Landtagswahl Baden-Württemberg streitet um die Gemeinschaftsschule

Schwächere und Stärkere sollen voneinander profitieren, lautet das Konzept der Gemeinschaftsschulen: Kultusminister Andreas Stoch (SPD) besucht in Karlsruhe den Unterricht.

(Foto: Uli Deck/dpa)
  • Vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg streiten Opposition und Regierung über die Bildungspolitik.
  • Im Zentrum stehen dabei die von Grün-Rot eingeführten Gemeinschaftsschulen. Speziell die CDU fürchtet einen Angriff aufs Gymnasium.
Von Josef Kelnberger und Johann Osel, Stuttgart

Guido Wolf und Hans-Ulrich Rülke, die Spitzenkandidaten von CDU und FDP, begannen die Augen zu rollen und zu feixen: Ach, dieser Staatsphilosoph Kretschmann! Dem grünen Ministerpräsidenten wird ja immer wieder vorgeworfen, er flüchte ins Grundsätzliche, sobald es im politischen Schlagabtausch konkret wird. Aber Winfried Kretschmann lässt sich da nicht beirren, das tat er auch im Stuttgarter Hospitalhof nicht, auf einer Podiumsdiskussion zum Wahlkampfschlager Bildungspolitik. Kretschmann zitierte unverdrossen Artikel 11 der Landesverfassung von Baden-Württemberg: "Jeder junge Mensch hat ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage das Recht auf eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung."

Das ist die Messlatte für jegliches politisches Handeln, zumal wenn man weiß: In Baden-Württemberg ist, mehr als in den anderen Bundesländern, die soziale Herkunft entscheidend für den Erfolg von Kindern im Bildungssystem. Laut einer Studie, die kurz vor der Wahl 2011 erschien, war die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, für Akademikerkinder 6,6-mal so hoch wie für Facharbeiterkinder. Ob das Land nach fünf Jahren grün-roter Regierung gerechter geworden ist? Dazu kann es noch keine verlässlichen Daten geben. Aber: Bildung eignet sich hervorragend für Streit und Polemik.

Die Bildungspolitik ist laut Umfragen das einzige landespolitische Feld, in dem die grün-rote Regierung wirklich angreifbar ist. Deshalb eröffnet die Opposition, mit gehöriger publizistischer Unterstützung, hier ihren wichtigsten Kampfplatz. Grün-Rot hat viel Geld in frühkindliche Bildung gesteckt, das Ganztagesangebot ausgebaut. Vor allem aber hat man eine neue Schulform geschaffen, die Gemeinschaftsschule, eine Kombination aus Haupt- und Realschule ab der 5. Klasse mit der Möglichkeit, auch das Abitur anzubieten. Schüler werden nach modernen Konzepten unterrichtet. Noten gibt es nur auf Nachfrage, Schwächere und Stärkere sollen voneinander profitieren. Ein Generalangriff auf Realschule und Gymnasium, so stellt das die Opposition dar, Bildungsstandards würden aus ideologischen Gründen verwässert. Vor dem Hintergrund ist auch der Wahlkampfslogan der CDU zu verstehen: "Freiheit statt Bevormundung".

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CDU-Mann Wolf hatte ursprünglich angekündigt, als Regierungschef die Gemeinschaftsschulen abzuschaffen. Nun will er keine neuen mehr genehmigen und die bestehenden in sein Konzept der "Realschule plus" überführen, eine Kombination von Haupt- und Realschule mit einer Orientierungsphase in den fünften und sechsten Klassen. Keinesfalls dürften diese Schulen das Abitur anbieten.

FDP-Kandidat Rülke plädiert dafür, den Gemeinschaftsschulen eine "faire Chance" zu geben. Aber Schluss müsse sein mit ihrer Bevorzugung, die das gewachsene Schulsystem im Land ruiniere: Grün-Rot investiere pro Kopf unangemessen viel Geld in Gemeinschaftsschüler, um langfristig den anderen Schulformen den Garaus zu machen. Auch den freien Schulen. Deren Dachverbände hatten die Diskussion im Hospitalhof veranstaltet. Auch sie müssten bluten für die Gemeinschaftsschule, sagen Wolf und Rülke. Im Auditorium finden sie Zustimmung.