Stricken für den Frieden Kopf hoch!

Frauen aus der ganzen Welt stricken Wintersachen für Flüchtlinge im Landkreis Miesbach. Fast tausend Freundschaftsgaben sind inzwischen zusammengekommen

Von Matthias Köpf, Miesbach

Es kann kalt werden im bayerischen Oberland, und da ist es gut, wenn einer wenigstens eine Mütze auf dem Kopf hat. Auch wenn er sonst wenig hat, so wie der junge Mann aus Sierra Leone, mit dem Andrea Dular gerade ein amtliches Gesundheitsgespräch geführt hat. Er habe seine Mütze im Deutschkurs drüben in Tegernsee bekommen und ihr auch dankbar von der Botschaft auf dem angehängten Zettelchen erzählt, sagt Andrea Dular, die im Miesbacher Gesundheitsamt als Ärztin arbeitet. Wer genau diese Mütze gestrickt und den netten Zettel geschrieben hat, kann sie so exakt auch nicht mehr nachvollziehen, trotz all der Listen. Aber es ist gut möglich, dass die Mütze einen noch längeren Weg hinter sich hat als ihr neuer Besitzer. Denn die Mützen, die Andrea Dular hier an Flüchtlinge verteilt, haben Frauen aus der halben Welt gestrickt und zu ihr nach Miesbach geschickt. 1000 Stück sind so binnen zweier Monate schon zusammengekommen.

Schätzungsweise ein- oder zweihundert Mützen lagern gerade in drei großen Pappschachteln in Dulars Büro im Gesundheitsamt. Der Inhalt ist so bunt wie die Welt, neben den Mützen finden sich Schals, Babydecken, einige Handschuhe und auch Babyschühchen, wie sie manche Großmütter gerne stricken. Das Oma-Image hat das Handgestrickte in Deutschland immer noch nicht ganz verloren, auch wenn das eigenhändige Mützenmachen vor ein paar Jahren zum hippen Zeitvertreib junger Großstädterinnen geworden und inzwischen längst auch in Miesbach angekommen ist. Andrea Dular muss dem Trend nicht hinterherhecheln, denn gestrickt hat sie eigentlich immer. Seit drei Jahren tauscht sie sich in einem Internet-Forum mit anderen über ihr Hobby aus. Das Publikum dort ist international, aber vor allem nordamerikanisch, weil das Stricken dort schon seit langer Zeit eine ganz große Sache ist. Dort gibt es zahllose Kurse, Gruppen und sogar eigene Kreuzfahrten für Selberstrickerinnen. Designerinnen wie Laura Nelkin leben davon, Wolle und Anleitungen im Abo zu verschicken.

Nelkin ist Andrea Dulars Lieblingsstrickdesignerin, in ihre Internet-Gruppe klickt sie sich am häufigsten. Die Frauen dort - der einzige Mann hat schon länger nichts mehr gepostet - tauschen sich auch über Privates aus. Und als Andrea Dular von ihrer Arbeit berichtete und von den vielen Flüchtlingen, mit denen sie beschäftigt ist, seit die nahe Turnhalle im Sommer zur Erstaufnahme-Einrichtung wurde, da stieß sie in der Strick-Community auf "diese unglaubliche Hilfsbereitschaft". Die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof waren ohnehin um die Welt gegangen. Ein paar Dinge wurden verabredet, wie dass die Mützen waschbar sein und die Farben möglichst zu den vielen jungen Männern passen sollten, und drei Tage später waren Fotos von den ersten Mützen online.

Auf beigelegten Zetteln stehen Sätze wie "You are in our prayers" oder auch Segenssprüche

Die Designerin Nelkin ist inzwischen auch Andrea Dulars beste Mützensammlerin. Bei ihr in New York gehen die Stücke aus den USA und aus Mexiko ein. In Kanada gibt es eine eigene Sammlerin, weitere Pakete kommen aus Australien, Neuseeland oder Japan. Dular ist längst Stammkundin im Zollamt in Garching, wo sie die Päckchen immer abholt. Gestrickt wurden all die Mützen manchmal von Einzelkämpferinnen, aber oft auch in größeren Runden, wie sie sich speziell in den USA gerne in Kirchengemeinden zusammenfinden.

Auf den kleinen Beipackzetteln stehen dann Sätze wie "You are in our prayers" oder "Praying for a safe and healthy new beginning for you". Kathy Shoft aus Kalifornien hat viele Mützen mit solchen Gebeten geschickt, andere sind mit Segenssprüchen versehen. Rachel aus England wünscht "Welcome to europe", und die zwei Eulenmützen aus Florida sind "knit for you with warmth and love". Aus Des Moines (Iowa) kommen viele Stücke mit arabisch beschrifteten Zetteln und eine Strickerin entbietet auf Deutsch "Die besten Wünsche für die Zukunft", mangels entsprechender Tasten sogar mit von Hand hinzugefügten Ü-Strichen.

Insgesamt haben bisher wohl 89 Frauen für die Flüchtlinge in Miesbach zu den Nadeln gegriffen und oft selbst gefärbte Wolle verarbeitet, die sich gleich ganz anders anfühlt als die Industriewolle, die Andrea Dular selbst gar nicht mehr verstricken mag. Die japanische Wolle ihrer exotischsten Stücke hat einen besonders seidigen Griff. 734 weiche und warme Mützen liegen zum Verschenken bereit, fast 300 sind noch auf dem Postweg nach Miesbach, damit im Oberland niemand frieren muss.