Ganztagsschulen in Deutschland Studie fordert deutlich mehr Nachmittagsbetreuung

Jeder dritte Schüler in Deutschland besucht eine Ganztagsschule. Allerdings reichen die Plätze bei weitem nicht für alle: 70 Prozent aller Eltern wünschen sich Nachmittagsbetreuung für ihre Kinder. Die Bertelsmann-Studie fordert daher einen Rechtsanspruch wie bei Kleinkindern.

Bildungsexperten werben schon seit Jahren für das Modell; schließlich sorge es für besonders viel Bildungsgerechtigkeit. Und viele berufstätige Eltern wissen ihre Kinder nachmittags lieber in der Schule als allein zuhause. Doch obwohl die Kapazitäten an Ganztagsschulen kontinuierlich ausgebaut werden, reichen sie bei weitem noch lange aus. Das hat eine Studie der Bertelsmanns-Stiftung egeben. (Die ganze Publikation als Slideshow)

Die Nachfrage übersteige das Angebot bei weitem, teilte die Stiftung mit. Bundesweit 2,3 Millionen Kinder gingen der Untersuchung zufolge im Schuljahr 2011/12 auf Ganztagsschulen. Der Anteil erhöhte sich innerhalb eines Jahres von 28,1 auf 30,6 Prozent. Gewünscht würden solche Angebote aber von 70 Prozent der Eltern.

Zwischen den Bundesländern herrschen der Studie zufolge erhebliche Unterschiede. In Sachsen gehen 80 Prozent ganztags zur Schule, in Bayern nur elf Prozent. Die Verteilung sei keineswegs eine Frage von Ost und West, heißt es in der Untersuchung des Bildungsforschers Klaus Klemm. In Brandenburg (46,6 Prozent) zum Beispeil ist der Ganztagsanteil doppelt so hoch wie im Nachbarland Sachsen-Anhalt (23,6). Und Hamburg beispielsweise hat mit 56,8 Prozent eine sehr beachtliche Quote.

Nachholbedarf sieht die Studie nicht nur bei der Quantität, sondern auch bei der Qualität der Ganztagsbetreuung. Nicht einmal jeder zweite Ganztagsschüler besuchte eine Einrichtung mit festem Nachmittagsangebot, also eine gebundene Ganztagsschule (13,7 Prozent aller Schüler). Dieser Schulform schreiben Forscher laut Bertelsmann-Stiftung aber besonders große Möglichkeiten zu, "das soziale und kognitive Lernen zu fördern - und damit auch Benachteiligungen von Kindern aus bildungsfernen Familien zu verringern". Stiftungsvorstand Jörg Dräger kritisierte die fehlenden gebundenen Angebote: "Nachmittägliche Betreuung mag berufstätigen Eltern entgegenkommen, dem Lernerfolg der Kinder hilft das weniger."

Die Länder hätten die Mittel eines 2003 von der damaligen rot-grünen Bundesregierung aufgelegten Ganztagsschulprogramms in Höhe von vier Milliarden Euro vorrangig in offene Angebote investiert, bei denen Nachmittagsbetreuung freiwillig sei, heißt es weiter.

Rechtsanspruch auf Ganztagsschule?

Die Stiftung fordert einen Rechtsanspruch für jeden Schüler auf den Besuch einer Ganztagsschule. "Dann müssten die Länder Qualitätsstandards erarbeiten, damit die Ganztagsschule ihre Potenziale auch entfalten kann", sagte Stiftungsvorstand Dräger. "Wenn sich das Tempo beim Ausbau der Ganztagsangebote nicht deutlich erhöht, dauert es noch Jahrzehnte, bis die Nachfrage der Eltern befriedigt ist." Der Anteil der Eltern, die sich für ihr Kind eine Ganztagsschule wünschen, war im vergangenen Jahr laut einer Umfrage auf 70 Prozent gestiegen, nachdem es 2010 bei einer Befragung 63 Prozent waren.

Rückendeckung erhielt Dräger aus der Union. Der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Thomas Strobl sprach sich im Magazin Focus für einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz für Schüler aus. Die Debatte über Kita-Plätze - zum 1. August trat ein Anspruch für Kinder ab einem Jahr in Kraft - habe gezeigt, dass "bedarfsgerechter Ausbau offenbar nur passiert, wenn es einen Rechtsanspruch gibt".

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Die Ganztagsschule schafft eine bessere Unterstützung jener Kinder, die zu Hause in der Klassenarbeitsvorbereitung und bei den Hausaufgaben nicht in starker Weise unterstützt werden können." Die stellvertretende SPD-Vorsitzende Manuela Schwesig kündigte im Fall eines Wahlsieges ein weiteres Ganztagsschulprogramm des Bundes an. Der FDP- Bildungsexperte Patrick Meinhardt lehnte einen Rechtsanspruch dagegen ab. Nötig seien "passgenaue Angebote, die von den Schulen vor Ort kommen müssen".

Die Kosten eines flächendeckenden Ausbaus gebundener Ganztagsschulen hatten Studien der Bertelsmann-Stiftung im vergangenen Jahr auf jährlich 9,4 Milliarden Euro beziffert.