Studentenflucht aus Krisenländern Hörsaal fern der Heimat

In ihren Heimatländern haben sie kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt, auch wenn sie bestens ausgebildet sind. Also gehen viele Studenten aus Euro-Krisenländern schon früher ins Ausland - mit vielen Hoffnungen im Gepäck.

Von Johann Osel

Es ist die Jugend, die besonders unter der Euro-Krise leidet - selbst die Bildungshungrigen. In Spanien und Griechenland sind die Hälfte aller Bürger unter 25 Jahren ohne Job, in Italien und Portugal mehr als ein Drittel. Zugleich leidet die Hochschullandschaft unter klammen Kassen und Sparrunden. Mancherorts, so hört man aus Griechenland, erwarten die Professoren, dass das Geld bald endgültig ausgeht, dass dann Schluss ist mit dem regulären Betrieb.

Junge Leute aus Krisenländern bewerben sich daher zunehmend um Studienplätze in West- und Nordeuropa. Die Zahl der Bewerbungen aus Griechenland, Italien, Portugal und Spanien ist dort im Vergleich zu 2011 um bis zu 100 Prozent gewachsen. Dies meldet die Plattform "Studyportals", die mit der EU kooperiert und nach eigenen Angaben von 1,6 Millionen Besucher pro Monat genutzt wird.

An der Freien Universität Brüssel kamen demnach 2011 doppelt so viele Zulassungsanträge aus Griechenland wie noch 2010. Studenten dieser Nation machten inzwischen drei Prozent aller eingehenden Bewerbungen aus. Ähnliche Entwicklungen gebe es vor allem in Deutschland und in den Niederlanden. Die FU Berlin registriert seit 2010 ein Drittel mehr Interessenten aus den vier Ländern. Die jungen Leute hoffen, durch das Studium die Karrierechancen in der Heimat zu verbessern oder Jobs in den wirtschaftsstarken Staaten zu finden. Das suggeriert, so die Macher des Portals, dass "Krisenländer den Wettbewerb um die besten Studenten verlieren". Wenn die Jugendlichen aber eine gute Ausbildung erhielten, sich international vernetzten und die Mehrheit danach in ihre Heimat zurückkehrten, wirke sich dies wiederum positiv auf diese Staaten aus.

Denn: Für eine Studie hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration jüngst ausländische Studenten und Doktoranden befragt. Und gezeigt, dass zwar 80 Prozent nach der Ausbildung in Deutschland bleiben wollen, dies aber nur ein Viertel tatsächlich tut. Kritiker bemängeln eine schlechte "Willkommenskultur" - obwohl wegen des Fachkräftemangels Akademiker dringend gebraucht würden.

An deutschen Hochschulen scheint man sich jedenfalls auf den Ansturm einzurichten. Teils notdürftig. Vielerorts hat man mit der Versorgung der hiesigen Studenten Probleme: Doppelte Abiturjahrgänge und der Trend zum Studieren füllen die Hörsäle. Laut Prognose der Kultusminister werden bis 2019 jährlich mehr als 450.000 Erstsemester erwartet. Zum Vergleich: 1995 waren es 260.000.

Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler, sagt, dass die Hochschulen bis zu sieben Milliarden Euro zusätzlich in den nächsten fünf Jahren brauchen. Er rechnet damit, "dass der Zustrom aus dem Ausland noch weiter steigen wird: Gerade junge Leute aus den Krisenländern werden bei uns studieren wollen, weil sie hier auf einen Job hoffen." Die Chance, ein Bildungsmotor für Europa zu sein, wollen die Hochschulen offenbar nicht so einfach verstreichen lassen.

Allerdings: Der Aktionsrat Bildung hat kürzlich diesbezüglich Alarm geschlagen. Das hochkarätig besetzte und von der Wirtschaft lancierte Expertengremium forderte eine strategische Internationalisierung. Zwar schätzten ausländische Studenten (derzeit sind gut 245.000 hierzulande eingeschrieben) den guten Ruf deutscher Hochschulen. Jedoch klage jeweils mehr als ein Drittel über Probleme bei der Orientierung im Studiensystem, über mäßigen Kontakt zu deutschen Kollegen und zur Bevölkerung sowie über Scherereien bei der Finanzierung und Zimmersuche. Nötig sind "Gesamtkonzepte", damit man im weltweiten Wettbewerb bestehen könne, sagt Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg und Chef des Aktionsrats. "Wenn man jetzt nicht handelt, wird man das eines Tages bereuen."