Kommentar Bringt den Schülern endlich Medienkompetenz bei!

Deutschland Schulen haben die digitale Bildung bisher vernachlässigt.

(Foto: dpa)

Es muss viel mehr für die digitale Bildung junger Leute getan werden. Dort entscheidet sich, wie es mit dem Standort Deutschland weitergeht.

Kommentar von Klaus Ott

Richtiger Ansatz, falscher Titel, viel zu kurz gedacht. Auf diesen Nenner lässt sich die Medienbildung in Deutschland bringen. Beispiel Bayern: Die Landesregierung hat für die Schulen ein Programm mit dem Namen "Medienführerschein" entwickelt. Klingt abschreckend. Ganz so, als müssten die Jugendlichen, die mit Smartphones und Tablets wahrscheinlich fixer sind als viele Lehrer, erst eine Prüfung bestehen. Um weiter durchs Internet surfen zu dürfen oder Mitglied bei Facebook zu sein.

Dabei ist das Programm, das sich hinter dem Führerschein verbirgt, hilfreich und spannend. Schüler sollen im Netz posten und stöbern; sollen auf teils spielerische Art und Weise Chancen und Gefahren des Medienwandels erleben und erkennen. Aber nur, und das ist das viel größere Manko als der bürokratische Titel, wenn einzelne Lehrer und Schulen sich Zeit dafür nehmen. Der richtige Ansatz mit dem falschen Titel ist nämlich kein fest vorgegebener Bestandteil des Unterrichts.

Die Wirklichkeit hat die Schule längst überholt. Während Smartphone, Digitalisierung und Globalisierung die Arbeitswelt und Gesellschaft mehr und mehr verändern, hinkt die Bildung hinterher. Mit fatalen Konsequenzen. Ein Teil der Bevölkerung fühlt sich abgehängt oder kommt tatsächlich nicht mehr mit. Industriemanager wie Siemens-Chef Joe Kaeser fordern eine Art staatlich garantiertes Grundeinkommen, um die drohende oder bereits stattfindende Spaltung der Gesellschaft zu stoppen. Im Prinzip ist das richtig. Das soziale Netz soll so gewebt sein, dass möglichst niemand durchfällt.

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Aber das ist nicht der Kern der Lösung. Der liegt darin, möglichst viele Menschen mitzunehmen auf dem Weg in die digitale Gesellschaft, in die Industrie 4.0, oder wie immer man das nennen mag. Um das zu tun, braucht es vor allem auch bessere Bildung, angefangen in den Schulen. Und dort braucht es ein eigenes Fach Medien- und Sozialkunde, in dem alle wesentlichen Inhalte dieses Wandels umfassend behandelt werden. Die Technik, die Inhalte, gemeinsames Lernen und Arbeiten. Es den einzelnen Lehrern und Schulen zu überlassen, was sie davon wie umsetzen, heißt nichts anderes als: Verantwortung abschieben, sich aus der Verantwortung stehlen. Viele Lehrer wissen ohnehin nicht mehr, um wen und was sie sich noch alles kümmern sollen. Angefangen von auffälligen Schülern bis hin zur immer rasanter verändernden Arbeitswelt mit ständig neuen Anforderungen.

Worauf es nun ankommt, das haben viele Parlamente und Regierungen immer noch nicht verstanden. Die hierzulande für die Bildung zuständigen Bundesländer wollen jenen Jugendlichen umfassende digitale Kompetenzen vermitteln, die von 2023 an die Schulen verlassen. So haben es, ganz im Ernst, die Kultusminister der Länder Ende vergangenen Jahres vereinbart. Genauso gut könnten die Verkehrsminister beschließen, dass fürs Autofahren reif ist, wer mal auf einer Pferdekutsche gesessen hat. Was Deutschlands Bildungspolitiker treiben, ist purer Anachronismus. Als ob die Welt stehen bliebe. Das tut sie aber nicht.

Auch Teambildung wird immer wichtiger

Notwendig ist nichts weniger als ein gemeinsamer Kraftakt von Kommunen, Ländern und Bund, von Wirtschaft und Gewerkschaften, von gesellschaftlichen Gruppen bis hin zu den Kirchen und auch von Medienunternehmen, um rasch für eine bessere Bildung zu sorgen. Etwas weniger Spezialwissen in einzelnen Fächern zugunsten einer umfassenden Medienkompetenz, das wäre der richtige Ansatz. Wer sich am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft entfalten will, der braucht etwa Grundkenntnisse im Programmieren und andere technische Fähigkeiten. Oder die Fähigkeit, aus dem schier unerschöpflichen und öffentlich zugänglichem Wissensfundus im Internet das Richtige für sich herauszuziehen und anzuwenden.

Auch Teambildung wird immer wichtiger. Viele Aufgaben lassen sich mit unterschiedlichen Talenten gemeinsam besser bewältigen, als wenn einer alleine auf sich gestellt ist. Dazu gehört ein sozialer, also verantwortungsvoller Umgang mit sozialen Medien. Ebenfalls wichtig ist es, seriöse Informationen von Fake News unterscheiden zu können. Das alles und noch viel mehr lässt sich nicht in einzelnen Stunden und verschiedenen Fächern vermitteln. Mal hier, mal dort, wo zufällig gerade Platz und Zeit ist, wo es vermeintlich gerade passt. Sondern nur gebündelt in einem eigenen Fach Medien- und Sozialkunde, über Schuljahre hinweg.

Smartphones und Tablets gehören längst zum Alltag. Wie verantwortungsvoll sie genutzt werden, ist auch eine Frage der Bildung. Wer die vernachlässigt, darf sich über die Folgen nicht wundern.

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