Inklusion "Die Wertschätzung hat sich komplett geändert"

Die entspannte Atmosphäre beim Arbeiten hat ihnen am besten gefallen, sagen die Studenten später. "Die Dozenten erzählen viel von sich und wir von uns", sagt die Pädagogik-Studentin Catharina Obernauer. Ihre wichtigste Erkenntnis: Die Ziele im Leben sind oft dieselben, nur die Chancen, diese zu erreichen, sind noch lange nicht gleich. Manche Studenten hätten ihm gesagt, dass sie nicht an den Erfolg von Inklusion glauben, erzählt Finke. "Dann reden wir darüber, dass sich natürlich auch das System verbessern muss. Dass zum Beispiel die Klassen kleiner sein müssen und man mehr Zeit braucht, um auf alle einzugehen."

Dass Inklusion aufwendig ist und Geld kostet, zeigt sich auch an dem Projekt "Inklusive Bildung" selbst. Fünf Menschen mit verschiedenen geistigen und körperlichen Behinderungen haben unterschiedliche Bedürfnisse. Zu Beginn der Praxisphase 2014 unterrichten noch alle Teilnehmer gemeinsam und mit einer Assistentin, die sie bei der Vorbereitung unterstützt. Inzwischen halten sie die Seminare zu zweit.

Vertrauen sei wichtig, betont Jan Wulf-Schnabel. Er leitet das Projekt. Die Dozenten sollten sich jederzeit zurückziehen können, wenn sie sich überfordert fühlen. Deshalb halte die Stiftung ihre Werkstattplätze auch für den gesamten Projektzeitraum frei. Ein durchaus kostspieliges Angebot, das von der "Aktion Mensch" unterstützt wird. Nach Ende des Projekts im Herbst müssten die Dozenten in jedem Fall reguläre Jobs an den Hochschulen finden, fordert Schnabel: "Sonst laufen sie Gefahr, nach ein, zwei Jahren an der Universität direkt wieder in die Sozialhilfe durchzurauschen." Der Anspruch auf Behindertenhilfe ist dann erst einmal verloren.

Dutzende Hochschulen wollen das Angebot künftig in ihre Lehrpläne aufnehmen

Es sind also noch längst nicht alle Schwierigkeiten geklärt, die so ein Projekt mit sich bringt. Zum Beispiel darf an einer Hochschule eigentlich nur unterrichten, wer auch einen Hochschulabschluss hat. Den haben die Dozenten natürlich nicht. Offiziell wird das Seminar deshalb von einer Lehrbeauftragten der Fachhochschule durchgeführt. Die Dozenten dürfen auch keine Klausuren oder Hausarbeiten bewerten. Um Punkte zu bekommen, müssen die Studenten eine Klausur in der dazugehörigen Vorlesung schreiben.

Auch Horst-Alexander Finke muss sich für das Projekt immer wieder überwinden. Früher habe man ihm jedes Wort über seine Beeinträchtigung aus der Nase ziehen müssen. Inzwischen hat er gemerkt, wie offen und neugierig die Menschen auf seine Geschichte reagieren. Er sei "schwer beeindruckt", besonders wenn er die angehenden Lehrer von heute mit denen aus seiner Schulzeit vergleiche. "Die Wertschätzung hat sich komplett geändert", auch dank der Debatte um Inklusion.

Inzwischen hat die Stiftung Drachensee ein Institut gegründet, um das Modellprojekt auch im In- und Ausland bekannt zu machen. Laut Projektleiter Schnabel wollen Dutzende Hochschulen das Angebot künftig in ihre Lehrpläne aufnehmen und Dozenten mit Behinderung einstellen. So solle sich auch deren Status verschieben. Die Dozenten spüren das heute schon, erzählt Finke. Ein Kollege sei in der Mensa-Warteschlange einmal gefragt worden: "Na, darfst du dir heute auch mal die Hochschule angucken?" Er habe dann ganz trocken gekontert: "Nee, du, ich hab 'nen Lehrauftrag."