Integration für Schulabbrecher Alles andere als dumm

Zu viele Jugendliche brechen in Deutschland die Schule ab. Sie stammen oft aus zerrütteten Familien - und sie sind oft Migranten. Doch es gibt Projekte, die Erfolg versprechen. Ein Besuch im Stuttgarter "Haus der Lebenschance".

Von Roland Preuß

Die Fingernägel verraten viel, sie sind ein Indiz, wie es um einen Bewerber steht. Bei den meisten, sagt Maria Süßenguth, sind sie "komplett weggefressen" - und zwar nicht so, wie man es im Büro von notorischen Nägelkauern kennt. Komplett heißt, bis es blutet, ins Nagelbett hinein. Wenn die jungen Frauen und Männer bei Süßenguth auftauchen, haben ihre gequälten Seelen angefangen, am eigenen Körper zu nagen.

Etwa 40 Kandidaten haben sich in den vergangenen zwei Jahren bei der Sozialpädagogin und ihrem Team vorgestellt, für einen Platz im "Haus der Lebenschance". Es geht oft um eine letzte Chance für diejenigen, die man Schulabbrecher nennt, die durch Haupt- und Förderschule nach unten gerutscht sind, ins Heim, auf die Straße oder gleich ins Gefängnis. Am Rande von Stuttgarts Innenstadt, inmitten von Bäumen und Bürgerbungalows, können elf von ihnen den Hauptschulabschluss nachholen. Freiwillig. Nur wer Süßenguth von diesem Willen überzeugt, wird genommen.

Die Zahl der Schulabbrecher ist schwer kleinzukriegen, das hat erst kürzlich der Bericht der Bundesregierung zum Stand der Integration gezeigt. 2010 blieben 2,3 Prozent aller 18- bis 24-Jährigen ohne Schulabschluss. Ihr Weg in Niedriglohnjobs oder Hartz IV ist meist vorgezeichnet. Zehntausende Jugendliche gehen jedes Jahr ohne Berufsperspektive ab. Wer stellt schon jemanden ein, der nicht mal in der Schule durchhalten konnte?

Keine Perspektive

Blickt man genauer hin, entpuppt sich der Misserfolg in den Schulen vor allem als Problem von Migranten, 4,4 Prozent von ihnen bleiben ohne Abschlusszeugnis. Das sind zwar 15 Prozent weniger als 2005, versprochen hatten die Länder aber eine Halbierung dieser Zahl bis 2012. Der Fehlschlag wird auch Thema sein auf dem Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel an diesem Dienstag in Berlin. Dort werden die Länder die Angelegenheit aller Voraussicht nach abhaken im Stile der Planwirtschaft: Werden die Ziele nicht erreicht, senken wir eben die Vorgaben. Die Halbierung soll erst später kommen.

Hätten die Kultusminister ihr Ziel erreicht, wären Jasin M., 16, und Janesan V., 18, vielleicht gar nicht im Haus der Lebenschance gelandet. Nun sind die jungen Männer täglich hier, von neun bis 16 Uhr. Den Unterricht finanzieren der Johanniterorden und die Evangelische Gesellschaft - und er ist teuer. Man darf also durchaus fragen: Was sind das für Leute, die nicht mal einen Hauptschulabschluss schaffen? Sind sie zu faul oder zu dumm? Und warum brechen so viele Migranten ab?

Jasin ist groß, über eins neunzig, breite Schultern, dunkle Haare, schwarze Jacke. Würde er nachts auf der Straße Geld verlangen, würde man es vermutlich freiwillig herausrücken. Woran ist er in der Schule gescheitert? Die Klassenlehrerin habe ihn "gehasst", sagt Jasin. Doch sie kann nicht die Einzige gewesen sein. Er hat die Erziehungsschule hinter sich, eine Art Förderschule, ein Heim für schwer Erziehbare - und drei Monate lang wollte ihn gar keine Schule mehr aufnehmen. Jasin ärgerte die Lehrer gern, zeigte offen seinen Unwillen, die Klassenlehrerin stellte ihn dafür bloß. Kurz vor dem Abschluss warf Jasin hin. Der Unterricht war eine einzige Frustveranstaltung. Die Schule, sagt er, "war die Hölle". Und das Heim auch.

Der Deutsch-Türke erzählt dies in klaren Sätzen, er gibt eine kühle Analyse des eigenen Scheiterns. Zwischendurch stützt er seine Schläfe auf die Fingerkuppen, kaut an den Nägeln. Warum er so geworden ist? "Ich weiß es nicht", sagt Jasin. Das Scheitern, so viel steht fest, nimmt seinen Anfang schon zu Hause, bei seiner türkischen Mutter und dem deutschen Vater. Der hat ein Reinigungsunternehmen, er macht "sehr viel Druck", dass sein Sohn gute Noten heimbringt. Genauer sagt es Jasin nicht. Helfen tut ihm keiner: Der Vater ist nur selten da. Und selbst wenn: Er kennt sich nicht aus mit Mathe oder Mittelalter, die Mutter hat nie eine Schule besucht.

Das ist immerhin noch mehr, als Janesan hatte. Seine Familie floh aus Sri Lanka nach Deutschland, nach 13 Jahren klopfte die Polizei an der Tür und schob die Eltern ab. Die Kinder waren gerade nicht da, Janesan blieb in Deutschland. Da war er elf. Bis dahin, sagt er, sei alles gut gelaufen. "Mein Vater sagte immer, als Dunkelhäutiger musst du besonders gut sein." Nun aber war nichts mehr gut, Janesan versteckte sich, lebte später in einem Heim, deren Betreuer er nicht mochte. Bald war anderes wichtig: coole Jacken etwa, die er sich nicht leisten konnte und deshalb klaute. In Janesan wuchs der Hass. Vor allem auf den Staat, der seine Eltern abgeschoben hatte. "Den übertrug ich auf die Lehrer." Im Unterricht sitzt er hinten und hört Musik, in der Abschlussprüfung fällt er durch.

Überforderte Eltern

Maria Süßenguth sagt, sie habe hier niemanden, der aus einer wirklich intakten Familie stamme. Oft haben die Eltern ganz früh Kinder bekommen, waren alleinerziehend oder völlig überfordert. Wer zu Hause Schläge bekomme statt Rückhalt, der sei gefährdet für den Absturz. "Schulabbruch ist nur das Symptom dafür, dass zu Hause etwas gewaltig schiefläuft", sagt sie. Sind also immer die anderen schuld? "Eigentlich hängt es auch von einem selber ab", sagt Jasin. Er hat schnell kapiert, dass die Zukunft ohne Schulabschluss duster aussieht. "Damit wirst du nicht mal Müllfahrer." Janesan sagt, der Staat sei schuld, denn der habe seine Eltern abgeschoben. Das war die Urkatastrophe der Familie. "Jetzt aber ist es meine Sache." Er trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Im Mai möchte er den Hauptschulabschluss schaffen.

Maria Süßenguth nennt ihre Schüler "schwierigste Klientel", doch dumm sind sie nicht. Einige hätten das Zeug zum Gymnasium. Doch dafür bedarf es mehr als Intelligenz, man muss auch den Lebensmut aufbringen, den die Geborgenheit einer Familie verleiht. Jeden Morgen nimmt sie ihre Schüler in den Arm und zum Abschied noch einmal. Die jungen Erwachsenen suchen nach Zuneigung, als kämen sie gerade von einer langen, schrecklichen Reise zurück. Noch während Süßenguth Fragen beantwortet, kommt eine 21-Jährige ins Zimmer und umarmt sie. Das ist Bestandteil der Arbeit der Sozialpädagogin, die Nähe hält die Schüler im Unterricht. "Papa Maria" ist ihr Spitzname im Haus, ihre Kollegin heißt "Mama Branka".

Es sind Erwachsene, die zu alt sind für Elternnähe und trotzdem danach suchen. Doch eine intakte Familie kann weder der Staat noch "Mama Branka" ersetzen. Den Lehrern fehle das Werkzeug für den Umgang mit Schulabbrechern, sagt Süßenguth, dafür seien sie nicht ausgebildet. Sie könnten Schüler nur beraten, weitervermitteln zu Sozialarbeitern und anderen, die helfen. Eines aber könnten Lehrer machen, sagt Süßenguth. "Den Jugendlichen in der Schule beibringen, wie man Kinder erzieht." Das sei doch wichtiger, als Stricken zu lernen.