde in Bayern der Begriff "konservativ" neu interpretiert: als technologische Herausforderung. Als erste der großen Universal- und Forschungsbibliotheken Kontinentaleuropas stieg München im Jahr 2007 beim großen Büchersammeln der Firma Google ein, beim Scannen der urheberrechtsfreien Bücher wurde vor zwei Jahren der einmillionste Band erreicht. Ebenfalls elektronisch eingelesen, aber ohne Google, wurden wertvolle Handschriften und Wiegendrucke, hinzu kommt alles Digitale, was neu publiziert wird.

An zwei Zahlenverhältnissen zeigt sich der gewaltige Umbruch: Gab es in den Geisteswissenschaften vor zwanzig Jahren praktisch nur gedruckte Publikationen, so erscheinen dort jetzt nur noch 50 Prozent ausschließlich im Print, die andere Hälfte kommt parallel digital und gedruckt heraus; in anderen Fachgebieten, wo die Monografie nicht den sogenannten Goldstandard für akademische Karrieren darstellt, sind die elektronischen Texte noch viel dominanter. Und die Bayerische Staatsbibliothek verzeichnete zuletzt 1,8 Millionen Bände, die pro Jahr physisch ausgeliehen wurden ("Ortsleihe") - gleichzeitig lagen die Downloads übers Netz bei 800 000.

In ganz Europa sind riesige digitale Bestände frei zugänglich

Und jetzt noch eine Zahl: 1,5 Millionen Euro im Jahr gibt die Münchner Bibliothek für ihre digitale Infrastruktur aus - also nicht für das Einscannen, nicht für Bücherkäufe oder Lizenzen, sondern nur für den Apparat, für die ständige Bereitstellung ihrer digitalen Angebote. Anderthalb Millionen, das kostet bei Google oder Facebook wahrscheinlich nur die Stromrechnung für ein paar Tage - aber für diese wichtige öffentliche Dienstleistung zahlt selbst der noch vergleichsweise großzügige Freistaat Bayern nur weniger als ein Drittel, der Rest ist Defizit. Vielen IT-Spezialisten kann die Bibliothek, in Konkurrenz mit starken privaten Firmen in München, nur magere befristete Stellen anbieten. Eine Diskrepanz, die anschaulich macht, welche Mammutaufgabe die öffentlichen Bibliotheken da übernommen haben.