Innenarchitektur von Schulen Das Klassenzimmer als merkwürdige Konstante

Strikt nach vorne ausgerichtet: Die Architektur von Klassenzimmern hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht verändert.

(Foto: EBE)

Aus "Schulkasernen" wurden im Laufe der Zeit "Schulmaschinen". Doch während sich die Architektur der Gebäude veränderte, blieb der Aufbau der Klassenzimmer gleich. Was dieser Umstand mit dem dunklen Auftrag der Schulen zu tun hat.

Von Burkhard Müller

Wer das Pons-Bildwörterbuch aufschlägt, der weiß, wie er sich das Standard-Klassenzimmer der Gegenwart vorzustellen hat: Hell ist es, schnörkellos und bunt auf eine spielerisch-nüchterne Weise. Es wirkt ein wenig wie die Simulation seiner selbst im Playmobil-Modus. Aber sieht man davon ab, erkennt man doch relativ unverändert das alte Grundmuster.

Da stehen zwölf Tische, alle strikt nach vorn ausgerichtet, an denen je zwei Schüler oder Schülerinnen sitzen, im rechteckigen Schema mit drei Reihen und zwei Erschließungsgängen angelegt. Sechs Computer-Arbeitsplätze (einen für je vier Kinder) gibt es auch, sie sind als Spezialfall seitwärts an die Wand gerückt. Als begleitende Stichworte liefert das Bild: schwarzes Brett, Lehrerpult, Landkarte, Tafel, Bücherregal. Selbst für die Größe des Klassenzimmers scheint ein heiliges Maß zu gelten: Neun mal sieben Meter umfasst es, 63 Quadratmeter.

Was hier geschieht, geschieht frontal. Es bestätigt sich der alte Schülerspruch, in dem sich die Erfahrung vieler Generationen niedergeschlagen hat: Wenn alles schläft und einer spricht, den Zustand nennt man Unterricht.

Das Klassenzimmer als merkwürdige Konstante

Wo sich in der deutschen Bildungslandschaft während der vergangenen Jahrzehnte sonst alles geändert hat, eine Reform die andere jagt und kein Modulbaustein auf dem anderen blieb, stellt die Architektur des Klassenzimmers eine merkwürdige Konstante dar. Und das, obwohl sich doch alle einig sind, dass, nach Lehrer und Mitschülern, das Klassenzimmer der dritte Pädagoge sei, für den Lernerfolg nicht weniger entscheidend.

Der Architekturwissenschaftler Christian Kühn, der vor zwei Jahren in Österreich die Ausstellung "Fliegende Klassenzimmer" kuratiert hat, äußert im jüngsten Heft der Monatszeitschrift Merkur einige Vermutungen über die Gründe solchen Beharrungsvermögens: Als man seit den Sechzigerjahren daran ging, die Schulen um- und neu zu bauen, da ersetzte man die alten "Schulkasernen" letztlich durch "Schulmaschinen", die sich von ihren Vorgängern zunächst durch Flachdächer, Sichtbeton und viel (oft versagende) Technik, sonst aber vor allem durch ein unüberschaubares, ja unmenschliches Riesenmaß unterschieden, während die Grundelemente nicht angetastet wurden; Klassenzimmer, Pausenhöfe und Flure blieben, was sie immer gewesen waren.

Das passt, wie man sagen muss, sehr gut zum Geist der sozialdemokratischen Reformen jener Zeit: Sie strebten in erster Linie Chancengleichheit an, was in der Praxis bedeutet "mehr vom selben". "In der Reformbegeisterung hatte man die Nutzer vergessen", meint Kühn. Natürlich gab es viel beachtete alternative Pilotprojekte, aber sie drangen nicht durch.

Was heute an neuen Vorschlägen auftaucht, ist zumeist vor vierzig, fünfzig Jahren schon einmal aufs Tapet gebracht worden: Die Schüler sollen nicht wie angenagelt dasitzen, sondern sich bewegen können, im Stehen oder Liegen lernen, wechselnde Gruppen bilden. Das Klassenzimmer soll sich nicht abschotten vom restlichen Schulgebäude, sondern übergehen ins Offene; idealerweise wäre dieses Zimmer nur noch eine Art Basislager für die ausschwärmenden Kinder, die frei die Welt entdecken.

Lobrede auf den Lehrer Motivationsdroge Mensch

Sie sind ungerecht, dünkelhaft, cholerisch, humorlos. Klar, unter den etwa 673.000 Lehrern in Deutschland sind manche, die man besser nicht auf Schüler losgelassen hätte. Aber es gibt auch die, denen man alles verdankt. Plädoyer für einen verkannten Beruf.