Schule Demokratische Schulen: Lernen im Ameisenhaufen

Chiara traut sich, auf hohe Bäume zu klettern, aber vor schlechten Noten hatte sie lange Zeit Angst.

(Foto: Matthias Döring)

Chiara kam in ihrer Klasse plötzlich nicht mehr klar. Also wechselte sie auf eine Schule, in der Kinder selbst bestimmen, was und wie sie lernen.

Von Lisa Rüffer

Mit Freiheit umzugehen ist kein Kinderspiel, denn es bedeutet: Grenzen setzen und Verantwortung übernehmen. Das mussten Chiara und die anderen erst lernen. Die Stopp-Regel ist eine der ersten, die sie ausmachen. Wem ein Spiel zu wild wird, der sagt Stopp. Dann muss Schluss sein. Hält sich das Gegenüber nicht daran, kann man eine Anzeige ans Justizkomitee schreiben. Dort verhandeln sie den Fall.

Chiara war zehn Jahre alt, als sie anfing, mit anderen Kindern zwischen fünf und 16 Jahren und mit Hilfe einiger erwachsener Mitarbeiter eine Gesellschaft im Kleinen aufzubauen, die Sudbury-Schule in Ludenhausen, rund eine Stunde südwestlich von München. Demokratische Schulen nach dem Sudbury-Modell haben mit einer Regelschule so viel gemein wie ein Ameisenhaufen mit einem aufgeräumten Schreibtisch. Wer das erste Mal eine besucht, wundert sich über Kinder, die überall mit Spielen beschäftigt sind. Sie können machen, was sie wollen, solange sie Rücksicht aufeinander nehmen, und sich alles, was sie machen wollen, selbst organisieren. Es gibt keine Angebote in Form von Fächern oder Unterricht nach Lehrplan. Folglich gibt es auch keine Lehrer, keine Klassen, keine Noten. Wollen Schüler einen Abschluss machen, erhalten sie Unterstützung und können die Prüfungen an Regelschulen ablegen.

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Rund 40 Schulen weltweit orientieren sich an diesem Modell. Sie greifen auf die Strukturen zurück, nach denen sich die 1968 gegründete Mutterschule organisiert, die Sudbury-Valley-School nahe Boston in Massachusetts. Alle Entscheidungen werden von Schülern und Mitarbeitern in der wöchentlichen Schulversammlung getroffen und wiederkehrende Themen können an gewählte Komitees delegiert werden. Die Kinder lernen im Spiel, autodidaktisch oder von anderen Schülern; erwachsene Experten müssen sie sich selbst suchen. Der Grundgedanke ist, dass jedes Kind in seinem eigenen Tempo lernt. Manche beginnen erst mit zwölf zu lesen, aber alle lesen irgendwann.

"Ich fand es komisch, dass es keine Klassenräume gab und überall die Türen offenstanden. Ich dachte, man sucht sich hier nur die Fächer aus", erzählt Chiara von ihrem ersten Schulbesuch im Sommer 2014. Für einige Kinder ist diese Freiheit schwer auszuhalten. Vor allem aber gehört viel Vertrauen von Eltern und den Behörden dazu. Groß ist die Angst, dass die Kinder dort nichts lernen. Doch hängt es davon ab, was man unter Lernen versteht. Ob Kinder zum Beispiel in Altersstufen unterteilt und an den Bildungszielen von Lehrplänen gemessen werden.

Schule und Behörde werden sich nicht einig

Andreas Ofenbeck, Sprecher des bayerischen Kultusministeriums, das für die Lehrpläne im bayerischen Bildungswesen zuständig ist, formuliert die Haltung dazu so: "Es ist durchaus möglich, auf einem alternativen Weg zum gleichen Lehrziel zu kommen. Nur muss dieses gleiche Lehrziel eben erreicht werden." Inzwischen ist Chiaras Schule geschlossen, denn zu Beginn dieses Schuljahres wurde die Genehmigung von der Regierung von Oberbayern als zuständiger Schulaufsichtsbehörde nicht verlängert. Das Lehrpersonal sei nicht genügend qualifiziert, die Ausstattung der Schule nicht ausreichend und der Nachweis des Mindestbildungsstandards nicht erfüllt worden.

In den vergangenen zwei Jahren waren sich Schule und Behörde besonders über den letzten Punkt der Auflagen, die an die Genehmigung geknüpft waren, nicht einig geworden. Und vielleicht war der Versuch seitens der Verantwortlichen der Sudbury-Schule naiv, die Schulbehörde mit einer kreativen Dokumentation der Lernfortschritte der Kinder zu überzeugen. Sie wollten sich aber auch nicht verbiegen lassen. Und so wird nun voraussichtlich das Verwaltungsgericht entscheiden, ob die Schule geschlossen bleibt.