29. August 2010, 11:51 Freiheit im Internet Die Welt der Klick-Arbeiter

Auf den digitalen Tummelplätzen hinterlassen alle ihre Spuren - nicht immer wissentlich. Klick-Arbeiter finden sie - und machen die Unterscheidung von privat und öffentlich obsolet.

Ein Essay von Norbert Bolz

Der Autor ist Medien- und Kommunikationstheoretiker und lehrt an der TU Berlin. Zuletzt erschien von ihm "Die ungeliebte Freiheit. Ein Lagebericht" (Wilhelm Fink Verlag, 2010)

Schatz, die Raketenpost ist da

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Wenn Allwissenheit ein Merkmal Gottes ist, dann kann man Google göttlich nennen. Je mehr Menschen Google nutzen, desto größer wird die Angst vor seiner Allmacht. Die Macht liegt nämlich dort, wo die Standards der Informationsverarbeitung fixiert werden. Denn heute ist alles Information: das Leben, das Geld, meine Identität. Ein Kultwort unserer Zeit lautet deshalb "Apps". Gemeint sind die Tausende Applikationen, in denen sich Software in passgenaue Dienstleistungen verwandelt. Spätestens seit Apples iPhone leben wir in einer Kultur des allgegenwärtigen Computierens, im Zeitalter des digitalen Utilitarismus.

Je mehr Informationen wir haben, desto knapper werden wichtige Informationen - und desto wichtiger werden Informationen über Informationen. Das bieten Suchmaschinen. Im Angelsächsischen gibt es einen schönen Ausdruck für die Arbeit von Geheimdiensten: Intelligence Service. Heute erbringt Google als eine Art Geheimdienst des Alltags genau diese Dienstleistung der Intelligenz. Das wird sofort verständlich, wenn man sich klarmacht, dass Intelligenz der Inbegriff von Suchtechniken ist. Und wenn der Suchraum groß genug ist, kann man Suchen nicht mehr von Kreativität unterscheiden. So lautet der natürliche Anspruch von Google: alles für jeden jederzeit und überall. Alles und alle werden transparent, erreichbar und verfügbar.

Das Internet ist ein globaler Computer, und wir alle sind die "Clickworker", die Mausklick-Arbeiter seines Programms, das sich evolutionär entwickelt. Jeder Mausklick ist ja eine kleine Transaktion und hinterlässt eine Datenspur. Das heißt aber, dass jeder, der Google nutzt, der Firma hilft, ihre Algorithmen zu verbessern. Wir arbeiten alle mit am Popularitätsalgorithmus von Google. Das macht man sich natürlich nur selten bewusst, und deshalb erscheint Google wie ein Orakel. Sein Algorithmus der Empfehlungen und Bewertungen wirkt wie ein wunderbarer Kurzschluss durch den Informationsdschungel. Niemand kennt diesen Algorithmus, aber was er leistet, ist klar: Suchmaschinen protokollieren unsere Aufmerksamkeit. Sie gehen davon aus, dass wichtig ist, was die wichtigen Anderen wichtig finden. Und dass die meisten wollen, was die meisten wollen. Dafür hat sich der Ausdruck "kollaborativer Filter" durchgesetzt. Zu Deutsch: meinesgleichen geschieht. Und weil ich das Urteil von meinesgleichen nutze, um mich im Dschungel der Informationen und Optionen zurechtzufinden, können Firmen wie Amazon ein Marketing der Vorlieben entwickeln. "Kunden, die A kauften, haben auch B und C gekauft."

Die Spuren der Klicks

Zusammen mit dem sogenannten Neuromarketing startet das Datensammeln der Suchmaschinen einen Zangenangriff auf den Konsumenten des 21. Jahrhunderts. An Konsumentendaten heranzukommen ist aber nicht nur die Bedingung der Leistungsfähigkeit von Suchmaschinen, sondern auch von sozialen Netzwerken. Suchmaschinen produzieren die Homogenität der Gleichgesinnten in Geschmacks-Clustern. Hinzu kommt die Selbstselektion der Gleichgesinnten in den Communities, den virtuellen Gemeinschaften. Das 21. Jahrhundert hat also nicht mehr das Problem des Massenkonformismus durch Massenmedien, sondern das Problem der Gleichgesinntheit in digitalen Echokammern.

Seit 1994 gibt es die sogenannten Cookies, die auf dem Computer des Nutzers selbst Dateien erstellen, die sein Suchverhalten und den "Clickstream" speichern. So entstehen Nutzerprofile, die von den Unternehmen für Werbung und Marketing ausgewertet werden können. Doch diese Profile werden uns nicht nur angetan; wir produzieren sie selbst mit jeder Selbstauskunft, mit jedem Mausklick. Und zum Verdruss der Datenschützer gibt es immer mehr Menschen - und keineswegs nur "unwissende" Jugendliche! -, die ihre Daten gerne preisgeben. Das sollte aber nicht mehr überraschen. Es gibt ja auch Unzählige, die sich telefonisch oder in der Innenstadt den "Umfragen" öffnen und bereitwillig über ihr Konsumverhalten oder ihre politische Meinung Auskunft geben.

Der Kampf hat begonnen

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Was steckt dahinter? Offensichtlich das, was der amerikanische Philosoph John Dewey einmal den Wunsch, wichtig zu sein, genannt hat. Das Profil ist die öffentliche Ausstellung der Identität. Wir opfern Privatheit für Aufmerksamkeit. Dieses zentrale soziale Phänomen ist natürlich so alt wie die Zivilisation. Aber unter Internetbedingungen hat es eine neue Qualität angenommen. Unaufhörlich arbeiten die vernetzten Computer der Welt als unsere Profiler. Mehr und mehr gewöhnen wir uns an den Alltag der permanenten Überwachung, der Screening und Monitoring heißt. So wandelt sich das bürgerliche Individuum in den ständig und infinitesimal Überwachten.

Die Kunst der großen Reinlege

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Sammeln, suchen, überwachen - das ist Googles Welt. Und ihr entspricht ein interessantes, neues Konzept von persönlicher Identität, das man auf eine einfache Formel bringen könnte: Ich bin meine Maus-Klicks. Identität ist heute eine Rechenaufgabe, und zwar geht es um eine Extremwertberechnung zwischen privat und öffentlich. Wo liegt das Optimum? Es geht um ein empfindliches dynamisches Fließgleichgewicht zwischen freier Information und Kontrolle. Und so wie der Einzelne seine Identität zwischen öffentlich und privat konstruieren muss, so findet die Firma ihren Profit zwischen Open Source und Eigentum.

Die Freiheit der Information hat ihre traditionellen Grenzen an der Privatsphäre des Individuums und der Sicherheit des Staates. Aber es gibt immer mehr Menschen, denen beides gleichgültig ist. Die Verhaltensweise, die man demgegenüber all jenen Bürgern anraten könnte, die noch auf ihre Privatsphäre Wert legen, weil die Würde des Menschen von ihr abhängt, hat Walter Benjamin einmal Krypto-Emigration genannt. Damit hat er Brechts Ratschlag für Städtebewohner auf den Begriff gebracht: "Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ, wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat, wie soll der zu fassen sein! Verwisch die Spuren!" Mach dich unklassifizierbar! Das könnte die Parole einer digitalen Zivilverteidigung sein.

Bürgerlicher Widerstand

Deshalb ist der Widerstand gegen Google Street View zutiefst bürgerlich. Es geht hier in erster Linie gar nicht um juristische Bedenken, sondern um den Angriff auf den "Geheimniszustand", der für die bürgerliche Privatsphäre wesentlich ist. Der Bürger will selbst bestimmen, was von seiner Existenz öffentlich wird; vielleicht die Hausfassade, aber nicht der Garten; vielleicht die Ehefrau, aber nicht die Kinder. Deshalb baut man Zäune, pflanzt Hecken, und Gardinen stellen sicher, dass man durch die Fenster hinaus-, aber nicht hineinsehen kann. Nur ein kindischer anti-bürgerlicher Affekt kann das "spießig" finden.

Was mit der Unterscheidung von privat und öffentlich auf dem Spiel steht, ist die Idee der bürgerlichen Freiheit. Privatheit ist bürgerlich; heute muss sie eigens erarbeitet werden. Privatheit ist eine Aufgabe. Und vielleicht wird man über die bürgerliche Identität im Zeitalter des Internet bald sagen können: Jeder bemerkenswerte Mensch arbeitet gegen sein eigenes Profil. Privatheit ist die Standardeinstellung, die der Bürger im Umgang mit den Medien bewusst wählen muss.

Das ist natürlich eine unzeitgemäße Strategie, denn in der Welt der Netzwerke sind privat / öffentlich und persönlich / geschäftlich keine plausiblen Unterscheidungen mehr. Die populären sozialen Netzwerke leben ja von der Privatisierung der Geselligkeit und der Veröffentlichung der Persönlichkeit. Jeder wird zur Mini-Celebrity. Damit bezeichnen wir den Gegenpol zum bürgerlichen Optimum der Identität. Und das entspricht durchaus dem Geist der Moderne. Denn Individualität zeigt sich heute darin, dass jeder selbst definieren darf, wo seine schützenswerte Privatsphäre beginnt. Privatheit 2.0 ist eigenrichtig.

Als die Rechner rechnen lernten

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So stehen sich Bürger und Mini-Celebrity, die traditionelle Idee der Privatheit und ein medientechnisch gepflegter Exhibitionismus gegenüber. Reputation ist für die Internetgemeinde ein Feedback-Profil. Der Datenschützer dagegen erscheint als hilfloser Repräsentant bürgerlicher Privatheit, der gegen die politische Erwartung absoluter Transparenz, die wirtschaftliche Suggestion eines maßgeschneiderten Service und die technische Wirklichkeit von Überwachung und Vernetzung auf verlorenem Posten steht.

Der schwerste Angriff auf die Privatsphäre geht dabei übrigens nicht von Regierungen und Unternehmen aus, sondern von den sozialen Netzwerken. Alles, was man tut, kann heute aufgezeichnet und gesendet werden. Die sogenannten Bürgerjournalisten und ihre Handykameras lassen nichts mehr unprotokolliert. Die Paparazzi werden zum massendemokratischen Phänomen. Da ist es nur lebensklug, dass die wirklich Prominenten ihre Privatsphäre nicht mehr geheim zu halten versuchen, sondern persönlich kontrollieren wollen - man denke nur an Steffi Grafs Babybilder oder Wowereits Coming-out.

Wir haben es hier aber nicht mit einem Kultur-, sondern einem Strukturproblem zu tun. Unter Internetbedingungen bringt nämlich jedes Geschäft einen Verlust von Privatheit: Man muss sich "ausweisen". Mit Identitäts-Software kann man das zwar kontrollieren, aber das bedeutet eben, dass nur Kontrolle vor Kontrolle, nur Software gegen Software schützt. Programmieren heißt steuern durch Kontrolle. Und Computersysteme sind Kontrolltechnologien, die aus der Distanz durch Information steuern. Information ist der Zugang zur Welt, und das Web 2.0 ist der Zugang zur Information. Aus Bürokratie wird Software. Sie kontrolliert unser Verhalten, indem sie Zugang und Einfluss steuert. In jeder Software stecken nämlich Werturteile, die den Alltag strukturieren.

Programmierer und Prorgrammierte

Der Medienphilosoph Vilèm Flusser hat einmal gesagt, die Welt zerfalle in Programmierer und Programmierte. Das ist eine durchaus sinnvolle Übertreibung. Aber nicht nur die Programmierer sind die großen Einzelnen, die in der scheinbar so massendemokratischen Welt des Web 2.0 den Unterschied machen. Es gibt auch noch die "Superconnectors", die die digitale Welt zusammenhalten. Gemeint sind die Meister der schwachen Bindungen in den sozialen Netzwerken, also Aktivisten, Freiwillige, Fans, Liebhaber, Amateure. Und es entspricht der Logik der Netzwerke, dass hier einige wenige den Unterschied machen. Diese Aktivisten machen den Begriff einer durchschnittlichen Beteiligung nämlich sinnlos. Statistisch gesprochen: Der Median der Internet-Nutzung liegt weit unter dem Durchschnitt. Es gibt also keinen repräsentativen Internet-Nutzer.

Doch die wenigen, die zum Beispiel an Wikipedia und YouTube aktiv teilnehmen, sind in absoluten Zahlen sehr viele. Ein Promille ist sehr viel im Cyberspace. Und weil sehr wenige im Internet sehr viele sein können, entsteht der Schein der massendemokratischen Kollaboration. Doch nicht die Massen beherrschen das Internet, sondern die Aktivisten. Das muss man im Auge behalten, wenn man verstehen will, wie sich heute das bürgerliche "Publikum" zersetzt. Früher war die Veröffentlichung das Nadelöhr für den Autor, heute ist es die Aufmerksamkeit. Das Motto des Web 2.0 lautet: erst publizieren, dann filtern. Deshalb werden die Gatekeeper, die eine Auswahl vor der Publikation treffen, zunehmend durch Navigatoren ersetzt, die eine Auswahl nach der Publikation ermöglichen. Diese rigorose Ausschaltung vermittelnder Zwischeninstanzen führt ganz zwingend zur Herrschaft der Suchmaschinen. Und dieser Plural ist fast schon ein Euphemismus. Google kontrolliert den Flow.