Studium Studenten sind mehrheitlich kreuzbrav

Universitäten müssten auch den Mut zu Kritik bis zum zivilen Ungehorsam einüben, sagt Peter Grottian. Proteste gibt es heute meist bei Kürzungsplänen, hier 2013 in Halle.

(Foto: Peter Endig/ZB-Funkregio Ost)

Sind Internet-Attacken gegen Professoren Zeichen von Aufmüpfigkeit und Debattenlust unter Studenten? Mitnichten. An Unis herrscht Friedhofsruhe - und Kritikunfähigkeit auf allen Seiten.

Gastbeitrag von Peter Grottian

Dass einer der eloquentesten und selbstbewusstesten Professoren, der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, sich zu Recht über anonyme Kritik einer kleinen Gruppe von Studierenden erregt, hat zwei Seiten: Münkler hat daraus eine Art Verteidigungskampagne medial inszeniert, die zuweilen überzogen und sehr personalistisch auf sich bezogen war. Münkler ist ein Professor, der auch mit radikalen Studierenden umzugehen weiß und der sich vor keiner intellektuellen Auseinandersetzung scheuen muss.

Problematisch wird es, wenn er den Einzelfall für eine gefährliche Tendenz an Universitäten erklärt - und jetzt die Zeitschrift Forschung & Lehre des Deutschen Hochschulverbands die Angst vor dem digitalen Pranger und vor "Shitstorms" an die Wand malt. Die Fürsorgepflicht des Dienstherren anzumahnen, wirkt ängstlich und fast lächerlich - die armen Professoren werden heimgesucht. Ja mei!

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Denn die zweite Seite dieses Konflikts besteht ja darin, dass die Studierenden, die Münkler anonym attackierten, nicht die Courage hatten, sich als Personen zu outen und den direkten Weg der Kritik in den Lehrveranstaltungen scheuten. Die Begründung für die Anonymisierung - in mehreren Hintergrundgesprächen kolportiert -, sie fürchteten, dass ihre Kritik für eventuelle Prüfungen negative Auswirkungen haben könnte, wirkt kleinmütig und verschweigt, dass die Humboldt-Universität eine Pluralität von Prüfern anbieten kann. Man muss nicht bei Münkler Examen machen oder zwingend eine Klausur schreiben.

Das bestürzende an der Haltung der Studierenden ist nicht die oft danebengehende Kritik, sondern der mangelnde Mut, sich seines Verstandes zu bedienen und das eigene Urteil zur Diskussion zu stellen. Ängstlichkeit und klammheimliche Freude gehören zusammen.

Wer soll da aufmüpfig werden?

In der aktuellen Debatte über "Shitstorms" besteht das eigentliche Problem darin, dass so getan wird, als ob sich der Fall Münkler an vielen Hochschulen in verschiedensten Varianten abspielt. Nach allem, was wir wissen, ist das nicht der Fall - und Münkler einer von ganz wenigen Fällen. Heutige Studierende sind mehrheitlich kreuzbrav an einem zügigen Studium interessiert, wollen mit Dozenten keinen Ärger haben und bekommen fast Traumnoten. Wer soll da aufmüpfig werden?

Dass eine kleine Gruppe von Studierenden es wagt, eine Seminarkonzeption zu kritisieren, wie in den Siebziger- oder Achtzigerjahren - fast undenkbar. Dass Studierende in der "Halbzeit" einer Lehrveranstaltung auf ein "Blitzlicht der Kritik" drängen - höchst selten. Kaum hört man, dass drei, vier Studierende am Schluss des Seminars eine vorbereitete Kritik vortragen. Auch die in den Neunzigern heftigen Debatte über fächerspezifische Evaluierung der Lehrveranstaltungen durch Ausbildungskommissionen oder eigene studentische Erhebungen - alles vergessen, zu anstrengend, aufgegeben. Dabei waren diese Evaluierungen ermutigend, Beispiel Berlin: 1991 wurden am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft 70 Prozent der Hausarbeiten nicht besprochen. Nach der Skandalisierung wurden plötzlich 70 Prozent der Hausarbeiten besprochen.