Hochschulreform Das Bachelor-Studium soll entschleunigt werden

Im Bachelorstudium soll sich eine Menge ändern.

  • Nach jahrelanger Kritik soll das Bachelorstudium reformiert werden.
  • In einem Papier, das die KMK beschließen will, heißt es unter anderem: mehr Freiräume, weniger Detailregelungen, Verzicht auf Noten zu Studienbeginn.
Von Johann Osel

Spott hat sich erst neulich wieder über den Bachelor ergossen. Da ging es um den Zugang der Sechs-Semester-Studenten zur Beamtenlaufbahn, um Skepsis bei den Innenministern. In Kommentaren im Netz, Leserbriefen, Stellungnahmen und Debatten auf Hochschulfluren fielen da unschöne Begriffe: Als "Schmalspur-Akademiker", "Nullschnaller" oder "Studienabbrecher mit Zeugnis" wurden die Bachelor verlacht; über das Studium hörte man Beschreibungen wie "Bulimie-Lernen".

Es war wieder mal Hochkonjunktur für den Streit über die Bologna-Reform. Es kehrt einfach keine Ruhe ein, im Gedächtnis bleibt vor allem die Kritik: die riesigen Studentenproteste 2009 gegen die Verschulung des Studiums; oder ein mittlerweile fast schon legendärer Satz von Horst Hippler. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Dachverband fast aller Hochschulen, sagte mal: "Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker."

Nun soll es mit einem großen Schritt vorangehen. Mehr als ein halbes Jahr haben die HRK und die zuständigen Minister der Länder an einem Papier gearbeitet. An diesem Donnerstag wollen die Amtschefs der Kultusministerkonferenz (KMK) dieses endgültig beschließen und dann die Ideen präsentieren, wie es besser werden soll mit dem Bachelor. Das Papier liegt der Süddeutschen Zeitung vor. Die Chancen auf Umsetzung könnten höher nicht sein - die Minister haben die Hoheit über die wichtigen Gesetze, und die Hochschulen geben sich eine Selbstverpflichtung. Tenor des Papiers: mehr Freiräume, weniger Detailregelungen, Verzicht auf Noten zu Studienbeginn. Auch die Abschlusszeugnisse sollen sich ändern, sie sollen Aufschluss über den tatsächlichen Wert einer Note geben.

Schleimer, Minimalisten und Hysteriker

mehr... Bilder

Dauerbaustelle Bologna - Europas Bildungsminister hatten es sich in der italienischen Stadt 1999 so schön erträumt: ein Studium, das auf dem ganzen Kontinent vergleichbar ist, das Leute schnell in Jobs bringt, das in sechs Semestern einen ersten Abschluss liefert und einen darauffolgenden Master für diejenigen, die zum Beispiel in die Forschung wollen. Das waren die Ziele damals. Seit anderthalb Jahrzehnten wird aber gestritten, an zwei Fronten. Studieren ist nicht mehr studieren, eher wie Schule, heißt es einerseits. Der Bachelor, als vollwertiger Abschluss gedacht, sei wenig wert, hört man andererseits. Daher mühen sich Politik und Hochschulen mit der Reform, beschwichtigen und korrigieren. Ein immerwährendes Bachelor-Basteln. Gleichwohl versucht das Papier den Eindruck zu vermeiden, dass es vollends schlecht gelaufen sei bisher, man attestiert sich "beeindruckende Reformanstrengungen" - die einer "Optimierung" bedürften.

Weniger Druck heißt auch weniger Konkurrenzdruck

Die Ideen klingen vielversprechend. In den ersten beiden Semestern soll es möglich sein, ohne Noten zu studieren, nur mit "bestanden" oder "nicht bestanden". Ob das jede Uni als Ganzes, jede Fakultät oder jeder Professor entscheiden soll, ist noch unklar. So würden diese Leistungen nicht - wie jetzt zum Leidwesen vieler Studenten - in die Endnote einfließen. Ein bayerischer Uni-Dozent erzählt: "Es kommt heute ständig die Frage, ob dieses oder jenes für die Note zählt oder in der Klausur vorkommt. Falls nicht, dann ist es gleich nicht mehr interessant." Gerade am Anfang aber sei es wichtig, dass Studenten ein Gespür für die Breite des Fachs bekämen.

Ändern könnte sich das, wenn sich nicht mehr jeder Schnitzer rächt, wenn nicht jedes Ausprobieren ein Malus wäre. Es ist derzeit oft nicht nur eine Klausur, die eine Modulnote ausmacht, sondern eine Vielzahl einzelner Nachweise. Wie in der Schule. Weniger Druck heißt auch weniger Konkurrenzdruck: Oft hört man, dass der Umgang an der Uni rauer wird - weil viele ahnen, dass nicht für alle Bachelor ein Masterplatz bereitsteht, nur für die Besten. Eine Folge: Bücher verstecken in der Bibliothek.

Vor allem die Rektoren appellieren bereits an die eigene Zunft, Spielräume zu nutzen, "Studieren mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten" zu ermöglichen. Viele Dinge, schon die Sechs-Semester-Vorgabe, seien gar nicht so starr vorgegeben, wie sie gehandhabt würden. Aufwendige Abschlussarbeiten könnten sich etwa "in Einzelfällen mehrere Semester strecken".