Kunstsprache Hodiaŭ mi lernas Esperanton

60 Nationen waren auf dem Welt-Esperanto-Kongresses 2012 in Hanoi vertreten.

(Foto: imago)

Heißt übersetzt: Heute lerne ich Esperanto. Die Kunstsprache sollte einst Kulturen miteinander verbinden. Warum hat sie sich (noch) nicht durchgesetzt?

Analyse von Joachim Göres

Englisch, Französisch, Latein - viele Erwachsene haben keine guten Erinnerungen an ihren Fremdsprachenunterricht, an das Büffeln von Vokabeln, an das Lernen von grammatischen Regeln samt einer langen Liste von Ausnahmen, an die ungewohnten Laute, die das Gehör und die Zunge nicht selten überfordern.

Und dann sind gerade bei schlechten Schülern positive Erlebnisse im Kopf hängen geblieben, wenn der Englischlehrer oder die Französischlehrerin zur Abwechslung sich mal für einige Stunden einer ganz anderen Sprache widmete: Esperanto. Eine Kunstsprache, die der Warschauer Augenarzt Ludwik Zamenhof Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte, um Grenzen zu überwinden. Ein Artikel, Kleinschreibung, eine Grammatik ohne Ausnahmen, alle Wörter werden so ausgesprochen wie sie geschrieben stehen. Eine Sprache, in der man schon nach kurzer Zeit leichte Texte lesen kann und so zu Erfolgserlebnissen kommt.

"Ich hatte eine Fünf in Englisch, mit Fremdsprachen habe ich meine Probleme. Bei Esperanto ist das anders, da versteht man viel mehr. Außerdem fällt mir Englisch etwas leichter, seitdem ich Esperanto lerne", sagt die 14 Jahre alte Jeanette aus Herzberg am Harz. In der niedersächsischen Kleinstadt befindet sich das Deutsche Esperanto-Zentrum, hier können sich Lehrer fortbilden, und Schüler Esperanto-Arbeitsgemeinschaften besuchen. "Ich habe damit angefangen, um an einem Projekt mit Jugendlichen aus Ungarn und Italien teilnehmen zu können, wo wir uns über einen Mischmasch aus Esperanto, Englisch und Deutsch verständigt haben. Außerdem habe ich über Esperanto ein Mädchen aus der Schweiz kennengelernt, das ich demnächst besuche. Esperanto macht mir Spaß und man bekommt so leichter Kontakte in andere Länder", erzählt Jeanettes Freundin Anna.

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Esperanto steht allerdings auch in Herzberg im Schatten der Weltsprache Englisch - außer den beiden Mädchen gibt es nur wenig Nachwuchs. Esperanto-Kurse an Schulen und auch an Hochschulen sind die Ausnahme, zusätzliche freiwillige Angebote haben es angesichts hoher Pflichtauflagen generell schwer. Harald Faber bedauert das. Der Theologe organisiert an der Fachhochschule für Interkulturelle Theologie im niedersächsischen Hermannsburg bei Celle den Sprachenunterricht für Vertreter von 20 Nationen, die sich untereinander meist auf Englisch verständigen. Weltweit haben circa 1,5 Milliarden Menschen Englisch gelernt, dazu kommen noch die Muttersprachler - warum sich also mit Esperanto beschäftigen? "Über Esperanto ist eine gleichberechtigte Kommunikation möglich, denn niemand ist Muttersprachler. Bei Englisch sind dagegen die Muttersprachler immer im Vorteil", sagt Faber.

Der Theologe weist darauf hin, dass die heutige Weltsprache die Dominanz der englischsprachigen Welt verstärke - immer mehr Wissenschaftler müssten auf Englisch publizieren, Studienaufenthalte in den USA begünstigten die Übernahme der dort herrschenden Anschauungen. Außerdem sei Englisch als Brückensprache nicht unbedingt geeignet. "An unserer Fachhochschule erlebe ich es immer wieder bei den Studierenden, dass es zu Missverständnissen kommt, weil ihr Englisch wegen ihres starken Akzents nur schwer zu verstehen ist. Auf Esperanto ist die Aussprache einfacher, es gibt auch keine Probleme beim Schreiben", sagt Sprachendozent Faber, der sich Esperanto im Alter von 14 Jahren innerhalb von einigen Wochen so gut selber beibrachte, dass er es verstehen konnte.