Homophobie in der Schule "Lehrer sehen keinen Problemdruck"

Was wissen die Jugendlichen eigentlich über Homosexualität? Oder besser gefragt: Was wissen sie nicht?

Oft glauben sie, dass man sich aussucht, ob man lesbisch oder schwul ist; dass die sexuelle Identität also eine eigenständige Entscheidung sei, die man wie eine Mode annimmt. Wenig im Blick sind auch die Konflikte, die homosexuelle Jugendliche oft durchzustehen haben, viele Lehrer wissen nichts über das nachweislich erhöhte Suizidrisiko. Sie sehen keinen Problemdruck, ganz nach der Devise: Weil Wowereit und Westerwelle schwul sind, muss man gar nicht mehr groß über das Thema reden.

Schwul als Schimpfwort - das hört man auf Schulhöfen in ganz Deutschland, selbst in der Provinz. Im Falle Berlins denkt man aber unweigerlich auch an schwulenfeindliche Migranten.

Diese und frühere Studien zeigen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund eher negative Einstellungen zur Homosexualität haben und dass das auch mit traditionellen Geschlechterrollen und mit Religiosität zu tun hat. Das erklärt den Ton auf dem Schulhof aber nicht. In unserer Studie hat sich kein Effekt der Herkunft auf das Verhalten gezeigt, arabisch- oder türkischstämmige Jugendliche sagen etwa nicht häufiger "Du Schwuchtel".

Das allgegenwärtige Schimpfwort dürfte gerade für schwule Jugendliche heikel sein. Was können die Schulen tun?

Die Jugendzeit, die für andere Schüler mit der ersten Liebe und den ersten sexuellen Erfahrungen zusammenhängt, ist für viele Betroffene eine Zeit der Ängste und Fragen. Die Ächtung von Mobbing im Schulleitbild und das Einschreiten bei homophoben Beschimpfungen fördern nachweislich die Toleranz und das gesamte Klima, es kann Mobbing unterbinden.

Wie soll das stattfinden? Gehört dazu ein eigener "Toleranz-Unterricht"?

Im Idealfall wird Vielfalt wie selbstverständlich dargestellt, indem Lehrkräfte etwa Romane wählen, in denen auch lesbische und schwule Charaktere vorkommen. Beiläufig fördert man so Toleranz, es muss nichts Aufgesetztes sein. Es gibt aber auch direktere Möglichkeiten wie Projekttage. Oder man kann ehrenamtliche Aufklärungsteams mit jungen Lesben und Schwulen einladen. Sie erzählen aus ihrem Leben, ihnen können die Jugendlichen Fragen stellen, die ihnen ansonsten keiner beantworten würde. Selbst in Berlin ist es ja so, dass ein Drittel der Zehntklässler von keiner einzigen lesbischen, schwulen oder bisexuellen Person in ihrem Bekanntenkreis weiß. Auch wenn das schon rein statistisch eigentlich unmöglich ist.

Also kommt es auf die Lehrer an?

Eindeutig ja. Lehrer wissen oft nicht, wie unkompliziert man das Thema berücksichtigen kann, indem man es in den Unterricht einbindet. Damit kann man nicht früh genug anfangen - etwa schon in den ersten Schulklassen erwähnen, dass manche Kinder eben zwei Mütter haben. Für Kinder ist in der Regel das normal, was ihnen als Normalität vorgelebt wird. Es geht nicht um sexuelle Praktiken, wie manche befürchten, das wirkt auf keinen traumatisierend. Aber es sensibilisiert.

Wie sollten sich Lehrer verhalten, die selbst homosexuell sind - können Sie Vorbild sein? Oder ist ein Outing in der Schule problematisch?

Es gibt Hinweise, dass die Bekanntheit homosexueller Lehrkräfte positive Einstellungen und solidarisches Verhalten befördert. Da wäre es natürlich wünschenswert, wenn mehr Lehrer offen damit umgehen - sich nicht unbedingt mit großem Rummel hinstellen, sondern es wie selbstverständlich erwähnen, so wie etwa eine Kollegin von ihrem Mann spricht. Die Frage ist, wie man sich das in seiner eigenen Situation zutraut. Zu empfehlen ist wohl, sich bei der Schulleitung oder den Kollegen erst mal vorzutasten. Heikler ist fast der Fall, wenn die Lage unklar ist, wenn über eine Lehrkraft gemunkelt wird und Schüler das vielleicht für eine Machtprobe missbrauchen. Wenn klar ist, dass jemand selbstbewusst damit umgeht, bietet er wenig Angriffsfläche. Aber die Vorbildwirkung ist wahrscheinlicher, wenn ein Lehrer ohnehin Ansehen bei den Schülern genießt.

Insgesamt gesehen gibt es offensichtlich Handlungsbedarf an den Schulen. Nach den jüngsten Homo-Ehe-Urteilen predigt die Politik die Gleichstellung. Ist die Gesellschaft weiter als ihre Jugend?

Nein, unsere Untersuchung hat auch gezeigt, dass drei Viertel der Schüler sagen, dass schwule und heterosexuelle Paare natürlich die gleichen Rechte haben sollten. Man muss unterscheiden: Es geht bei den Schülern nicht um strukturelle Diskriminierung, sondern um zwischenmenschlichen Umgang. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass sich die Einstellungen verbessern, wenn Schüler sehen: Es wird auch von rechtlicher Seite ein Zeichen gesetzt.

Faule Säcke im Schlabberpulli

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