Eltern-Coaching zur Einschulung Die Richtigmacher

Wenn die Eltern miteingeschult werden: Der Elternkurs in Lügde richtet sich an Mütter und Väter von angehenden Erstklässlern. (Symboldbild)

Die Familie entscheidet maßgeblich über den Schulerfolg. Also sind jetzt die Eltern an der Reihe: In Kursen erfahren sie, wie man Kinder zu Selbständigkeit erzieht. Ein Besuch in Lügde, Ostwestfalen-Lippe.

Von Marlene Weiß

Natürlich hat wieder keiner die Hausaufgaben gemacht. Genau genommen verschwimmt sogar die Aufgabe im Dunst der Erinnerung, was war das gleich? Zwei Männer und eine Frau sitzen auf winzigen Grundschulstühlen und schauen sich verlegen an. Endlich fällt es einem ein. Er ist ein schlanker, zurückhaltender Mann mit kurzen Haaren und soll hier Herr Siebert heißen: "Alleine zum Schulbus gehen." "Genau!", sagt Ines Wiebusch, eine der beiden Kursleiterinnen; blonder Pony, dunkle Brille, souveränes Auftreten. "Versuchen, Kinder Dinge allein machen zu lassen."

Und? Bei den Kindern scheint es prima zu laufen: Ein Erstklässler hat sich selbst Ersatz für die vergessenen Fußballschuhe organisiert, ein anderer ist allein nach Hause marschiert. Aber eine Mutter, die sonst auch im Kurs ist, wurde morgens doch wieder an der Schulbushaltestelle gesichtet, petzen die anderen Eltern. Das kann noch besser werden.

Aber dafür sind sie ja in diesem Kurs im Landkreis Lippe, der sich Ortsfremden mit dem Slogan: "Wir sind das L in OWL" empfiehlt. Wer so ortsfremd ist, dass er in OW nicht sofort Ostwestfalen liest, findet selten her. Und wenn, dann will er in den Teutoburger Wald und nicht ins kleine Lügde, das man hier der Einfachheit halber Lüchte ausspricht.

Ziemlich normal

Nicht reich, nicht arm, viele Einfamilienhäuser, ruhige Straßen, ringsum Hügel: Der Kreis Lippe, so wie er in Lügde aussieht, könnte an vielen Orten das L oder sonst was sein. Es ist nicht der schwierige Kiez, wo Kinder noch das kleinste Problem der Eltern sind; und auch nicht das durchgeknallte Großstadtviertel, wo Helikoptereltern den Nachwuchs schon in der Kita mit Frühchinesisch traktieren. Lügde ist eigentlich ziemlich normal.

Aber auch hier haben die Pisa-Studien Spuren hinterlassen. Vor allem in einer Hinsicht war schon die erste Pisa-Studie im Jahr 2000 eindeutig: In Deutschland hängt es stark vom Elternhaus ab, ob Kinder in der Schule erfolgreich sind oder nicht. Man kann darüber lamentieren. Man kann die Schulen kritisieren, die die Unterschiede nicht ausgleichen. Man kann an den einen Eltern herummeckern, die ihre Kinder in den Wahnsinn fördern, beziehungsweise an den anderen, die sich mehr für das Fernsehprogramm interessieren als für den Schultag. Oder aber man hilft Eltern dabei, ihre Kinder zu unterstützen.

Die Aufgaben des Bildungsvergleichs

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Das ist eine Idee, die sich immer mehr verbreitet: Die meisten Bundesländer haben inzwischen Projekte zur Elternarbeit. Elternkurse gibt es fast überall; einige mit Bildungsschwerpunkt, andere allgemein zur Erziehung, wie das Step-Elterntraining. Im Landkreis Lippe, in Berlin und in Düsseldorf organisiert die Elternkurse seit 2012 der Verein Buddy E.V., ein Pilotversuch. Derzeit laufen die Gespräche, ob die Kommunen das Projekt übernehmen. Der Verein ist 2005 aus der Vodafone-Stiftung hervorgegangen und wird vor allem von dieser unterstützt.

Viel mehr Wohlfühlatmosphäre geht nicht

"Family" nennt sich das Projekt, und es beginnt damit, dass Menschen wie die Sozialpädagogin Ines Wiebusch weitergebildet werden. Oder wie die Erzieherin Carmen Schmidt, die den Kurs mit ihr zusammen leitet. Die beiden sind ein herzliches Team, viel mehr Wohlfühlatmosphäre geht nicht. Carmen Schmidt hat ihr Baby dabei, sie ist noch in Elternzeit. Hauptberuflich arbeiten beide für ein Kinderdorf, wo Kinder aus schwierigen Verhältnissen betreut werden.

Mit Kindern kennen sich die zwei also aus. Aber mit Eltern? "Vor dem ersten Treffen dachte ich schon - huch, ich bin Mitte 20, ich habe keine Kinder, was soll ich denen erzählen?", sagt Wiebusch.

Die Eltern werden angesprochen, wenn ihre Kinder im letzten Kindergartenjahr sind; viele der Kursleiterinnen arbeiten ohnehin selbst in einer Kita, sonst vermitteln Kindergärten und Schulen. Beim Verein betont man, dass man speziell auf Eltern aus sozial benachteiligten Stadtteilen zugehe; ohnehin werden die Kurse nur dort angeboten, wo die Kommunen es für nötig halten. Im Berliner Stadtteil Kreuzberg etwa ist laut Buddy E.V. eine arabischsprachige Mutter beteiligt, die direkt andere Eltern im Kiez anspricht, die Kurse sind teils zweisprachig. Aber letztlich sind alle Eltern aus freien Stücken da, weil sie wollen, dass es ihrem Kind in der Schule gefällt.