Buch über Schnellschuss-Justiz Hetzjagd auf einen Lehrer

Ein Lehrer wird von einer Mutter angezeigt, weil er angeblich "pornografische" Texte im Unterricht behandelt. Es beginnt eine Tragödie, die sein Leben zerstört. In einem Buch rechnet der Pädagoge nun mit seinen Anklägern ab.

Von Heribert Prantl

Frank Wedekind hat sein Drama "Frühlings Erwachen", das von den Qualen und den Sehnsüchten der Pubertät handelt, im Jahr 1891 geschrieben. Das Stück gehört seit Jahrzehnten zur Schullektüre; an vielen Gymnasien wurde und wird es gelesen.

Jeder, der es dort gelesen hat, erinnert sich an die verlegene Heiterkeit, die im Klassenzimmer herrschte, als über die Szene geredet wurde, in der Schüler um die Wette masturbieren - und man erinnert sich daran, ob und wie der Lehrer reagierte. Wenn er gut war, konnten die Stunden der Wedekind-Lektüre zu offenen und ehrlichen Stunden der Aufklärung werden, zu den eindrucksvollsten Stunden, die man im Unterricht erlebt hat. Wenn der Lehrer schlecht war, wurden daraus die peinlichsten Momente der Schulzeit.

Daniel Saladin, Lehrer am Literargymnasium Rämibühl in Zürich, war nach Meinung seines Schuldirektors, seiner Kollegen und fast aller seiner Schülerinnen und Schüler ein wunderbarer, ein begnadeter Pädagoge. Er also hat in seiner Klasse vor etlichen Jahren unter anderem Wedekinds "Frühlings Erwachen" gelesen, das den Untertitel "Eine Kindertragödie" trägt. Im Fall des Daniel Saladin ist daraus eine Lehrertragödie geworden.

Die Mutter einer Schülerin zeigte ihn nämlich bei der Staatsanwaltschaft wegen "zu sexualisierten Unterrichts" an; er lese mit seiner Klasse (14- und 15-jährigen Schülerinnen und Schülern) pornografisches Material. Neben "Frühlings Erwachen" zählten da angeblich Unica Zürns "Dunkler Frühling" von 1969 und andere Erzählungen dazu.

Die Anklage war "völlig unzureichend"

Ohne weitere Recherchen (und, wie sie später zugab, ohne eigene Kenntnis der betreffenden Werke) ließ die zuständige Staatsanwältin Wohnung und Lehrerzimmer durchsuchen, überzog den Mann mit einem Strafverfahren wegen "Pornografie". Der Lehrer wurde sofort suspendiert. "Auf Kunst wollen sich alle herausreden", sagte die Staatsanwältin.

Zwar wurde der Lehrer dann letztlich vom Vorwurf, in der Schule pornografische Inhalte verbreitet zu haben, freigesprochen - "Völlig unzureichend", sagte der Richter über die Anklage.

Trotzdem blieb an dem Lehrer etwas hängen, weil bei der strafrechtlich grundlos angeordneten Hausdurchsuchung in seinem Fotoarchiv unter Tausenden Bildern auch 36 gefunden wurden, die, weil Hamilton-artig, als leicht kinderpornografisch eingestuft wurden. Saladin wurde entlassen und lebt heute mit Frau und Kind als Schriftsteller in Norddeutschland.

Von alledem handelt Saladins Buch. Es ist die Anklage eines zutiefst verletzten, eines leidenschaftlichen Pädagogen gegen seine Ankläger, gegen die Justiz, gegen die Medien. Der Autor schildert, was er nicht zu Unrecht eine "Hetzjagd" nennt, und wie sie verlaufen ist. Saladin dokumentiert, analysiert, literarisiert, polemisiert, agitiert. Er ist dabei nicht objektiv; wie könnte er es auch sein? Er ist bis ins Mark gekränkt, wütend, er ist zornig, er ist auch selbstgerecht; er denunziert die, die ihn denunziert haben.

Auch das Vorgehen gegen Missbrauch kann missbraucht werden

Gleichwohl oder auch gerade deswegen: Was eine Schnellschuss-Justiz anrichten kann, wie sie einbricht in das Leben eines gebildeten, belesenen, kritischen Staatsbürgers, wie sie ihn ohne jeden strafrechtlich haltbaren Grund aus der Bahn wirft, wie sie sein Leben zerstört - in diesem Buch kann man es lesen. "Eine Hetzjagd" ist ein Buch auch über die strafrechtliche Hysterie, die die Wörter "Pornografie" und "Pädophilie" heute auslösen können.

Der Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch ist ein brennend wichtiges Thema. Saladins Buch lehrt aber, wie das Vorgehen gegen Missbrauch selbst missbräuchlich werden kann.

Den treffenden Kern des Falles Saladin hat Finn Canonica, Chefredakteur von Das Magazin, der wöchentlichen Beilage unter anderem des Zürcher Tagesanzeigers, herausgearbeitet. "Gefährliche Bücher oder: Wie man einen Lehrer fertigmacht" hieß die Titelgeschichte vor zwei Jahren. Canonica schrieb im Editorial dazu: "Wir leben in einer übersexualisierten Zeit - und sind gleichzeitig so verklemmt wie kaum zuvor, wenn es darum geht, mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen Sexualität zu thematisieren." Womöglich steht die Gesellschaft vor neuen Jahren der Prüderie.

Daniel Saladin: Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Verlauf. Rotpunktverlag, 2014. 288 Seiten. 27,50 Euro.