Schimpfen in Bayern "Mi leckst am Oasch!"

Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer: Dem Schimpfen einen Bärendienst erwiesen

(Foto: dpa)

Kaum jemand kann so voller Respekt beleidigen wie der Bayer. Doch ausgerechnet der Ministerpräsident Seehofer hat der Schimpfkultur des Landes jetzt einen Bärendienst erwiesen. Schmutzeleien?! Dieses Wort findet man in keinem Wörterbuch, dafür auf der Internetseite einer "Community für Sex und stilvolle Erotik".

Eine Plädoyer fürs stilvolle Granteln. Von Hermann Unterstöger

Wer Licht in die bairische Schimpfkunst bringen will, sollte sich in Gerichten oder Gerichtsanekdoten umhören. Da gibt es einerseits den Mann, der wegen eines vermeintlichen "Leck mi am Oasch!" angeklagt war und fast triumphal freigesprochen wurde, weil er belegen konnte, dass er "Mi leckst am Oasch!" gesagt hatte, ein Kompliment, wie es dem bavarian native speaker zu allen Zeiten gefallen hat. Andererseits der Angeklagte, der vom Richter gebeten wird, den Grund für seinen Angriff auf den Kläger zu nennen. Darauf der Mann: "Sagt er" - deutet auf den Kläger - "zu mia, i hätt an Charakterkopf. Hab i eahm glei oane gschmiert!"

Geschichten wie diese sind vielseitig verwendbar. Aktuell lässt sich aus ihnen ableiten, dass Horst Seehofer der Schimpfkultur des Landes, das von ihm regiert wird und daher pfleglich behandelt werden sollte, einen Bärendienst geleistet hat. Man muss nicht immer auf Franz Josef Strauß deuten, dessen bildungsstolzes Schimpfen nicht jedermanns Sache war. Schimpfwörter wie "Glühwürmchen" (Seehofer über Guttenberg) oder "Zar Peter" (Seehofer über Ramsauer) hätte er sich selbst jedenfalls nicht durchgehen lassen.

Schimpftechnisch ist die Welt ziemlich zuverlässig vermessen, ein Verdienst nicht zuletzt des aus Niederbayern stammenden Reinhold Aman, dessen Zeitschrift Maledicta - The International Journal of Verbal Aggression alles präsentiert hat, was zwischen Arktis und Antarktis geschimpft, geflucht und beleidigt wird. Sein "Bayrisch-Österreichisches Schimpfwörterbuch" ist nach wie vor das Standardwerk fürs hiesige Schimpfvermögen, wobei es Aman fernliegt, die Bayern in dieser Disziplin zu Weltmeistern auszurufen.

Zwar schätzt er ihr Schimpfen und Fluchen angemessen hoch ein, übergeht dabei aber nicht die wahren Heroen, als da sind beispielsweise die Ungarn, die mit Flüchen aufwarten, von deren Gotteslästerlichkeit und Obszönität andere Nationen nur träumen können.

"Schlawiner", "Deife, ådrahda", "Saubazi"

Es war klar und ist durch die Reaktionen auch hinlänglich bewiesen, dass Markus Söders Beschimpfung die Pièce de résistance in Seehofers Kanonade hat werden sollen. Nun ist Söder in der Tat einer, an dem sich schimpfend abzuarbeiten des Schweißes der Besten wert ist. Das liegt an der Ambivalenz dieses Mannes, den die einen für einen Landschaden, die anderen für den schlechthinnigen Hoffnungsträger halten. Der bairische Schimpf-Thesaurus birgt vieles, das auf solche Leute gemünzt ist, man denke nur an "Schlawiner", "Deife, ådrahda", "Saubazi" respektive "Bazi, vadächtiga", "Saggramenta" oder "Hundling, elendiga".

Es müsste in der Staatskanzlei doch jemanden geben, der Horst Seehofer etwas Griffiges hätte zusammenstellen, ihn jedenfalls davor hätte bewahren können, Söder "Schmutzeleien" zu unterstellen. Dieses Wort steht in keinem Wörterbuch, dafür im Internet - auf der Seite einer "Community für Sex und stilvolle Erotik". Was Seehofer damit gemeint hat und woher es ihm zugeflogen ist, weiß vielleicht nicht einmal er selbst.

Dem Geschichtsschreiber Aventin zufolge sitzt der Baier Tag und Nacht beim Wein, schreit, singt, tanzt, spielt und trägt Schweinsspieß und lange Messer zu Wehr. Manches davon tut er heute nicht mehr, weswegen es auch der Ministerpräsident nicht mehr tun muss. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass dieser Baier aber auch ein tüchtiger, aus dem Reichtum seiner Sprache schöpfender Schimpfer ist. Daran hat sich nichts geändert, und daran sollte sich auch der Ministerpräsident halten.