Schule "Ganztag ist nicht das Beste für die Schüler"

Schüler an einer Ganztagsschule in Niedersachsen

(Foto: dpa)

Seit Jahren wird die Ganztagsschule propagiert. Schulpädagogik-Professor Klaus Zierer erklärt, warum er den Hype nicht verstehen kann - und was ein Heizkörperlehrer ist.

Interview von Matthias Kohlmaier

Die Bertelsmann-Stiftung stellt in einer aktuellen Studie zu Ganztagsschulen in Deutschland fest, dass die Bildungsstätten finanziell und personell sehr unterschiedlich ausgestattet sind. Klaus Zierer, Leiter des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, wundert sich nicht über die Ergebnisse.

SZ.de: Herr Zierer, die Studie der Bertelsmann-Stiftung sieht Deutschlands Ganztagsschulen nicht auf dem besten Weg. Was sagen Sie dazu?

Klaus Zierer: Das Ergebnis überrascht nicht, schon eher der immer wiederkehrende Glaube, dass allein mehr Zeit und mehr Personal zu einer besseren Bildung führen würden. Aber zum Glück funktionieren Schule und Unterricht nicht so einfach! Nur an einem Rädchen zu drehen, wird die Probleme nicht lösen. Die mangelnden Ressourcen sind nicht die einzige und mit Sicherheit nicht die entscheidende Herausforderung.

In der Politik wird der Ausbau der Ganztagsschulen seit Jahren propagiert. Wo müsste man ansetzen, um den Ganztag besser zu machen?

Zuerst müsste man fragen: Wollen und brauchen wir den Ganztagsausbau in der aktuellen Form überhaupt? Als Erziehungswissenschaftler schaue ich darauf, was das Beste für die Lernenden ist. Da muss man klar sagen: Es ist nicht der Ganztag! Wir sollten in erster Linie Familien stärken, damit sie den großen Einfluss, den sie nachweislich auf ihre Kinder haben, bestmöglich nutzen. Wenn Eltern - zum Beispiel Alleinerziehenden oder auch einkommensschwachen Familien - das nicht möglich ist, kann der Ganztag ein wichtiges Angebot in der Bildung sein. Aber eben nur eines unter vielen Angeboten in einer vielfältigen Schullandschaft und sicher nicht der ideale Weg für alle Kinder.

Die Ganztagsschule hinkt den Ansprüchen hinterher

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"Die Ganztagsschule hat das Potenzial, Nachteile, die Kinder im Elternhaus haben, abzufedern und so die Chancengleichheit zu verbessern", sagt Klaus Klemm, der an der Bertelsmann-Studie mitgearbeitet hat. Sehen Sie das auch so?

Nein, weil es aus meiner Sicht wissenschaftlich nicht haltbar ist. Die StEG-Studie des Bundesbildungsministeriums zeigt beispielsweise, dass der Ganztag das nicht leisten kann: Kinder aus einem bildungsnahen Milieu können die Angebote des Ganztags besser nutzen als Kinder aus bildungsfernen Milieus. Die Unterschiede, die nun mal da sind, kann man nicht durch Herumschrauben an den Strukturen beseitigen. Das kann nur gelingen, wenn man die Personen in diesen Strukturen stärkt, die Kinder, ihre Eltern und die Lehrer. Individuelle Förderung und Qualifizierung sind entscheidend für den Bildungserfolg und Bildungsgerechtigkeit.

Man müsste also auch in der Lehrerbildung ansetzen, damit der Ganztag gelingt?

Unbedingt. Der Ort der Bildung ist nicht die Struktur oder der Ganztag. Der Ort der Bildung ist die Interaktion zwischen Menschen - die muss man stärken. Schon im Lehramtsstudium müssen angehende Lehrer mit dem Ganztag und seinen Problemen und Chancen konfrontiert werden. Denn erfolgreicher Ganztag heißt nicht nur, mehr Zeit in der Schule zu verbringen. Er führt automatisch auch zu einer engeren Beziehung zwischen Schüler und Lehrer und erfordert ein anderes Unterrichten und Zusammenleben in der Schule.