Süddeutsche Zeitung

Chancen und Gefahren sozialer Netzwerke:"Wo ist die Party? Hier ist die Party!"

Lesezeit: 6 min

Einsamkeit, Sucht, Selbstmord - wenn Menschen ihre sozialen Beziehungen im Internet führen, drohen große Gefahren, heißt es oft. Doch Forscher stellen fest: Facebook und andere Netzwerke machen nicht einsam, sondern helfen, Freundschaften zu erhalten.

Christian Weber

Das Schulmädchen Merthe aus dem niederländischen Städtchen Haren wollte nur mit ein paar guten Freunden ihren 16. Geburtstag feiern. Aber dann meldeten sich 30 000 Gäste für den Termin am 23. September 2012 an, Tausende kamen tatsächlich. "Wo ist die Party? Hier ist die Party!", brüllten die aus dem ganzen Land angereisten Jugendlichen, einen landesüblichen Schlachtruf zitierend.

Sie waren ein wenig enttäuscht, dass Merthe die Veranstaltung wieder abgesagt hatte. So zertrümmerten sie halt ein paar Scheiben, plünderten einen Supermarkt, zerbeulten Autos. Der Tag endete mit Dutzenden Verletzten und Festnahmen. Der Sachschaden ging in die Millionenhöhe, womit schon mal zwei wichtige Punkte angesprochen wären. Erstens: Nein, das Internet macht nicht notwendigerweise einsam. Zweitens: Bitte beachten Sie Risiken und Nebenwirkungen.

Bei der "Schlacht von Haren", so tauften niederländische Zeitungen das Ereignis, handelte es sich um eine der berüchtigten Facebook-Partys, die sich immer dann bilden können, wenn der gut vernetzte User vergisst, eine Einladung mit einem Häkchen als privat zu deklarieren. In Haren hatte das zur Folge, dass sie rund 250 000-mal weitergepostet wurde - mit den beschriebenen Folgen.

Warnende Stimmen

Noch zur Jahrtausendwende schien die Sache klar zu sein, in der Wissenschaft dominierten die warnenden Stimmen, die dem Harvard-Politologen Robert Putnam folgten, der in seinem berühmten, 1995 publizierten Text Bowling Alone: America's Declining Social Capital vermutete, neue Medien und Technologien könnten zu Vereinzelung und nachlassendem gesellschaftlichen Engagement führen.

Es ändere sich etwas, wenn man Beziehungen nur noch auf dem Bildschirm führe, schrieb etwa der konservative britische Philosoph Roger Scruton in einem Essay im Magazin The New Atlantic, wenn man Freunde wie ein YouTube-Video anklicke, wenn man all die feinen verbalen und körperlichen Signale eines Menschen nicht mehr erfasse: "Das Gesicht des anderen ist ein Spiegel, in dem man sich selber sieht."

Dieser schön formulierte Satz stimmt in sich natürlich, geht aber von einer falschen Voraussetzung aus, nämlich der, dass in sozialen Netzwerken virtuelle Freunde die realen Freunde einfach ersetzen. Das aber ist so nicht der Fall.

"Online-Freundschaften vertiefen und erhalten in aller Regel Offline-Freundschaften", sagt der Sozialpsychologe Jaap Denissen von der Berliner Humboldt Universität. "All diese Kulturkritiker machen mich eigentlich nur noch müde." Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat verschiedenen Studien zufolge so ungefähr 120 Bildschirm-Bekannte, von denen nur vier bis sechs wirklich gute Freunde sind. Ähnliche Zahlen nennt seit Langem auch die Freundschaftsforschung aus der analogen Welt. Über Internet kommunizieren Menschen am häufigsten mit jenen Freunden, denen sie auch offline am nächsten stehen. Selbst beim Handy gehen einer Studie zufolge 80 Prozent der Anrufe an nur vier Nummern.

Die Sache liegt eher umgekehrt: Facebook und verschiedene andere Dienste im Social Web erleichtern es, alte Schulkameraden wiederzufinden, den Kontakt zu weggezogenen Freunden aufrechtzuerhalten, oft sogar, neue Menschen kennenzulernen.

Was spricht denn dagegen, wenn Väter mit ihren erwachsen gewordenen Kindern skypen, die gerade ein Praktikum in Indien verbringen; wenn man über die schlampige, aber schnelle E-Mail Kontakt zu mittelwichtigen Menschen hält, denen man nie im Leben einen Brief oder eine Postkarte schreiben würde; oder wenn man sich als Extrem-Couchsurfer wie der niederländische Journalist Wijnand Boon mit iPhone und Gitarre auf eine 11 000 Kilometer lange Pilgerwanderung von Leiden erst nach Santiago de Compostela, dann nach Rom und Jerusalem begibt und sich dabei seit zwei Jahren problemlos sämtliche Unterkünfte über soziale Netzwerke organisiert? Seine letzte Ortsmeldung dieser Tage - zu verfolgen über www.twalkwithme.eu - kam aus dem Örtchen Colle di Val d'Elsa in der Toskana.

Es ist eben nicht so, dass neue Medien und Technologie, wie von Putnam befürchtet, eher apathisch, unpolitisch und ungesellig machen. Dagegen spricht auch ein natürliches Experiment, das sich vor einigen Jahren in den neuen Ländern abspielte und von den Bildungsökonomen Stefan Bauernschuster, Oliver Falck und Ludger Wößmann für das Münchner Ifo Institut für Wirtschaftsforschung untersucht wurde: Sie nutzten die Tatsache, dass in einigen ostdeutschen Regionen aus technischen Gründen kein DSL-Zugang möglich war, sodass man Internetnutzer mit dieser Gruppe von Menschen vergleichen konnte, die aus Zufallsgründen ohne Netz war.

Anhand der Daten von mehr als 18 000 Menschen kamen die Forscher zu einem überraschenden Ergebnis: "Die neuen Befunde belegen erstmals, dass das Internet die gesellschaftliche Betätigung nicht zerstört, sondern sogar eher fördert", berichtete Wößmann 2010. "Der schnelle Internetanschluss führt dazu, dass Menschen sich nach eigenen Angaben öfter ehrenamtlich in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten betätigen und sich in Parteien, der Kommunalpolitik oder Bürgerinitiativen engagieren. Auch haben sie mehr enge Freunde und besuchen häufiger Theater, Oper, Ausstellungen, Konzerte, Kino, Disco, Restaurants, Bars oder Sportveranstaltungen."

"The-rich-gets-richer"-Effekt

Widerlegt wurden mittlerweile auch frühe Studien, die zu dem Ergebnis kamen, das Internet mache tendenziell alle Nutzer einsamer. "Das waren Selektionseffekte", sagt die Medienpsychologin Sabine Trepte von der Hamburg Media School und der Universität Hamburg. "Die ohnehin Einsamen nutzen das Internet damals wie heute als Rückzugsraum. Man hat früher nicht bedacht, dass Einsame mehr Zeit im Internet verbringen." In Wirklichkeit gebe es eher einen "The-rich-gets-richer"-Effekt: Wer ohnehin viele Freunde hat, kriegt über soziale Netzwerke noch mehr Freunde. Unklar sei hingegen, ob der Einsame vor dem Bildschirm noch einsamer werde.

Zumindest scheine sich laut Studienlage nicht die Hoffnung zu bestätigen, dass die niedrigen Zugangsschwellen zum virtuellen Raum es schüchternen Menschen ermöglichen, ihre Isolation im echten Leben zu durchbrechen. "Die finden schon Kontakte, schaffen es aber nur selten, diese in Offline-Freundschaften umzumünzen", sagt Trepte. Stark profitieren würden hingegen die traumatisierten und kranken Menschen, die sich in Selbsthilfeforen mit Leidensgenossen austauschen können und derart Unterstützung erfahren. "Für diese Menschen ist das Internet ein Segen", berichtet die Medienforscherin.

Doch daneben gibt es eben auch die schwarzen Seiten des sozialen Netzes, von denen Facebook-Partys wahrscheinlich noch das kleinste und am leichtesten zu verhindernde Übel sind. Schwerer wiegt, dass insbesondere die Frauen unter den geschätzt 560 000 internetabhängigen Menschen in Deutschland ein Facebook-Problem haben; so berichtet es zumindest die Arbeitsgruppe um den Psychiater Hans-Jürgen Rumpf von der Universität Lübeck in einer Studie für das Bundesgesundheitsministerium.

Auch Cybermobbing ist ein wohl unterschätztes Problem. Forscher der Universität Münster ermittelten Ende 2011 in einer repräsentativen Studie für die Techniker Krankenkasse, dass 37 Prozent der Schüler zwischen 14 und 20 Jahren schon mal über Handy, E-Mails oder Internet-Communities belästigt oder beleidigt wurden.

Besonders gefährlich wird es, wenn sich der virtuelle Mobber dabei freizügiger Bilder aus dem sogenannten Sexting bedienen kann, dem Austausch von Nacktfotos unter Jugendlichen. Das kann so enden wie bei der 15-jährigen kanadischen Schülerin Amanda Todd, die sich Anfang Oktober das Leben nahm. Sie hatte naiverweise ein Foto ihrer nackten Brüste einem anonymen Mann gemailt, das dieser über Facebook verbreitete. Ihre Mitschüler mobbten sie daraufhin, Amanda verfiel in Depression. "Ich habe jede Nacht geweint und alle Freunde verloren", schrieb sie auf weiße Karten, die sie vor dem Suizid in ihrem Abschiedsvideo zeigte. Das stellte sie auf YouTube, bis Donnerstagnachmittag hatten es 2,7 Millionen Menschen angesehen.

Es handelt sich um einen Extremfall, der aber ein zentrales Problem in den sozialen Medien illustriert: das Management der eigenen Privatsphäre. Es ist eben nicht so gekommen wie früher befürchtet, dass im Internet völlig anonyme Nutzer miteinander interagieren. "Im Netz wird belohnt, wer authentisch ist und etwas von sich preisgibt", sagt Sabine Trepte, "nur der bekommt die soziale Belohnung und Aufmerksamkeit, nach der sich alle Menschen sehnen. Diese führt dann wiederum zu längeren Online-Aufenthalten - es ist eine Spirale, die sich selber verstärkt."

"Neuer, gleichsam alter Menschentypus"

Paradoxerweise machten sich die meisten Teilnehmer in Facebook "theoretisch schreckliche Sorgen", dass private Information ins Netz diffundiert, weshalb sie die Privacy-Einstellungen so wählen, dass nur die Freunde alles mitbekommen. "Bloß realisieren die meisten User nicht, dass dann immer noch 300 bis 400 Leute ihre Postings lesen", sagt Trepte. "Viele unterliegen einer Kontroll-Illusion." So geschieht es dann, dass plötzlich ein Personalchef am Bildschirm kopfschüttelnd die lustigen Saufbilder des Bewerbers betrachtet.

Es gilt also das Gleiche wie bei allen Angeboten des Internets, man muss den Umgang mit ihnen erlernen. Eine Milliarde Mitglieder meldete Facebook im Oktober 2012, und es ist trotz erster Ermüdungserscheinungen unwahrscheinlich, dass soziale Netzwerke sich wieder auflösen werden. Schon jetzt gelte man langsam als Sonderling, wenn man nicht mitmache, vergleichbar jenen Menschen, die einst zögerten, sich ein Handy anzuschaffen, bedauerte der Zeit-Feuilletonist Adam Soboczynski 2009.

Das Web 2.0 lasse "einen neuen, gleichsam alten Menschentypus auf die Bühne treten: den sozial hyperaktiven, den um Status und Witz kämpfenden Höfling, den reaktionsschnellen und bewertungssüchtigen, den geistreichen Parvenü", schrieb Soboczynski. "Im Internet werden Kulturen der Kommunikation eingeschliffen, die nicht nur schön sind", sagt Trepte. "Es haben Leute Erfolg, die positiv, humorvoll und schlagfertig sind, die Nachdenklichen und Zurückhaltenden haben da einen Nachteil." Aber ist das nicht im richtigen Leben ebenso?

Dennoch könnte es ein Grund sein, wieder mehr in der analogen Welt zu kommunizieren. Auch wenn die Daten widerlegen, dass man über das Internet Freunde verliert, deuten andere Studien darauf hin, dass der Umgang mit Online-Freunden nicht zu einer größeren Lebenszufriedenheit führt. Wirkliche emotionale und soziale Unterstützung gebe es nur bei physischer Nähe, sagt Trepte. "Die reine Facebook-Bekanntschaft holt einen nicht vom Flughafen oder aus dem Krankenhaus ab."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1507167
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 26.10.2012
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.