Twitter im Hörsaal Zwitschernde Zwischenrufe

Twitter statt Handzeichen: Der Trierer Medienprofessor Hans-Jürgen Bucher lässt Studenten in seinen Vorlesungen per Kurznachricht Fragen stellen. Damit gibt er die Kontrolle über die Veranstaltung ab - aber nicht bei allen Themen.

Von Kim-Björn Becker

Die Machtverhältnisse, sie haben sich verschoben an jenem Morgen in Hörsaal 2. Hans-Jürgen Bucher, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Trier, redet vor seinen etwa 70 Studenten. In der Vorlesung geht es um deutsche Mediengeschichte, das Thema an diesem Vormittag: die Entwicklung der Presse vom 17. bis zum 20. Jahrhundert.

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Seit dem Jahr 1997 ist er Professor in Trier. Wenn er früher Vorlesungen hielt, dann hatte er stets allein die Kontrolle darüber, was sich im Hörsaal abspielt. Wenn ein Student eine Frage hatte, konnte dieser sich melden - und wurde drangenommen, wenn es dem Redner gerade passte. Andernfalls musste sich der Fragende eben gedulden. Die Entscheidung lag allein beim Professor. Dieses Machtgefälle ist so alt wie die Hörsäle, in denen es sich offenbart.

Hans-Jürgen Bucher hat nun ein Stück seiner Macht abgegeben - freiwillig. Zwar können sich seine Studenten immer noch per Handzeichen melden, wenn sie etwas nicht verstehen. Aber das Machtmonopol, das in einem Hörsaal herrscht, ist gebrochen. Auf einer sogenannten Twitter-Wall können Studenten ihre Fragen schriftlich einreichen. Über den Kurznachrichtendienst Twitter oder per SMS ist es jedem möglich, Fragen oder Anmerkungen zu formulieren, die ohne Verzögerung auf eine Leinwand im Hörsaal projiziert werden. Dies geschieht ungefiltert, anonym und ist für jeden Zuhörer sichtbar. Auch für Professor Bucher, der wenige Meter entfernt am Rednerpult steht - und reagieren muss, wenn eine neue Meldung eintrifft.

"Viele Tweets bestehen aus einfachen Rückfragen zum Vorlesungsstoff", sagt er. "Außerdem kommen auch viele weiterführende Fragen, die über das eigentliche Thema hinausgehen. Daraus entwickeln sich manchmal sehr spannende Dialoge zwischen den Studenten." Bisweilen recherchieren sie einzelne Fakten nach und diskutieren die Ergebnisse parallel zur Vorlesung. Überhaupt sieht es so aus, als ob die Anonymität der Kurznachrichten es vielen Studenten erleichtert, sich in die Diskussion einzubringen. "Die Handmeldung scheint für viele doch noch eine Hemmschwelle zu sein." Besonders schätzt Bucher, dass Twitter dabei helfe, eine "Zwischenruf-Kultur" zu etablieren, wie sie etwa im Bundestag gepflegt wird.

Mit seiner Twitter-Wall, die Bucher schon seit 2009 in seinen Vorlesungen einsetzt, ist er im Begriff, die universitäre Vorlesungskultur zu erneuern - auch wenn es bislang kaum Nachahmer in Deutschland gibt.

Dabei hatte der 58-Jährige eigentlich etwas völlig anderes im Sinn: Ursprünglich hatte er vor, Deutsch- und Sportlehrer zu werden. Seine Doktorarbeit wollte Bucher in Sportwissenschaften schreiben und der Erste sein, der eine Theorie menschlichen Handelns aus der Soziologie auf den Sport anwendet. Dann erhielt er das Angebot, an der Universität Tübingen in Germanistik zu promovieren - über die Sprache in den Medien. "Ich war zwar kritischer Zeitungsleser, aber ich hatte bis dahin nie etwas mit Medien zu tun", sagt Bucher.

Von nun an schon: 1985 reichte er seine Dissertation ein. In den 90er Jahren wechselte Bucher auf die praktische Seite, wurde beim Schwäbischen Tagblatt zum Redakteur ausgebildet, arbeitete danach als Radioreporter. "Der Kontrast zum langatmigen wissenschaftlichen Arbeiten kam mir damals sehr entgegen." Dennoch wechselte er nach einigen Jahren abermals zurück in die Wissenschaft. An der Universität in Trier trat er 1997 eine Professur für Medienkommunikation an.

In Hörsaal 2 steht Bucher am Rednerpult, die Twitter-Wall neben ihm. Alsbald wird deutlich, dass auch die Studenten die neue Machtverteilung erkannt haben. Ob die Tweets auch angezeigt werden, wenn man sie mit einem Schlagwort versieht und nicht wie üblich an ein eigens eingerichtetes Konto adressiert, möchte ein Student per Tweet wissen. Bucher geht darauf nicht ein, wie immer bei administrativen Fragen. Ein paar Sekunden später kommt ein energisches Fragezeichen hinterher. Getuschel im Saal. Bucher macht mit seinem Stoff weiter.

So ganz hat er seine Macht also doch nicht abgegeben. Und wenn nichts mehr hilft, kann er die Twitter-Wall immer noch abschalten. Einmal, sagt Bucher, habe er das sogar gemacht. "Es liefen nur Kneipenverabredungen und Liebesbekenntnisse. Da habe ich beim Projektor einfach den Stecker gezogen."

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