Lobrede auf den Lehrer Motivationsdroge Mensch

Lehrer von heute sollen Inhalte lehren und nebenbei all das ans Kind bringen, was im Elternhaus versäumt wurde.

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Sie sind ungerecht, dünkelhaft, cholerisch, humorlos. Klar, unter den etwa 673.000 Lehrern in Deutschland sind manche, die man besser nicht auf Schüler losgelassen hätte. Aber es gibt auch die, denen man alles verdankt. Plädoyer für einen verkannten Beruf.

Von Alex Rühle

Achte Klasse, harte Zeit. Plötzlich, wie auf Knopfdruck, sprudeln die Hormone durch den Körper wie die Kohlenstoffbläschen durch eine unter Hochdruck stehende Soda-Flasche. Die Welt sieht sehr neu und teilweise plötzlich überraschend schön aus. Schule ist in dieser Entwicklungsphase wirklich der alleruninteressanteste Lebensbereich. Und falls es noch eine Steigerung dieses alleruninteressantesten Superlativs geben kann, dann ist das Latein. Aber dann kam Herr Bauer.

Latein, das war bis dahin eine Art linguistische Folterkammer gewesen, randvoll mit immer neuen obskuren Quälinstrumenten. Perfide. Stockduster. Grausam. Herr Bauer brachte erst mal Licht ins Dunkel, er räumte wochenlang in unseren Köpfen auf: Das hier ist ein Ablativ; so funktioniert eine Partizipialkonstruktion; und bis morgen bitte die Semideponentia. Streng. Klar. Konzentriert.

Das war aber nicht das Besondere. Hinter seiner Strenge leuchtete etwas. Ich weiß noch, wie er einmal vorne am Pult saß, ruhig über den Rand des Roma-IV-Buchs schaute, und sagte: "Ich seh dich." Ich war gerade dabei, einen Zettel für meinen Freund Leo zu schreiben, weil wir ja am Nachmittag an die Marienklause zum Baden wollten, als Herr Bauer plötzlich diesen einen Satz sagte: "Ich seh dich."

Die Schönheit grammatikalischer Konstruktionen

War es aus Scham? Oder ist mir damals schon der Doppelsinn dieses Satzes aufgefallen? Jedenfalls traf mich das. Der sieht mich. Und die lateinischen Sätze, die fingen in den Wochen darauf nach und nach von innen zu leuchten an. Wer hätte gedacht, dass ich mal grammatikalische Konstruktionen als schön empfinden würde?

Ich könnte andere Lehrer nennen, bei denen es diese Momente gab. Den Religionslehrer René Rauber, der selbst beinharten Atheisten allein durch seine Art zu sprechen und seine leuchtenden Apfelbäckchen das Gefühl schenken konnte, dass das Leben vielleicht doch irgendeinen Sinn für sie in petto hat.

Oder Herr Uwer: ein kleiner dünner Mann in abgewetzten Cordhosen, der im Unterricht die Pfeife im Mund behielt. Uwer scherte sich recht wenig um den Lehrplan, brachte in der neunten Klasse Dostojewskis "Brüder Karamasow" in den Griechischunterricht, las daraus vor und fragte dann, zum Fenster hinausschauend: "Was ist der Mensch?" Das Wunder war, dass seine Klasse daraufhin nicht fragte, ob dieser Uwer grob einen an der Waffel habe, sondern grübelte, was nun den Menschen vom Tier unterscheidet. Ob wir's rausgekriegt haben, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich, wie dieses namenlose Staunen durch den Raum ging: seltsam, wir sind ja anders.

Am kommenden Freitag gibt es in Bayern Zwischenzeugnisse. Da wird dann wieder geschimpft werden. Auf die Schule. Auf das System. Und, natürlich, vor allem auf die Lehrer, diese Deppen. Faule Säcke. Ignoranten. Freizeitmillionäre. Wie konnten die unserer Anna-Magdalena in Mathe eine Fünf geben?! Und diese seelisch verschorfte Englisch-Schnepfe ist doch ihrem Job in keinster Weise gewachsen.

Um es vorweg zu sagen: Die Herren Uwer, Rauber und Bauer waren pädagogische Ausnahmetalente. Selbstverständlich gibt es kleinmütige Lehrer, die sich, als es um die Berufswahl ging, nie die Frage gestellt haben, ob sie überhaupt pädagogisches Talent besitzen, sondern die einfach nur sicher unterschlüpfen wollten. Es gibt die Totalresignierten. Es gibt die Deutschlehrerin, die gerade mal 15 Bücher zu Hause stehen hat und sich einen Dreck für Texte interessiert. Es gibt ungerechte, dünkelhafte, cholerische, humorlose ... und hier können Sie jetzt jedes Adjektiv Ihrer Wahl einsetzen, schließlich gibt es deutschlandweit insgesamt etwa 673.000 Lehrer.

Aber insgesamt ist doch eher das Wunder, wie viel guter Unterricht in diesem Land abgehalten wird. Trotz des geradezu absurd anmutenden Reformwirrwarrs. Trotz der kultusministerialen Bürokratie. Trotz des krakenhaft wuchernden Verwaltungsirrsinns, der heute neben der pädagogischen Arbeit von allen Lehrern zu bewältigen ist. Trotz der immer noch merkwürdig praxisfremden Ausbildung. Trotz eines Klassenschnitts von meist 30 Kindern.

Was zählt, ist der einzelne Lehrer

Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie untersuchte über viele Jahre 800 Metastudien, die jeweils um die Frage kreisten, was die wichtigsten Faktoren sind für guten Unterricht. Ihre Wucht erhält Hatties Studie "Visible Learning" zum einen aus ihrer einmaligen empirischen Breite: In all den von ihm analysierten Metastudien waren wiederum insgesamt 50.000 Einzelstudien ausgewertet worden; in seine Ergebnisse flossen also die Erfahrungen mit knapp 250 Millionen Schülern ein. Zum anderen ist da diese fast schon verstörende Eindeutigkeit eben dieser Ergebnisse, die Hattie zu Tage förderte.

All das Geschwärme für eigenverantwortliches Arbeiten oder Lernen ohne Lehrer kann man demzufolge genauso vergessen wie die Frage nach privater oder öffentlicher Schule. Die finanziellen Ressourcen einer Schule? Fallen kaum ins Gewicht. Didaktische Reformen? Vergessen Sie's. Was zählt, ist der einzelne Lehrer. Wie bereitet er den Stoff auf? Wie stringent führt er durch die Stunde? Erreicht er die Kinder? Kann er sich für das, was er da unterrichtet, selbst begeistern?

Wem das zu abstrakt ist, für den kommt hier stattdessen der Praxistest: Es gab da in Malmö diese sehr schlechte Klasse in einer verschrienen Problemschule. Der wurden in der neunten Klasse im Rahmen eines Dokumentarfilm-Experiments acht neue Lehrer vorgesetzt. Die neunte Klasse ist in Schweden sehr wichtig für das weitere Fortkommen: Hier entscheidet sich, ob die Jugendlichen auf eine weiterführende Schule kommen. Die acht neuen Lehrer wurden aus dem ganzen Land herbeigeholt, es waren Pädagogen, die jeweils Preise gewonnen oder sich anderweitig ausgezeichnet hatten.

Die ganze Nation konnte Woche für Woche im Fernsehen dabei zuschauen, wie aus demotivierten Versagern Höchstleistungsschüler wurden: Fast alle schafften es auf eine weiterführende Schule, ja, bei den nationalen Vergleichstests belegte die Klasse in Mathematik den ersten Platz.