Abi-Aufgaben 2014 Das müssen bayerische Abiturienten wissen

Jetzt zählt's: Schülerin aus Niedersachsen beim Englisch-Abitur.

(Foto: dpa)

Eine Rede von Friedrich Christian Delius erörtern, Wahrscheinlichkeiten berechnen oder eine differenzierte Stellungnahme zum Nahost-Konflikt entwickeln - hätten Sie's gekonnt? Eine Auswahl der Abi-Aufgaben aus Bayern.

Noch müssen die bayerischen Abiturienten zittern: Die mündlichen Prüfungen sind gerade im Gange. Doch die für viele Schüler größere Hürde ist genommen - die schriftlichen Abschlussarbeiten. Ob Deutsch, Mathe, Englisch oder Biologie, die Fragen hatten es in sich. Hätten Sie die bayerische Hochschulreife gepackt? SZ.de dokumentiert eine Auswahl der diesjährigen Fragen (Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst)

Deutsch:

Textbezogenes Erörtern

a) Analysieren Sie, wie der Autor Friedrich Christian Delius seine Position argumentativ entwickelt. Berücksichtigen Sie dabei auch ausgewählte sprachliche Mittel!

b) Erörtern Sie die Position des Autors zur Funktion von Kunst und Literatur in der heutigen Gesellschaft!

Vorbemerkung: Friedrich Christian Delius ist freier Schriftsteller. Anlässlich der Erweiterung der Europäischen Union hielt er 2005 auf einem Schriftsteller-Kongress in Rom die unten abgedruckte Rede.

Friedrich Christian Delius (*1943) Der Reichtum Europas (2005)

[...] Vom Reichtum reden heißt: Von den Gegenmitteln reden, die wir haben, um der Idiotisierung der Gesellschaft zu widerstehen, von den Mitteln, die wir haben, um das Sensorium, das Wissen, den Gemeinsinn zu entwickeln. Von den Mitteln, die Demokratie zu beleben und die schwer erkämpften Freiheiten zu würdigen, zu sichern und zu nutzen. Nach diesen Mitteln brauchen wir glücklichen Europäer nicht lange zu suchen. In Bibliotheken, Museen, Theatern, ja auch in Konzertsälen, im Internet, in Buchhandlungen, da und dort auch in Kinos, ja selbst in besseren Fernsehprogrammen und einigen Zeitungen wird dieser Reichtum präsentiert, liegt dort angehäuft, der Kronschatz unserer Zivilisation. Er ist nicht schwer zu finden, wir brauchen nur danach zu greifen, Augen, Ohren und Hände aufzumachen, es ist wirklich fast wie im Schlaraffenland.

Es fehlt nur eines, das Bewusstsein von diesem Reichtum. Also das Glücksgefühl, in einem Schlaraffenland zu leben. Wer sich umschaut in der Welt, selbst in den reichen Ländern der Welt, wird kaum einen solchen Reichtum wie in Europa finden, eine solche Vielfalt von Angeboten, Anregungen, Anstößen, gegen den Mainstream zu denken und zu handeln. Dabei geht es gar nicht um statistische Vergleiche zwischen den Nationen, um die Zahl der Bücher oder Bühnen oder Filmmeter oder Opernsitzplätze pro Kopf und Land. Wichtiger ist die Frage, ob wir unser Schlaraffenland wirklich schon entdeckt haben und es zu genießen und weiterzugeben wissen. Denn es fehlt noch eines, die Verantwortung, diesen Reichtum an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Mehr und mehr werden die Künste als Zuflucht und Sinnersatz angesehen und gebraucht. Überall fehlt Orientierung, also sucht man sie, wenn nicht in der Religion, dann in der Kunst. [...] Ob das immer gut und richtig ist, soll offen bleiben, wichtig ist: Hier wird ein Ausgleich gesucht gegen den Trend zum alles dominierenden Schema des Ja oder Nein, On oder Off, In oder Out. Die Künste haben nicht-lineare und nicht-entfremdete Tätigkeiten zu bieten. Sie stehen im Widerspruch zur Kosten-Nutzen-Moral, und können, wenns gut geht, den größten, weil unberechenbaren und von keinem McKinsey-Kriterium* fassbaren privaten wie öffentlichen Nutzen haben. Der Hunger auf diesen Reichtum ist jedenfalls größer als wir meinen. Und doch wird er als schöne Nebensache betrachtet, nicht als die geistige Goldmine unserer Demokratien.

[...] Menschen, die sich auf Literatur einlassen, sind nicht so leicht zu unterdrücken, politisch zu manipulieren - denn wer liest, der fragt auch und lernt zu zweifeln. Leute mit Phantasie und Neugier, mit der Lust aufs Zuhören sind nicht sehr brauchbar für Generäle, Bürokraten, Ayatollahs** und Meinungsvereinheitlicher welcher Art auch immer. Damit sind sie die eigentliche Avantgarde, das Salz der Gesellschaft, die wirklich fortschrittlichen, zukunftsorientierten, zukunftstauglichen Kräfte. Die Ironie daran ist, dass sie das meistens gar nicht wissen.

[...] Spätestens in zehn Jahren werden die Experten, die heute nur die sogenannte Effizienz gelten lassen, jammern und fordern: ja, wir brauchen mehr Lesebildung, mehr Geisteswissenschaften, mehr Kunstsinn! Denn meine scheinbar altmodische und altbanale These wird nicht nur von der Erfahrung, sondern noch mehr von der neuesten Hirnforschung und Bildungsforschung bestätigt: Ohne musische Fähigkeiten gibt es keine gesellschaftlichen Fähigkeiten, ohne Emotionalität keine Vernunft, ohne ein Sensorium für die Künste gibt es kein Sensorium für Demokratie und Freiheit, ohne die Literatur, beispielsweise, versinken wir in Barbarei.

"Und wer der Dichtkunst Stimme nicht vernimmt / Ist ein Barbar, er sei auch, wer er sei", ließ der alte Goethe den Herzog von Ferrara***, also den Politiker sagen. "Wer nicht liest, kennt die Welt nicht", sagte der etwas jüngere Arno Schmidt**** . Solche Sätze bilden Europas Fundamente. Gut, man kann nicht von jedermann Begeisterung für die Literatur erwarten. Trotzdem darf die Minderheit, die diesen Reichtum kennt und weitergeben möchte, den heutigen Barbaren durchaus angriffslustiger begegnen als bisher. Denn die Fakten sprechen gegen sie.

Zum Beispiel gegen die Fernseh- und Mediengewaltigen, die, das ist leider kein Klischee oder Vorurteil, vor allem die Dummheit fördern und, was nun auch Langzeitstudien beweisen, dem Publikum Krankheiten aufladen, geistige und körperliche Verfettung, mit der dann die geistige und politische Verwahrlosung einhergeht. Auch im Umkehrschluss gilt der Satz von Daniel Barenboim*****: "Wer die Literatur, die Kunst, die Bildung, also den Dialog nicht fördert, der fördert den Egoismus, den Vandalismus, den Terrorismus." Deshalb gibt es keinen Grund, nachsichtig zu sein mit den Quotenidioten, Wortabwürgern und Bildungsvernichtern. Mit Politikern, Elektronik- und Medienindustriellen, die Milliarden investiert haben, um unsere Kinder und mehr und mehr auch die Studenten zu geistigen und körperlichen Krüppeln zu machen.

Die Feiglinge vor dem Wort, dem differenzierenden Wort regieren in immer höheren Etagen. Sie wollen uns, was Medienvielfalt, Bildung, Buchmarkt usw. angeht, Schritt für Schritt aufs Weltniveau hinabentwickeln. Sie haben die Freiheit, sich mit diesen Argumenten nicht zu beschäftigen, die nicht in ihr Vierteljahresprofitdenken passen. Aber wir haben die Freiheit, diese Herrschaften, mit Argumenten, als Barbaren, Vandalen, Kinderschänder und Agenten der Verblödung zu bezeichnen [...]. Eins steht fest, sie sind von gestern - wenn Europa eine demokratische Zukunft haben soll.

* McKinsey-Kriterien: ökonomische Bewertungsmaßstäbe, mit denen das Beratungsunternehmen McKinsey die Marktattraktivität von Unternehmen erfasst und beurteilt

** Ayatollah: Titel für hochrangige religiöse Gelehrte im Islam, die auch rechtliche und politische Führungsaufgaben wahrnehmen können

*** Herzog von Ferrara: Figur aus Goethes Drama Torquato Tasso

**** Arno Schmidt (1914-1979): deutscher Schriftsteller

***** Daniel Barenboim (geb. 1942): Pianist und Dirigent, der sich für eine Verständigung der verfeindeten Volksgruppen im Nahostkonflikt einsetzt

"Um ganz ehrlich zu sein, das Thema langweilt mich"

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