Vernachlässigte Grundschulen Der IQB-Bildungstrend ist eine Ohrfeige für Schulpolitiker

Die Grundschulen sind von der Bildungspolitik sträflich vernachlässigt worden.

(Foto: dpa)

Die Leistungen der Grundschüler in Deutschland haben seit 2011 deutlich nachgelassen. Das liegt am wenigsten an den Lehrern.

Kommentar von Susanne Klein

Deutschlands Grundschüler haben ein Problem: Sie besuchen Schulen, die in den letzten Jahren sträflich vernachlässigt worden sind. Aus diesem Verdacht, für den es längst zuhauf Indizien gab, ist am Freitag eine amtliche Tatsache geworden. An diesem Tag musste die Kultusministerkonferenz in Berlin ihren IQB-Bildungstrend vorstellen. Sie hat es sicher nicht gern getan.

Das Resultat ist eine Ohrfeige für die Schulpolitiker: Kinder in der vierten Klasse haben sich bundesweit innerhalb der vergangenen fünf Jahre deutlich verschlechtert - in Mathematik, beim Zuhören und in Rechtschreibung. Nur beim Lesen tun sie sich so leicht oder schwer wie bisher. Es gibt Länder, die es hart trifft (den Absteiger Baden-Württemberg, die ewigen Schlusslichter Bremen, Berlin), Länder, die aufholen (Hamburg, Schleswig-Holstein), und Länder, die sich behaupten (Bayern, Sachsen). Insgesamt aber ernüchtert der Leistungstest. Schließlich überprüfen die Kultusminister damit Bildungsstandards, die sie selbst setzen.

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Es war klar, dass die Qualitätskurve der Schulen nicht weiter an Höhe gewinnt. Das hat sie jahrelang getan, nachdem der Pisa-Schock 2001 eine Welle von Reformen ausgelöst hatte. Aber zwei Entwicklungen haben den Trend gebrochen. Erstens fingen viele Länder an, sich auf den Lorbeeren auszuruhen. Statt weiter zu investieren, rechtzeitig die absehbaren Pensionierungswellen unter Deutschlands vergleichsweise uralter Lehrerschaft abzufedern, und schnell auf die seit 2012 steigende Geburtenrate zu reagieren, indem man mehr Lehrer ausbildet, hat man aufs Budget geschielt und gegeizt.

Zweitens haben die Schulen immer mehr Aufgaben zu bewältigen. Die Ganztagsbetreuung, die immer heterogener werdende Schülerschaft, die Integration von Zuwandererkindern, die Inklusion behinderter Kinder, die generell umfangreichere Erziehungsarbeit, der individuelle Unterricht. Der Lehrer, die Eier legende Wollmilchsau! Wie soll einer das alles bewältigen - ohne Zweitlehrer, ohne Sozialpädagogen, ohne Förderstunden für Kinder, die Unterstützung bräuchten.

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Da tröstet es kaum, dass die KMK schon am Donnerstag versprochen hat, wieder mehr Lehrer auszubilden. Es tröstet auch nicht, dass die Präsidentin des Ministerklubs ankündigt, die Länder würden nun "die große Stärke des Bildungsföderalismus nutzen", um voneinander zu lernen. Eltern, deren Kinder weniger lernen als andere, nur weil sie im falschen Bundesland wohnen, müssen das zynisch finden. Nein, nun müsste ein Ruck durch Bund und Länder gehen. Aber für diese Erkenntnis braucht es vielleicht noch ein paar Tage.