Studium Was Studierende lesen sollten

Vieles muss man während des Studiums lesen - aber was sollte man nebenbei lesen?

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

An den Unis hat das Wintersemester begonnen - wie immer mit viel Pflichtprogramm. Hier empfehlen 15 Intellektuelle stattdessen Bücher, die einen wirklich voranbringen.

Platon: "Menon"

Platon steht am Anfang der europäischen Philosophie - und lädt gleich verführerisch zum Nachdenken ein, voll von Drama und Charakter. In den meisten seiner Dialoge tritt sein Lehrer Sokrates auf, der dort zu einer der großartigsten literarischen Figuren überhaupt wird. In diesem Dialog ist er in Bestform. Menon, sein anfangs allzu selbstbewusster Gesprächspartner, wird von Sokrates auf den Arm genommen und eines Besseren belehrt: Er denkt, er könne die Tugend definieren, versteht aber in Wahrheit noch nicht einmal, was es bedeutet, zu einer stichhaltigen Definition zu kommen. Der "Menon" erteilt eine Lektion, die man sonst mit viel mehr Mühe am eigenen Leib erfahren muss: Man kann sehr sicher sein, die Antwort auf eine Frage zu kennen - ohne die Frage zu verstehen.

Peter Adamson, Professor für spätantike und arabische Philosophie an der LMU München, betreibt den Podcast "History of Philosophy Without Any Gaps"

Roberto Bolaño: "Die wilden Detektive"

Die Studierenden sollten ein Buch lesen, in dem die intellektuellen Abenteuer des Lesens in echte Abenteuer übergehen, und zwar nicht zufällig, sondern zwingend, ein Buch, in dem viele Namen von Autoren und anderen Büchern auftauchen, die man nicht kennt, und zwar so, dass man sie unbedingt auschecken will. Da würde sich dieses Buch anbieten.

Diedrich Diederichsen, Poptheoretiker und Kritiker, unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien

Karriere oder Katerfrühstück?

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Thomas Nagel: "Was bedeutet das alles?"

Dies Buch ist, wie sein Untertitel wahrheitsgemäß sagt, eine ganz kurze, nämlich gerade mal 100 Reclam-Seiten umfassende Einführung in die Philosophie. Das Büchlein ist leichter als ein Smartphone und keineswegs nur für Studierende der Philosophie geeignet. Ganz ohne terminologisches Tamtam macht es auch angehende Elektrotechnikerinnen oder Romanisten mit Fragen vertraut, die, wie Nagel schreibt, "ein reflektiertes menschliches Bewusstsein auf natürliche Weise verwunderlich findet". In Ergänzung dazu, und in Abweichung von der Aufgabenstellung, möchte ich noch eine Non-Book-Empfehlung geben: Werfen Sie jeden Tag einen circa einstündigen Blick in eine gute Tageszeitung.

Eva Gilmer, leitet die Programmbereiche Wissenschaft und Sachbuch im Suhrkamp Verlag

Neal Ascherson: "Schwarzes Meer"

Fürchten Sie sich vor den Barbaren an den Toren Europas? Oder sehnen Sie sie herbei? Wie schwer das eine vom anderen zu unterscheiden ist, zeigt dieser Essay. 1995 erschienen, könnte er aktueller gar nicht sein: Polen, Türken, Skythen, Kosaken und Eisensteins Kamera auf der Treppe der mythischen Stadt Odessa ...: Geschichte ist keine Quelle, sondern ein Strudel, und Sie können hineinspringen.

Valentin Groebner, Historiker in Luzern, veröffentlichte zuletzt das Buch "Ich-Plakate. Eine Geschichte des Gesichts als Aufmerksamkeitsmaschine"

Adam Smith: "Die Theorie der ethischen Gefühle"

Der "Vater der Volkswirtschaftslehre" von seiner anderen Seite: als Moralphilosoph, der in die Abgründe der menschlichen Psychologie hinabsteigt und auf der Figur des "unparteiischen Beobachters" seine ethische Theorie aufbaut. Adam Smith zu lesen, schult die psychologische Beobachtungsgabe, und es erinnert uns daran, dass wir als Menschen vor allem eines sind: soziale Tiere, die sich in andere hineinversetzen können und durch gegenseitige Sympathie miteinander verbunden sind.

Lisa Herzog, Expertin für Ideengeschichte der Ökonomie und Professorin an der Hochschule für Politik München