Streit um "Herr Professorin" Wie man Empörungsventile öffnet

Ein Sprachstreit ist entbrannt, seit an der Uni Leipzig männliche Dozenten mit "Herr Professorin" tituliert werden. Doch jeder Sprachstreit ist ein Rückschritt in begriffsfieselige Ideologie, die den Blick auf das wahre Problem verstellt: die wirtschaftliche Gleichberechtigung.

Ein Kommentar von Andrian Kreye

Wenn die Fakultätsmitglieder der Universität Leipzig in Zukunft unabhängig vom Geschlecht in der Grundordnung als Professorin geführt werden, wenn es also einen "Herr Professorin" gibt, dann ist das kein Sieg für den Feminismus. Sicher ist die umgekehrte Formel von der Frau Professor ein beleidigender Anachronismus, mit dem in vormodernen Kreisen nicht habilitierte Akademikergattinnen auch noch dem Titel ihres Mannes untergeordnet werden. Aber Sprachsiege sind nur Überbleibsel aus der Ära der Ideologien, die nicht viel mehr erreichen, als Empörungsventile zu öffnen.

Sprachstreitigkeiten gehören im Kampf um Gleichberechtigung und Bürgerrechte zu den Schlachten, die längst geschlagen sind. Kaum jemand sagt noch Fräulein. Blaustrumpf, Flittchen und Backfisch sind vergessen. Das heißt nicht, dass der Kampf um die Gleichberechtigung vorüber ist. Nur geht es längst um sehr viel mehr.

Jeder Bürgerrechtskampf verläuft theoretisch in drei Phasen. Zunächst muss die Gesellschaft einen Konsens finden. Dann kämpft die Politik. Ist die rechtliche Grundlage geschaffen, beginnt der Kampf um wirtschaftliche Gleichberechtigung. Das ist die schwierigste Phase, denn in ihr trifft die Gesellschaft auf jenen Bereich des öffentlichen Lebens, der nicht auf Konsens, sondern auf Konkurrenz angelegt ist. In dieser Phase steht Deutschland jetzt.

Wirtschaftliche Gleichberechtigung ist das neue Ziel

Nun wäre es naiv zu glauben, dass sich die Phasen sauber ablösen. Die Sexismus-Debatte vom vergangenen Januar hat gezeigt, dass die Gleichberechtigung in Deutschland noch gar nicht so selbstverständlich respektiert wird. Auch wenn es sich da um einen Generationenkonflikt handelt, der mit der Vergreisung der Frauenfeinde an Schärfe verlieren wird.

In der Gesetzgebung hat die Emanzipationsbewegung in Deutschland zwar viel erreicht. Doch die Politik muss endlich die Rahmenbedingungen für den Kampf um die wirtschaftliche Gleichberechtigung schaffen. Die Frauenquote ist nur ein Teilaspekt. Für einen großen Teil der Bürgerinnen bedeutet das vor allem eine Familienpolitik, die sie von traditionellen Rollen und Pflichten befreit. Es mangelt an Regeln und Infrastruktur, damit die Frage nach Kindern oder Karriere keine so dramatischen Konsequenzen hat.

Die Wirtschaft ist oft weiter. Firmen wie Volkswagen schicken bei der Erkrankung eines Kindes beispielsweise eine Pflegerin zur Familie. Einem Konzern geht es dabei nicht nur um Gerechtigkeit. Im Kampf um wirtschaftliche Gleichberechtigung zieht die kalte Vernunft viel besser. Die Kinderkrankenpflegerin sorgt hier nicht für die Entlastung der Familie, sondern dafür, dass die Arbeitskraft der Eltern nicht ausfällt. Genauso vernünftig kann man für die wirtschaftliche und berufliche Gleichberechtigung im Allgemeinen argumentieren.

Rückschritt in begriffsfieselige Ideologie

Deutschland hat eine Gesellschaft, die viel in die Bildung ihrer Bevölkerung investiert. Aus gutem Grund. Nur so bleibt das Land weltwirtschaftlich konkurrenzfähig. Die Rechnung ist deswegen ganz einfach - eine Wirtschaftsmacht wie Deutschland kann es sich nicht leisten, die gesamte Bevölkerung in Grund-, Ober- und Hochschulen so gut auszubilden, aber dann das Potenzial einer Hälfte der Bevölkerung nicht oder nur zum Teil auszuschöpfen. So gesehen ist die Frauenquote keine Frage der Gerechtigkeit, sondern der gesellschaftlichen Möglichkeiten.

Gerade deswegen führen Streitigkeiten um sprachliche oder sonstige Korrektheiten in die Irre. Jeder Sprachstreit ist ein Rückschritt in begriffsfieselige Ideologie. Ideologien aber sind die Sackgassen des 20. Jahrhunderts. Da entstehen Flanken und Fronten, die von den eigentlichen Problemen ablenken. So findet man jedenfalls keine Lösungen für die Probleme des 21. Jahrhunderts.