Nachthimmel Wo man in Bayern noch Sterne sehen kann

Astronomie ist Manuel Philipps (links) Leidenschaft: Er hat die oberbayerische Winklmoosalm zu einem zertifizierten Sternenpark gemacht und erklärt Besuchern das All.

(Foto: Sebastian Voltmer/privat)
  • Zu viel Beleuchtung in der Nacht führt dazu, dass Vögel zu früh brüten oder Laubbäume ihre Blätter abwerfen.
  • Deshalb geht Manuel Philipp gegen sogenannte Lichtverschmutzung vor.
  • Auf Grund seines Engagements hat Reit im Winkl nun einen Sternenpark.
Von Veronika Wulf

Manuel Philipp steht nachts in den Bergen der Chiemgauer Alpen und blickt sich um. Aus den Fenstern einer Alpenhütte schimmert Licht, sonst ist es dunkel. "Wo ist denn meine Galaxie?", fragt Philipp, 47. "Hinten links im Auto", sagt seine Lebensgefährtin, "neben der Sonne." Normalerweise würde Philipp jetzt sein selbst gebasteltes Galaxie-Schaubild anknipsen. Er würde den Besuchern Sternbilder am Himmel zeigen, Planetenläufe und Entfernungen erklären. Und er würde in ihre staunenden Gesichter schauen und selbst mal wieder staunen, wie wenig sie doch wissen. "Der Sternenhimmel ist ein Kulturgut", sagt Philipp. "Religion und Wissenschaft orientieren sich an ihm." Deshalb gibt er die nächtlichen Führungen. Seine Lebensgefährtin kommt mit und hält die Sonne.

Doch an diesem Abend leuchten Blitze statt Sterne am Himmel. Philipp hat die Führung abgesagt. Jetzt steht er neben der Traunsteiner Hütte, 1160 Meter über dem Meer, auf der Winklmoosalm, einem weiten Almgebiet, wo im Winter Skifahrer über die Pisten rauschen und im Sommer Wanderer die Hänge besteigen. Schön hier, aber nichts Besonderes, könnte man meinen. Doch die Winklmoosalm ist seit wenigen Wochen ein ausgezeichneter Sternenpark, einer jener Orte, die so dunkel sind, dass die Himmelskörper besonders schön strahlen(siehe Kasten). Vorausgesetzt, die Wolken verstecken sie nicht, wie an diesem Abend. Es ist so dunkel, dass man Ende und Anfang eines Abhangs nur erahnen kann.

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Der Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Deshalb leuchtet er es aus. Jedes Kind, das sich vor dem Monster in der Zimmerecke fürchtet, knipst die Nachttischlampe an. Straßen, Wege und Parks gelten dann als sicher, wenn sie erhellt sind. Dunkel sind vermeintlich nur die Flecken, an denen Menschen überfallen und Leichen verscharrt werden. Während der Mensch inzwischen verstanden hat, dass es nicht gut ist, mehr und mehr Land mit Beton zu übergießen, gilt das Ausleuchten dieser Welt noch immer als Fortschritt und Zeichen des Wohlstands. Seit es stromsparende LEDs und Solarlampen gibt, ist auch das Umweltgewissen ein wenig beruhigt.

Schaut man von einem Satellit auf Bayern bei Nacht, fallen vor allem die hellen Flecken auf; weiße Kleckse überall dort, wo Städte sind - München, Nürnberg, Augsburg, Rosenheim. Wie ein Spinnennetz, in dem sich Schneeflocken verfangen haben, überspannen sie den Freistaat.

"Die meisten Leute haben kein Gespür dafür, was sie mit Licht anrichten", sagt Manuel Philipp. Durch künstliche Beleuchtung verwechseln Lebewesen die Nacht mit dem Tag. Vögel beginnen früher zu brüten, Laubbäume werfen ihre Blätter ab. Und auch der Mensch leidet. Kaltweißes Bildschirmlicht hemmt die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. "Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass Schichtarbeiter eher Krebs bekommen als andere", sagt Philipp. Ob das am künstlichen Licht liegt, ist nicht bewiesen. Doch klar ist: Das "kalte" Licht macht wach und man schläft schlechter. Licht zählt zwar zu den Immissionen, also zu den schädlichen Umwelteinwirkungen, die das Bundes-Immissionsschutzgesetz erfasst. Doch verbindliche Grenzwerte gibt es keine.

Deshalb gehen Menschen wie Manuel Philipp gegen die "Lichtverschmutzung" vor. Er spricht lieber von "Lichtsmog" oder "Lichtmüll", weil es provokanter klingt. Philipp hat Physik studiert und leitet eine Werbeagentur. Aber die Sterne sind seine Leidenschaft. Als Kind saß er mit Großvaters Feldstecher am Fensterbrett und schaute in den Nachthimmel. Weil ihm niemand erklären konnte, was er da sah, wälzte er später Astronomiebücher. Heute stehen sieben Teleskope in seiner Wohnung, er veranstaltet Astronomieführungen und hat die Winklmoosalm zum Sternenpark gemacht.

Dafür hat er 240 Lichtquellen an 35 Häusern erfasst, hat den Besitzern erklärt, was ein Sternenpark ist und welche Leuchten und Glühbirnen man austauschen müsste, damit sie den Vorgaben entsprechen. Ein Jahr hat das gedauert. Die Touristinformation von Reit im Winkl hatte Philipp schnell auf seiner Seite. Der Leiter Florian Weindl ist an diesem Abend auch auf die Winklmoosalm gekommen. "Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir schützen die Dunkelheit und schaffen eine schöne Umgebung für unsere Besucher", sagt er. Dass wegen des Sternenparks plötzlich mehr Besucher kommen, erwarte er nicht. "Aber vielleicht nehmen diejenigen, die da sind, eine neue Einstellung mit aus dem Urlaub." Die Lampen an seinem eigenen Haus hat er schon ausgewechselt.

Doch nicht alle waren so leicht zu überzeugen. Mancher Almbauer habe befürchtet, man wolle ihm sein Garagenlicht wegnehmen, sagt Philipp. "Viele wissen nicht, dass ein Großteil ihres Außenlichts in den Himmel abstrahlt".

"Mei, ich hab' vier Glühbirnen ausgetauscht"

Doch Philipp konnte sie überzeugen. 130 Lampen wurden getauscht, meist zahlte der Verkehrsverein. Es ist kälter geworden auf der Winklmoosalm. Von der Terrasse schallt Grölerei und Gelächter herüber. Zwischen Bierkrügen und Spielkarten stehen Kerzen auf den Tischen, an der Wand hängen vier Laternen. Früher leuchteten in drei davon Halogenlampen. Mit 46 Watt und 600 Lumen strahlten sie in die Nacht. "Ich hab' halt das drin gehabt, was ich beim Penny kaufen konnte", sagt die Wirtin, die an einem der Tische sitzt. Jetzt stecken Reflektorlampen in der Fassung, bei denen das Licht nach unten geleitet wird, fünf Watt, 370 Lumen.

Man sieht immer noch den Braten auf dem Teller, aber es "verpuffen" nicht mehr 70 Prozent in dem Himmel, wie Philipp es nennt. Einen Halogenstrahler im Hinterhof musste er lediglich nach unten drehen. "Damit konnten wir die Helligkeit an dieser Hütte halbieren", sagt Philipp. Der Aufwand störte die Wirtin nicht. "Mei, ich hab' vier Glühbirnen ausgetauscht", sagt sie achselzuckend. "Und ich hab' jetzt weniger Stromkosten." Dass das Hotel auf dem Hügel gegenüber 25 Glühbirnen ausgetauscht hat, freut sie sogar. Jetzt blende es weniger zu ihr rüber.

Über der Terrasse sind die Wolken verschwunden. Schwach leuchtend kommen die Sterne hervor. Philipp holt doch noch seine Galaxie vom Rücksitz und den Laserpointer aus der Tasche. Und während über den schwarzen Baumwipfeln groß und rund der Mond aufgeht, zeigt Philipp mit dem grünen Strahl auf die kleinen Leuchtpunkte im unendlichen Schwarz: Jupiter, Polarstern, kleiner Wagen, Löwe.

Sternenparks

Um der zunehmenden Ausbreitung künstlichen Lichts entgegenzuwirken, hat sich 1988 die International Dark Sky Association (IDA) gegründet, eine Nichtregierungsorganisation aus den USA. Sie zertifiziert besonders dunkle Orte als Sternenparks. Weltweit gibt es 100 IDA-zertifizierte Lichtschutzgebiete. Vier liegen in Deutschland, davon wiederum zwei in Bayern: eins in der Rhön und eins auf der Winklmoosalm. Die anderen zwei befinden sich im Westhavelland und in der Eifel. Um sich als Sternenpark bewerben zu können, müssen bereits zwei Drittel der Lichtquellen in dem Gebiet den strengen Richtlinien der IDA entsprechen. Dazu gehört beispielsweise, dass die Lampen warmweißes Licht ausstrahlen (2700 bis maximal 3000 Kelvin) und möglichst wenig zur Seite oder nach oben abweicht. In den Jahren nach der Zertifizierung müssen Stück für Stück alle Lichtquellen den Vorgaben nach umgerüstet werden. Touristisch hat die Winklmoosalm den Vorteil, dass sie zwar weit weg von hellen Großstädten liegt, aber gut erreichbar ist und über Gaststätten sowie Unterkünfte direkt im Sternenpark verfügt. vwu