Schule Wenn Lehrer den Terror erklären sollen

Vive la France: Schüler bei der Gedenkveranstaltung für die Terroropfer am Wagenburg-Gymnasium in Stuttgart.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

An den Schulen ging es diese Woche viel um den Terror von Paris. Wie integrieren Lehrer das Thema in den Unterricht?

Von Christian Mayer

Blau, Weiß, Rot. Es sollte ein Zeichen sein gegen den Terror von Paris, deshalb versammelten sich die 600 Schüler des Stuttgarter Wagenburg-Gymnasiums auf dem Schulhof und bildeten für die europaweit abgehaltene Schweigeminute einen großen Kreis. Die Trikolore, Symbol für die Opfer der Terroristen nach den blutigen Anschlägen vom Wochenende, wird hier sonst nur bei freudigen Anlässen gehisst. Dieses Mal lag sie zusammengefaltet auf dem Boden, weiße Rosen schmückten die Fahne. Ans Wagenburg-Gymnasium gehen auch viele Schüler aus Frankreich. Am Ende stimmte ein Lehrer die alte Hymne der Bürgerrechtsbewegung an: "We shall overcome", ein Lied, das wie ein trotziger Aufruf klang, sich ja nicht unterkriegen zu lassen.

An den meisten Schulen in Deutschland gab es in dieser Woche solche Gedenkveranstaltungen. Der Angriff der Terroristen war das beherrschende Thema. "Die Möglichkeit eines Krieges, der auf einmal auf der Tagesordnung steht, ängstigt vor allem die älteren Schüler", berichtet eine Lehrerin, die am St.-Anna-Gymnasium in München unterrichtet. Die Schüler seien, sagt sie, zunächst mal an den Fakten interessiert. Sie wollen begreifen, was am 13. November in Paris passiert ist. Wer die Terroristen sind, welche Ziele sie verfolgen, wie sie die Religion für ihre mörderische Ideologie missbrauchen, das sind die drängenden Fragen: "So ruhig und konzentriert ist es selten in einer Schulstunde." Am Ende habe sie das seltene Gefühl gehabt, dass ihre Klasse richtig dankbar war. Dafür könne man ruhig mal den Lehrplan aussetzen und aus der Routine ausbrechen - auch ohne Anleitungen aus dem Kultusministerium.

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Fragt man Eltern, Lehrer und Schüler, wie die Woche nach den Pariser Anschlägen für sie war, dann stellt man fest: Es gibt einerseits ein starkes Bedürfnis, darüber zu reden. Und andererseits auch schon wieder einen Ermüdungseffekt, weil die schlechten Nachrichten gar nicht mehr aufhören wollen. Aber wie spricht man über den Terror, ohne dabei noch mehr Ängste zu schüren?

Petra Wagner ist Direktorin am Wagenburg-Gymnasium, das sich "Partnerschule für Europa" nennt und schon im Logo das Bekenntnis "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" trägt. Aus diesem Geist heraus hat Wagner auch die Gedenkveranstaltung am Montag organisiert: Sie wollte ihren Schülern Mut machen. Dass dabei nicht alle den Sinn einer zentralen Gedenkfeier für die Opfer von Paris verstanden, räumt die Direktorin ein. Ernsthaftigkeit kann man eben nicht erzwingen. In einigen Klassen kritisierten Schüler außerdem, es gebe ja überall auf der Welt Terror, und das schon seit Jahren. In Ländern wie Syrien, Irak, Nigeria, Libyen oder Jemen gehört er zum Alltag. "Ich finde es aber erstaunlich, wie sensibel schon die Zwölfjährigen sind, auch für die schwierige Situation von Flüchtlingen, die vor Terroristen geflohen sind und jetzt von manchen als potenzielle Bedrohung gesehen werden." Viele Schüler sind in diesen Tagen nervöser als sonst.

Aufruf zielt ins Leere

Dass eine einzige Whatsapp-Nachricht ausreicht, um sie zu verunsichern, zeigte sich ebenfalls in dieser Woche. Am Montagabend poppte sie auf Zigtausenden Smartphones in ganz Deutschland auf, ein Kettenbrief mit vielen Rechtschreibfehlern und einer verdrucksten Botschaft: Mit der Begründung, es gehe um "Paris", wurden die Adressaten gebeten, am nächsten Morgen komplett in Schwarz gekleidet in die Schule zu gehen. Damit könne man auch Angela Merkel zeigen, dass es so "nicht weitergehen kann!" Mit der Aktion wollten die unbekannten Verfasser also ein Zeichen gegen die Kanzlerin und ihre Flüchtlingspolitik setzen - das Perfide des Aufrufs war aber gerade, dass er so vage blieb.

In manchen Klassen gingen am Montag zahlreiche Whatsapp-Nachrichten hin und her. Am Schluss begriffen die meisten, dass ihre gute Absicht, um die Opfer von Paris zu trauern und Mitgefühl zu zeigen, missbraucht werden sollte. Nur wenige Schüler trugen am Dienstag schwarze Protestkleidung, der Aufruf zielte zum Glück ins Leere. Immerhin konnten die jungen Whatsapp-Nutzer eines dabei lernen: Man muss gewaltig aufpassen, dass man nicht auf die falschen Leute hereinfällt.