22. Dezember 2012, 14:37 Anonymität im Internet Schau mir in die Augen, Troll

In der Anonymität des Internets verlieren viele Menschen alle Hemmungen, sie pöbeln und schreiben rüde und hasserfüllte Kommentare. Zeigt sich im Netz also die wahre Natur des Menschen?

Von Christian Weber

Früher war es als Journalist gar nicht so einfach, richtig viele böse Leserbriefe zu bekommen. Da musste man schon vehement für Experimente an höheren Tieren plädieren, herzhaft Blasphemie betreiben oder um Verständnis für Pädophile werben. Heute genügt es, in der Online-Ausgabe der Zeitung zaghaft die Möglichkeit anzudeuten, dass sieben Stunden Ego-Shooting pro Tag im Kinderzimmer das Sozialverhalten vielleicht nicht unbedingt optimieren.

Oder man macht es so wie die Kollegin von der Frauenzeitschrift Brigitte: Sie äußerte vor Kurzem in einer Internet-Kolumne ästhetische Bedenken beim Anblick von Männern, die älter als dreißig sind und Skateboard fahren. Damit provozierte sie einen Shitstorm, der bis Redaktionsschluss auf weit mehr als 2000 Mails angewachsen war. Ja, spinnen die denn, die Skateboardfahrer?

"Toxische Enthemmung"

Der Psychologe John Suler von der Rider University in New Jersey prägte erstmals 2004 in der Fachzeitschrift Cyberpsychology and Behavior den Begriff der "toxischen Enthemmung" für das häufig rüde und hasserfüllte Pöbeln von Computernutzern. Das seien die dunklen Seiten der Anonymität im Netz, in deren Schutze die Menschen Dinge sagen und machen, die sie bei einem analogen Gegenüber nie wagen würden. Diese Enthemmung könne auch gutartig sein, schreibt Suler, dann etwa, wenn sich Menschen in Ratgeber- oder Selbsthilfeforen emotional unterstützten, geheimste Gedanken austauschten und großzügig ihr Wissen teilten, ohne unmittelbar selbst davon zu profitieren.

Suler spekulierte in seiner Arbeit recht plausibel über weitere Eigenheiten der computerbasierten Kommunikation, die es dem Menschen vor dem Monitor erleichtere, seine innere Sau zu befreien. So verstärke die Unsichtbarkeit beim Chat noch die bloße Anonymität, niemand müsse sich durch sein Aussehen oder seine vielleicht unsichere Stimme gehemmt fühlen. Überhaupt entfielen all die sozialen Voreinstellungen durch Status, Macht und Autorität.

Die Kommunikation in Internet-Foren und bei E-Mails ist zeitlich verschoben. So kann der Angreifer der unmittelbaren Antwort seines Opfers entgehen. Er muss sich nicht mit einer Reaktion auseinandersetzen, die ihn vielleicht betroffen machen könnte. Im Extremfall könnte sich ein Internet-Mobber sogar - mehr oder weniger bewusst - einbilden, dass der Cyberspace nur eine Traumwelt sei, ein Spiel, "abgetrennt und weit weg von den Pflichten und Verantwortlichkeiten der realen Welt", schreibt der Wissenschaftler.

Viele der Annahmen John Sulers sind mittlerweile mehr oder weniger gut durch empirische Studien bestätigt oder beruhen auf bekanntem Wissen. Der Psychologe Philip Zimbardo etwa hatte bereits 1969 eine Studie vorgestellt, der zufolge Probanden in einem Bestrafungsexperiment stärkere Elektroschocks verteilen, wenn sie eine Kapuzenmaske tragen.

Wie wichtig Augenkontakt für das Miteinander ist, wissen Verkehrspsychologen und eigentlich alle Autofahrer seit Langem: Menschen, die sich beim versehentlichen Anrempeln in der Fußgängerzone höflich entschuldigen, verwandeln sich am Steuer ihres Wagens zu rasenden Idioten. Auf der Autobahn ahnden sie bei Tempo 220 die kleinsten Fehler der anderen mit Lichthupe, obszönen Gesten und lebensgefährlichen Fahrmanövern. Auf der Datenautobahn verhält es sich ähnlich.

Vor Kurzem berichteten die Psychologen Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak von der Universität Haifa im Fachmagazin Computers in Human Behavior über ein einschlägiges Experiment: Die Forscher ließen 142 Studenten paarweise via Internet-Messenger über ein kontroverses Thema diskutieren. Mal blieben die Versuchsteilnehmer anonym und unsichtbar, mal wurden sie einander mit Namen und persönlichen Daten vorgestellt.

Weniger polemische Kommentare

In einem Setting sahen sich die Probanden grob über eine Webcam, in einem anderen hielten sie über eine weitere Webcam ständigen, engen Blickkontakt. Das Ergebnis: Der gegenseitige Blick in die Augen reduzierte die Anzahl der ruppigen und polemischen Kommentare - die "flames" - drastisch und verbesserte die Atmosphäre mehr als alle anderen Einflussfaktoren.

Es bleibt die peinliche Frage nach der Deutung dieser Studien. Was heißt es eigentlich für unser Selbstbild, wenn lediglich soziale Kontrolle verhindert, dass ein relevanter Teil der Internet-Nutzer zu pöbeln beginnt? Zeigt sich im Netz die wahre Natur der Menschen? Psychologe Suler widerspricht: "In verschiedenen Medien präsentieren Menschen verschiedene Seiten ihrer Identität", keine davon sei authentischer als die anderen. Zum Gesamtbild einer Persönlichkeit gehörten auch die funktionierenden Hemmmechanismen der realen Welt, schließt Suler versöhnlich.

Wer lieber einen kleinen Shitstorm anstoßen will, kann aber auch den psychoanalytisch inspirierten US-Literaturwissenschaftler Norman Holland zitieren: "Flaming gleicht dem Stinkefinger im Auto", schreibt Holland. Viele Männer identifizierten sich mit ihren Computern und produzierten dann phallische Phantasien: "In dieser Pseudokörperlichkeit geraten Männer dann leicht in Meiner-ist-größer-als-deiner-Spiele."