Gutachten zur Kinderbetreuung Grabenkampf um die Ganztagsschule

Schulessen in einer offenen Ganztagsschule in Bochum

Schule vormittags, Betreuung nachmittags - ist das pädagogisch sinnvoll? Experten streiten darüber, wie Ganztagsschulen konzipiert sein müssen, damit Kinder profitieren.

Von Marlene Weiß

Die Ganztagsschule ist die eierlegende Wollmilchsau der Bildungs- und Familienpolitik. Familie und Beruf soll sie vereinbar machen, die himmelschreiende Bildungsungerechtigkeit in Deutschland beenden, Hochbegabte, Schüler mit Schwierigkeiten, überhaupt alle Kinder besser fördern, und was nicht noch alles.

Der Aktionsrat Bildung, ein Expertengremium aus neun Bildungswissenschaftlern, hat nun ein Gutachten zum Angebot an Ganztagsgrundschulen vorgelegt. Demnach ist vor allem das Modell "Schule vormittags, Kinderbetreuung nachmittags" verbreitet. Dessen pädagogischer Nutzen ist nach Ansicht der Experten gering.

Seit 2003 arbeiten Bund, Länder und Kommunen gemeinsam am Ganztagsausbau; das Gutachten der Experten ist eine Zwischenbilanz. Das Tempo des Ausbaus war rasant: In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil der Schüler, die an mindestens drei Tagen in der Woche in der Schule zu Mittag essen und erst nachmittags nach Hause gehen, laut einer im August veröffentlichten Erhebung verdreifacht, auf insgesamt fast ein Drittel der Schüler, an Grundschulen immerhin noch mehr als ein Viertel. Mehr als die Hälfte aller Schulen bieten demnach inzwischen ein Ganztagsprogramm an. Der Bedarf ist trotzdem noch nicht gedeckt: 70 Prozent der Eltern wünschen sich eine Ganztagsbetreuung für ihre Kinder.

Potenzial der Ganztagsschule wird nicht genutzt

Nach Ansicht des Aktionsrats Bildung hat sich dadurch zwar bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie einiges getan - aber das Potenzial der Ganztagsschule werde bei Weitem nicht genutzt. Zu wenige sogenannte rhythmisierte Angebote, die Inhalte über den Tag verteilen, sehen die Experten. Diese gibt es vor allen in gebundenen Nachmittagsprogrammen, an denen alle Schüler teilnehmen. In Deutschland aber überwiegen sogenannte offene Modelle, etwa vergleichbar einem in die Schule integriertem Hort, den nicht alle Schüler an allen Tagen besuchen.

Das ist zwar das Modell, das sich viele Eltern wünschen. Aber der Aktionsrat Bildung sieht keine signifikanten Unterschiede zwischen den Leistungen der Schüler an Halb- und Ganztagsgrundschulen - und wertet das als Beleg dafür, dass die Ganztagsaktivitäten zu selten mit den Unterrichtsinhalten verknüpft werden. Gleichzeitig gelinge es vor allem den rhythmisierten Ganztagsschulen, Schüler mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Schichten zu fördern. Daher empfiehlt der Aktionsrat nebst pädagogischen Leitlinien, Qualitätsstandards und Begleitforschung dringend einen Ausbauplan für ein flächendeckendes Angebot an rhythmisierten Ganztagsschulen.

Gebunden versus offen

Der Befund ist jedoch umstritten. Natalie Fischer, die am Deutschen Institut für Internationale pädagogische Forschung (DIPF) eine Langzeitstudie zur Entwicklung von Ganztagsschulen leitet, widerspricht entschieden: "Es gibt keine empirischen Belege dafür, dass die gebundene Ganztagsschule für die Leistung oder das Sozialverhalten der Schüler besser ist als die offene", sagt sie.

Die pädagogischen Erwägungen, dass eine gebundene Ganztagsschule mehr Möglichkeiten für die Unterrichtsgestaltung bietet, kann sie zwar nachvollziehen. Aber ohnehin nutzten längst nicht alle gebundenen Ganztagsschulen diese Möglichkeiten auch. Nur bei der Bildungsgerechtigkeit räumt sie gebundener Schulen einen kleinen Vorteil ein: "Schüler mit Migrationshintergrund oder aus bildungsfernen Familien nutzen offene Angebote in der Grundschule seltener als andere." Aber wenn sie denn daran teilnehmen, dann profitierten auch diese Schüler von einem offenen Angebot ebenso wie von einem gebundenen.

Und dass Schüler profitieren, das ist für Natalie Fischer klar: Auf die Leseleistung in der Grundschule, die Noten in der Sekundarstufe und allgemein das Familienklima wirkten sich Ganztagsschulen eindeutig positiv aus. Ein Grund liegt auf der Hand: Der ewige Streit über Hausaufgaben entfällt.