Schule Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn

Digitalisierung des Schulunterrichts ist nicht immer ein Segen.

(Foto: dpa)

Bildungstheoretiker laufen Sturm gegen die Umstellung der deutschen Lehrpläne auf Kompetenzorientierung. Gut so.

Gastbeitrag von Christoph Türcke

Wir haben eine Kultusministerkonferenz, die sich unablässig um zeitgemäße Bildungsstandards kümmert. Bekanntlich sollen das heute stets Kompetenzstandards sein. Klingt verheißungsvoll. Kompetenz ist doch etwas Gutes. Wörtlich übersetzt: Zuständigkeit. Ohne Leute, die auf Grund von Sachkenntnis, Erfahrung, Urteilsvermögen, Geschicklichkeit für ein bestimmtes Gebiet zuständig sind, wären wir alle aufgeschmissen. Kompetente Handwerker, Ärzte, Rechtsanwälte, Computerfachleute kann man sich nur wünschen.

Was also soll der Sturmlauf gegen das Kompetenzkonzept, der für dieses Wochenende in Frankfurt unter dem Titel "Kompetent in Kompetenz? 1. Frankfurter (In-)Kompetenzkonferenz" angekündigt ist? Im Einladungstext heißt es: Nachdem die Lehrpläne der Schulen flächendeckend auf Kompetenzorientierung umgestellt seien, "schwappt die Welle auch durch die universitären Curricula - zusammen mit den (in)kompetenzgeschulten Abiturienten, die in Stützkursen notdürftig studierfähig gemacht werden müssen". Auf der Rednerliste stehen neben Bildungstheoretikern wie Konrad Paul Liessmann auch Praktiker wie Mathias Brodkorb, der Finanzminister von Mecklenburg-Vorpommern.

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Was haben diese Leute gegen Kompetenz? Gar nichts. Aber viel gegen die Eindampfung von Kompetenz auf Können: dass am Bildungsprozess nicht mehr interessieren soll, was jemand erfahren hat und weiß, sondern nur noch, "was hinten rauskommt" (Helmut Kohl). Am Ende eines jeden Lernschritts soll ein umschreibbares und überprüfbares Können stehen. Wenn man dies Können "Kompetenz" nennt, werden noch die bescheidensten Lernfortschritte zum Kompetenzerwerb aufgeblasen. Ein Kind, das den Zeigefinger in eine bestimmte Richtung strecken kann, hat Zeigekompetenz, seine ersten Schritte attestieren ihm Gehkompetenz. Es gibt überhaupt nur noch kompetente Kinder. Die Kehrseite dieser Schmeichelei ist, dass Kinder auch nur noch unter Kompetenzgesichtspunkten wahrgenommen werden.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat Millionen in Kompetenzmodellierungsprogramme gesteckt. Aufwendig versuchen diese, die spezifische Kompetenz zu operationalisieren, über die jemand verfügen soll, wenn er in der Lage ist zu gehen, bis zehn zu zählen, Verben von Adjektiven zu unterscheiden, einen mittelschweren Text zu verstehen, ein Integral zu lösen oder eine Sonate zu spielen. Doch Menschen kommen dabei nur noch als Kompetenzbündel vor. Der gemeinsame Fundus, aus dem diese disparaten Kompetenzen hervorgehen, die Person, in der sie zusammenhängen, interessiert nicht mehr. Sie lässt sich ja nicht isolieren und validieren wie einzelne Verhaltensweisen. Nur die aber zählen noch. Kompetenzen werden behavioristisch reduziert: zu geldwerten Verhaltensweisen, von denen man beim Gang zum Arbeitsmarkt durch Schule und Hochschule möglichst viele anhäufen soll.

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Und warum kommt dabei so wenig "hinten raus", obwohl der Unterricht doch immer kompetenzträchtiger zu werden verspricht? Warum werden die Klagen der Betriebe über gravierende Mängel bei den Auszubildenden in den Grundrechenarten und der Rechtschreibung immer lauter? Warum wächst die Zahl der Nachhilfekurse für Studienanfänger in Mathematik und Naturwissenschaften stetig an?

Weil Lernen nicht so funktional-linear-kleinschrittig verläuft, wie das Kompetenzkonzept es wünscht. Und weil Maschinen niemandem elementare Lernvorgänge ersparen. Was im Computer ist, ist noch längst nicht im Hirn. Und das Hirn ist keine Festplatte. Addieren und Subtrahieren an den Rechner delegieren, Orthografie ans Rechtschreibprogramm, Vokabeln und Geschichtsdaten nachschlagen statt memorieren, Geografie durch Google Earth ersetzen, befreit vom Ballast herkömmlichen Wissens kreativ durchs Netz surfen, dabei spielend lernen und unentwegt mediale Kompetenzen ansammeln: So funktioniert das nicht. Da bleibt wenig hängen. Ein mentaler Boden, worin Erlebtes Wurzeln schlagen und sich mit anderem zu dauerhaften Kompetenzen verbinden könnte, bildet sich erst gar nicht.