Hochschulen in Griechenland Die Besten wandern ab

Die Studenten sind frustriert, Professoren werden ins Ausland abgeworben, Gehälter gekürzt: Die griechischen Hochschulen stecken in einer tiefen Krise. Das macht Reformen schwierig - aber umso nötiger.

Von Christiane Schlötzer, Athen

Graffitis auf altehrwürdigen Mauern: Die Athener Universität wird zum Spiegel der Frustration ihrer Studenten.

(Foto: Getty Images)

Achilleas Mitsos wollte jüngst an den Senatswahlen in seiner Universität teilnehmen, doch das Tor zum Hochschulgebäude war verschlossen. Mitsos versuchte sofort herauszufinden, wer für diesen Unsinn verantwortlich ist. "Niemand konnte mir eine klare Auskunft geben", sagt der Professor, der an der Ägäis-Universität auf der Insel Lesbos "Internationale wirtschaftliche Beziehungen" lehrt. Wenn er unbedingt in sein Büro wolle, so habe ihm schließlich der Hausmeister erklärt, gebe es noch einen Schleichweg durch den Keller.

Für Mitsos ist die Episode ein Zeichen dafür, dass Griechenlands Universitäten nicht erst seit der tiefen Rezession im Land in der Krise sind. "Aber die Finanzkrise macht alles nur noch schlimmer. Sie verunsichert die Menschen zutiefst, und das hilft uns nicht bei den nötigen Reformen." So sagt es der 65-Jährige, der viele Jahre in Brüssel für die EU-Kommission gearbeitet hat und danach für Bildungsministerin Anna Dimantopoulou. Die legte in der Regierungszeit des sozialistischen Premiers Giorgos Papandreou ein mutiges neues Hochschulgesetz vor. Es wurde 2011 mit breiter Mehrheit im Parlament verabschiedet - auch mit Stimmen aus der damaligen konservativen Opposition, die heute die Regierung führt. Nur: Das Gesetz wurde in diesem Jahr in wichtigen Teilen wieder zurückgenommen. Weil es an den wenigsten Universitäten umgesetzt worden war.

Die Reform sollte den starken Einfluss der Studentenorganisationen brechen. Die dienen traditionell als Kaderschmieden der griechischen Parteien. Die Positionskämpfe der Gruppen und Grüppchen legen nicht selten den Uni-Betrieb lahm. Auch die Macht der Rektoren sollte das Gesetz beschneiden. "Interessengruppen", sagt Mitsos, hätten die Reform verhindert. Ex-Ministerin Diamantopoulou kommentierte bitter: Die Regierung sei vor "gewaltbereiten Minderheiten und Beamten mit eigenen Motiven" zurückgewichen.

Das System erzeugt seltsame Blüten. Die Universität von Lesbos unterhält eine Dependance auf der Insel Limnos. "Für gerade mal 20 Studenten", sagt Mitsos. Lokalpolitische Interessen bringen solche Eigenheiten hervor. Die Tage der Lehre auf Limnos dürften allerdings gezählt sein. Mitsos: "Das kann inzwischen niemand mehr rechtfertigen."

Es kann "nur noch schlimmer werden"

Den Widerstand gegen Reformen erklärt auch Giannis Caloghirou mit "allgemeiner Verunsicherung". "Wir haben nicht nur eine Finanzkrise, wir haben auch eine Vertrauenskrise", sagt Caloghirou. Der 60-Jährige engagiert sich in der "Griechischen Vereinigung der Hochschullehrer" und lehrt am Polytechnio, der Technischen Hochschule in Athen. Er sieht eine Studentengeneration heranwachsen, "die das Gefühl hat, dass es morgen nur noch schlimmer werden kann". Dies belaste alle, Studenten wie Professoren. "In solchen Zeiten ist es nicht einfach, für die eigene Zukunft zu arbeiten", meint Caloghirou.

Das Polytechnio ist ein griechischer Mythos. In dem neoklassizistischen Gebäude protestierten im November 1973 Studenten gegen die damals herrschende Diktatur. Der Aufstand wurde blutig niedergewalzt. Ein Denkmal auf dem Uni-Gelände und ein nationaler Feiertag erinnern bis heute daran. Neueren Datums sind die Parolen und Wandmalereien. "Entweder mit den Monopolen oder mit dem Volk", ist auf einer Mauer zu lesen. "Das Lehrsystem ist die Lehre des Systems" steht auf einer anderen. Im Innenhof basteln Studenten an Architekturmodellen.

"Das Schlimmste", sagt Caloghirou, "ist der Braindrain." Der Verlust an Talenten, die Abwanderung der Besten. Nicht nur der Studenten, auch der Professoren. "In den 90er Jahren kamen viele Griechen aus Amerika zurück, gut ausgebildete Leute, Spezialisten, die man überall auf der Welt sucht." Nun gehen sie wieder weg, verlassen das Land in Richtung USA, Saudi-Arabien, Katar.

Triantafyllos Albanis, Rektor der Universität von Ioannina in Nordgriechenland, staunte nicht schlecht, als er Besuch aus Tirana bekam. Die Delegation vertrat gleich sieben private Universitäten mit Sitz in der Hauptstadt Albaniens. Diese waren auf der Suche nach griechischen Professoren. "Sie boten nicht nur ein gutes Gehalt, sondern auch Spesen für Reisen, Abholung mit dem Auto an der griechisch-albanischen Grenze, sowie Kost und Logis", erzählte Albanis der griechischen Zeitung Kathimerini.

Der Rektor meinte, wenn die Griechen das Angebot aus Albanien annähmen, könnten sie schlecht weiter in Ioannina unterrichten. Die Werber aus Tirana aber hatten sich schlau gemacht. Griechische Professoren müssten doch nur sechs bis 14 Stunden pro Woche unterrichten, da könnten sie leicht drei Tage im Nachbarland zubringen.