Schwere Vorwürfe Grüne sehen "eklatantes Versagen" beim Atomkraftwerk Gundremmingen

Jede vierte Kilowattstunde Strom, die in Bayern verbraucht wird, stammt aus Gundremmingen.

(Foto: Krisztian Bocsi/Bloomberg)
  • Die Grünen im Landtag erheben schwere Vorwürfe gegen den Energiekonzern RWE und dessen Atomkraftwerk Gundremmingen.
  • Im Laufe der vergangenen eineinhalb Jahren sei das Kraftwerk sechsmal über seiner genehmigte Leistung gefahren und somit regelrecht überheizt worden, so die Grünen.
  • Laut den Kraftwerkbetreibern handle es sich um ein IT-Problem, die Zahlen seien nicht korrekt dargestellt worden.
Von Christian Sebald

Die Grünen im Landtag erheben schwere Vorwürfe gegen den Energiekonzern RWE und dessen Atomkraftwerk Gundremmingen. "In den vergangenen eineinhalb Jahren ist in der Anlage wiederholt die elektrische Leistung der Anlage dramatisch hochgefahren worden, dabei sind die beiden Reaktoren dort regelrecht überheizt worden", sagt der Grünen-Energieexperte Martin Stümpfig, "einmal abgesehen von der Frage, was da mit der Sicherheit der Reaktoren los war, sind alle diese Vorkommnisse klare Verstöße gegen die atomrechtlichen Genehmigung der Anlagen." Die Grünen wollen deshalb nicht nur Aufklärung von RWE. Sondern auch vom bayerischen Umweltministerium als Aufsichtsbehörde über das Atomkraftwerk erfahren, ob man dort von den Vorkommnissen weiß. "Wenn das nicht der Fall ist, ist das ein eklatantes Versagen der Atomaufsicht", sagt Stümpfig.

Das Atomkraftwerk und das Umweltministerium weisen die Vorwürfe zurück. "Die beiden Reaktoren sind auch in den zurückliegenden Monaten zu jedem Zeitpunkt im Rahmen der atomrechtlich genehmigten Vorgaben betrieben worden", sagt ein Sprecher der Kraftwerks. Maßgeblich hierfür sei die in der Betriebsgenehmigung für einen jeden Reaktor festgelegte maximal zulässige thermische Leistung von 3840 Megawatt. "Die Einhaltung dieses Genehmigungswertes wurde und wird durch das bayerische Umweltministerium überwacht", sagt der AKW-Sprecher. Ein Sprecher des Umweltministeriums bestätigte dies und betonte: "Hinweise auf Überschreitungen liegen uns nicht vor."

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Gundremmingen ist mit einer Stromproduktion von zuletzt 19,4 Milliarden Kilowattstunden im Jahr das größte Atomkraftwerk in Deutschland - jede vierte Kilowattstunde Strom, die in Bayern verbraucht wird, stammt aus der Anlage. Das AKW zählt mit seiner Laufzeit von bald 33 Jahren aber auch zu den ältesten hierzulande. Seine beiden Siedewasserreaktoren - Block B und Block C - sind die letzten ihrer Art bundesweit. Kritiker sagen, beide Reaktoren hätten so schwere Mängel, dass sie heute nicht mehr genehmigungsfähig wären. Betreiberin des AKW ist die Kernkraft Gundremmingen GmbH, sie gehört zu 75 Prozent dem Energiekonzern RWE und zu 25 Prozent der Preussen-Elektra GmbH, die vor knapp einem Jahr von dem Energieriesen Eon abgespalten wurde. Im Zuge der Energiewende wird Ende 2017 Reaktor B stillgelegt, Reaktor C folgt 2021.

Es sind sechs ungewöhnliche Meldungen, welche die Landtagsgrünen aufschrecken. Die erste stammt vom 30. Januar 2016, die bislang letzte vom 23. April 2017. "Eine jede zeigt an, dass die elektrische Leistung der jeweiligen Anlage weit über jedes nachvollziehbare Maß hinaus hinaufgefahren wurde", sagt Stümpfig. Die elektrische Nettoleistung zeigt die Stromproduktion eines Kraftwerks an, sie beträgt bei den beiden Gundremminger Blöcken je 1284 Megawatt. "So steht es auch in diversen Genehmigungsbescheiden", sagt Stümpfig.

Die ungewöhnlichen Meldungen sind von RWE selbst dokumentiert. Der Energiekonzern listete sie im Internet auf seiner sogenannten Transparenzseite auf. Dort kann man stundengenau nachlesen, mit welcher Leistung die RWE-Kraftwerke gerade Strom produzieren. Danach speiste der Gundremminger Reaktor C am 31. Januar 2016 bis zu 1358 Megawatt Leistung ins Stromnetz ein, am 22. Mai 2016 waren es bei Reaktor B bis zu 1417 Megawatt und am 23. April 2017 waren es ebenfalls bei Reaktor B bis zu 1535 Megawatt. "Das sind keine Kleinigkeiten", sagt Stümpfig. "Das sind bis zu 20 Prozent mehr als die genehmigte Leistung."

SZ-Grafik

Der Kraftwerkssprecher beharrt darauf, dass beide Reaktoren zu jedem Zeitpunkt im Rahmen der atomrechtlichen Genehmigung betrieben worden seien. Die dramatischen Abweichungen bei der Darstellung der jeweils aktuellen elektrischen Leistung der Anlagen auf der RWE-Transparenzseite erklärt er mit Problemen bei ihrer Berechnung. Basis hierfür seien die anteiligen Stromabnahmen durch die Kraftwerkseigner RWE und Preußen-Elektra. Da die Stromabnahme durch Preußen-Elektra immer stärker schwanke, sei die tatsächliche Leistung der Anlagen in einigen Fällen nicht korrekt dargestellt worden. Man arbeite an einer Aktualisierung der IT-Formel, erklärte der Sprecher.

Der Grünen-Politiker Stümpfig lässt diese Erklärung nicht gelten. "Die Daten wurden ja nicht nur auf der RWE-Transparenzseite veröffentlicht", sagt er, "sondern auch ganz offiziell an die Strombörse in Leipzig gemeldet und auf deren Internetseite publiziert - ohne dass sie dort bislang korrigiert worden sind." Außerdem habe seit Anfang 2016 kein anderes deutsches AKW ähnliche Leistungsausschläge gemeldet. "Gundremmingen wäre also das einzige AKW in Deutschland, das immer wieder fehlerhafte Meldungen in die Welt setzt", sagt Stümpfig. "Das ist nicht nachvollziehbar." Er geht mit RWE hart ins Gericht. "Wir müssen davon ausgehen, dass dieses Überheizen der Reaktoren absichtlich herbeigeführt wurde", sagt er. "Das ist nicht nur besorgniserregend, sondern unverantwortlich. Wo war die Atomaufsicht? Warum gab es keine Schnellabschaltung? Für uns bleiben viele Fragen offen."

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