Chancen und Gefahren sozialer Netzwerke "Wo ist die Party? Hier ist die Party!"

Einsamkeit, Sucht, Selbstmord - wenn Menschen ihre sozialen Beziehungen im Internet führen, drohen große Gefahren, heißt es oft. Doch Forscher stellen fest: Facebook und andere Netzwerke machen nicht einsam, sondern helfen, Freundschaften zu erhalten.

Von Christian Weber

Das Schulmädchen Merthe aus dem niederländischen Städtchen Haren wollte nur mit ein paar guten Freunden ihren 16. Geburtstag feiern. Aber dann meldeten sich 30 000 Gäste für den Termin am 23. September 2012 an, Tausende kamen tatsächlich. "Wo ist die Party? Hier ist die Party!", brüllten die aus dem ganzen Land angereisten Jugendlichen, einen landesüblichen Schlachtruf zitierend.

Sie waren ein wenig enttäuscht, dass Merthe die Veranstaltung wieder abgesagt hatte. So zertrümmerten sie halt ein paar Scheiben, plünderten einen Supermarkt, zerbeulten Autos. Der Tag endete mit Dutzenden Verletzten und Festnahmen. Der Sachschaden ging in die Millionenhöhe, womit schon mal zwei wichtige Punkte angesprochen wären. Erstens: Nein, das Internet macht nicht notwendigerweise einsam. Zweitens: Bitte beachten Sie Risiken und Nebenwirkungen.

Bei der "Schlacht von Haren", so tauften niederländische Zeitungen das Ereignis, handelte es sich um eine der berüchtigten Facebook-Partys, die sich immer dann bilden können, wenn der gut vernetzte User vergisst, eine Einladung mit einem Häkchen als privat zu deklarieren. In Haren hatte das zur Folge, dass sie rund 250 000-mal weitergepostet wurde - mit den beschriebenen Folgen.

Warnende Stimmen

Noch zur Jahrtausendwende schien die Sache klar zu sein, in der Wissenschaft dominierten die warnenden Stimmen, die dem Harvard-Politologen Robert Putnam folgten, der in seinem berühmten, 1995 publizierten Text Bowling Alone: America's Declining Social Capital vermutete, neue Medien und Technologien könnten zu Vereinzelung und nachlassendem gesellschaftlichen Engagement führen.

Es ändere sich etwas, wenn man Beziehungen nur noch auf dem Bildschirm führe, schrieb etwa der konservative britische Philosoph Roger Scruton in einem Essay im Magazin The New Atlantic, wenn man Freunde wie ein YouTube-Video anklicke, wenn man all die feinen verbalen und körperlichen Signale eines Menschen nicht mehr erfasse: "Das Gesicht des anderen ist ein Spiegel, in dem man sich selber sieht."

Ich fotografiere, also bin ich

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Dieser schön formulierte Satz stimmt in sich natürlich, geht aber von einer falschen Voraussetzung aus, nämlich der, dass in sozialen Netzwerken virtuelle Freunde die realen Freunde einfach ersetzen. Das aber ist so nicht der Fall.