Datenschutz-Allianz aus Telekom, Gmx und Web.de Digitaler Briefumschlag für E-Mails

E-Mails mit Schloß: United-Internet-Chef Ralph Dommermuth (links) und Telekom-Chef René Obermann

(Foto: REUTERS)

US-Unternehmen kapitulieren vor der Staatsmacht und schalten ihre Verschlüsselungsdienste ab. In Deutschland will eine Allianz aus Telekom, Gmx und Web.de den Überwachungsskandal hingegen nutzen und E-Mails künftig geschützt verschicken. Auf den Servern ändert sich aber nichts.

Von Markus Balser, Berlin und Pascal Paukner

Ein Symbol aus alten Tagen muss am Freitag in Berlin herhalten, um den verunsicherten Deutschen ein Stück Vertrauen in ihren Datenschutz zurückzugeben: Telekom-Chef René Obermann und United-Internet-Chef Ralph Dommermuth posieren am Rande einer Pressekonferenz für mehr Datensicherheit mit einem Vorhängeschoss aus Pappe für Fotografen. "E-Mail made in Germany" steht über der Bühne in der Hauptstadtrepräsentanz der Telekom. Die Botschaft ist klar: Jetzt wird's sicher.

Eigentlich sind die Telekom und United Internet Konkurrenten. Doch die Angst der Kunden sitzt längst so tief, dass sich die Unternehmen nun zusammentun, um ihr derzeit größtes Imageproblem zu bekämpfen. Mit einem gemeinsamen Vorstoß zur Verschlüsselung von E-Mails wollen sie den Deutschen ein Stück Sicherheit zurückgeben, in dieser derzeit so unsicher scheinenden digitalen Welt.

Deshalb hat die Deutsche Telekom am Freitag gemeinsam mit den United-Internet-Diensten GMX und Web.de eine Initiative zur sicheren Übertragung von E-Mails gestartet. Die E-Mails von Nutzern der deutschen Anbieter werden zwischen den Diensten künftig verschlüsselt übermittelt. Nutzern werde "erstmals eine automatische Verschlüsselung von Daten auf allen Übertragungswegen ermöglicht" und zugesichert, hieß es. Der Dienst funktioniert bislang nur für E-Mails, die zwischen den beteiligten Anbietern hin und her geschickt werden. Aber eine Kooperation mit weiteren deutschen Anbietern ist angedacht. Möglicherweise soll das Modell sogar auf ganz Europa übertragen werden.

Technologie existiert seit Jahren, Einsatz nicht flächendeckend

Technisch wird dies erreicht, indem der E-Mail-Verkehr auf dem Transportweg künftig mit der SSL- und TLS-Technologie verschlüsselt wird. Eine Technik, die bereits seit Jahren existiert, aber noch immer nicht flächendeckend eingesetzt wird. Zu ihrer Verbreitung will die Allianz nun beitragen. "Wir machen den E-Mail-Verkehr in Deutschland sicherer", sagte Telekom-Chef Obermann.

Noch ist der seit Wochen andauernde Überwachungsskandal für die deutschen Internetunternehmen ein Nullsummenspiel. Aber das könnte sich schnell ändern. Zwar laufen die Geschäfte, das belegen etwa neue Zahlen der Telekom, noch immer ordentlich. Aber richtig profitieren kann die Branche vom vermeintlichen Standortvorteil außerhalb der USA auch nicht. Vielmehr sinkt auch hierzulande das Vertrauen in Internetdienste.

Eine kürzlich veröffentliche Forsa-Umfrage ergab, dass 48 Prozent der Deutschen seit Beginn der Überwachungsaffäre Vertrauen in die Anbieter von Online-Diensten verloren haben. Besonders überraschend: Vor allem Menschen unter 30 Jahren geben an, ihr Kommunikationsverhalten seitdem verändert zu haben. Zwar sind es laut der Umfrage nur zehn Prozent aller Webnutzer, aber immerhin. "Per Saldo ist das Thema eher schädlich", befürchtet Telekom-Chef Obermann.

Was also tun? Aussitzen und so tun, als wäre Deutschland nicht betroffen? Gegensteuern und riskieren, die Nutzer noch mehr zu verunsichern? Die Initiative hat sich für einen Mittelweg entschieden. "Aus der Bedrohung eine Chance machen", nennt United-Internet-Chef Ralph Dommermuth das Vorhaben, das weitreichende Folgen haben könnte - allein schon wegen der Millionen Nutzer. Zwei Drittel aller E-Mail-Konten in Deutschland stammen von den beteiligten Anbietern. Das ist angesichts der Allgegenwart von Internet-Konzernen wie Google und Microsoft im World Wide Web eine bemerkenswert nationale Angelegenheit.

Diese Millionen Anwender bekommen nun einen sicheren Übertragungsweg für ihre E-Mails zur Verfügung gestellt. Für viele von ihnen dürfte es das erste Mal sein, dass sie ihre elektronische Nachrichten statt auf einer offen einsehbaren, digitalen Postkarte in einem digitalen Briefumschlag verschicken. Der kann zumindest auf dem Transportweg von niemandem gelesen werden kann, wenn er denn zwischen Telekom, Gmx und Web.de verschickt wird. Doch, ob die Initiative den Unternehmen wirklich den erhofften Applaus einbringt, ist fraglich.

Der Internetaktivist und Vorsitzende des Bürgerrechtsvereins Digitale Gesellschaft, Markus Beckedahl, äußerte im Gespräch mit Süddeutsche.de Zweifel an der Wirksamkeit des Systems gegen staatliche Überwachung: "Das Ganze klingt, wie von einer Marketingabteilung ausgedacht", sagt Beckedahl. Es sei zwar lobenswert, dass die Telekom und United Internet ihren Kunden eine seit Jahren existierende Technologie nun auch anböten. "Das Problem ist allerdings, dass die Daten auf den Server nach wie vor unverschlüsselt vorliegen und dort staatliche Behörden potentiell Zugriff darauf haben", sagte Beckedahl. Von den Unternehmen ist das so durchaus gewollt. Natürlich sei man verpflichtet, Daten an die deutschen Behörden herauszugeben. An die US-Geheimdienste würde aber "von Deutschland aus" nichts geliefert, sagt Telekom-Chef Obermann.

Amerikanische Dienste schalten ab

"Deutsche Anbieter bieten wahrscheinlich noch mehr Datenschutz als andere", meint auch Beckedahl. Wer aber wirklich sicher kommunizieren möchte, müsse auf End-to-End-Verschlüsslung setzen. Das heißt auf Nachrichten, die auf dem Rechner des Absenders verschlüsselt und erst auf dem Rechner des Empfängers wieder entschlüsselt werden. Das System der deutschen Internet-Allianz "suggeriert eine Sicherheit, die nicht existiert", meint Beckedahl.

Ob Verschlüsselung überhaupt noch eine Antwort auf den staatlichen Überwachungsskandal ist, steht seit Freitag ohnehin stärker denn je in Frage. In den USA haben gleich zwei Anbieter vor den Allmachtsansprüchen der NSA kapituliert. Sie gaben das Ende ihrer Dienste bekannt, weil die Sicherheit trotz massiver Schutzmaßnahmen nicht mehr zu gewährleisten sei.