Regensburger Domspatzen Eine Stimme - nicht nur zum Singen

Bei den Regensburger Domspatzen hat sich viel verändert.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Regensburger Domspatzen: An diesem Montag treffen sich die Vertreter der Opfer von damals erstmals mit den Bistumsverantwortlichen von heute.
  • Man will über Entschädigungszahlungen reden und darüber, was das Bistum tun kann, damit es nie wieder so weit kommt wie damals.
  • Indes melden sich beim Chor wieder mehr Jungen zum Vorsingen als in den vergangenen Jahren.
Von Andreas Glas, Regensburg

Wer mit Peter Lutz über die Gegenwart reden will, der kommt an der Vergangenheit nicht vorbei. Peter Lutz, 17, kommt gerade aus seinem Zimmer, Nummer 1035, er geht jetzt den Flur entlang, rechts und links Türen, dahinter die Zimmer der anderen Internatsschüler. Am Ende des Flurs biegt Lutz ab, an der Wand hängt ein Schaukasten, hinter Glas ist hier die Vergangenheit zu besichtigen, kopiert auf DIN-A3-Papier: die Zeitungsausschnitte der vergangenen drei Wochen.

Was früher passiert sei, "muss aufgeklärt werden", sagt Lutz, drum sei es wichtig, dass die Ausschnitte hier hängen. Die Vergangenheit sei zurzeit ein großes Thema, auch im Unterricht, er frage viel bei den Lehrern nach. Um zu begreifen, was damals passiert ist. Aber auch, "um unsere Lehrer davon abzuhalten, Unterricht zu machen", sagt Lutz. Und grinst.

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Beim Vorsingen ist alles anders

Es ist Samstagvormittag, Tag der offenen Tür bei den Regensburger Domspatzen. Der Tag, an dem Eltern sich informieren, ob die Domspatzen-Schule die richtige ist für ihre Kinder. Der Tag, an dem diejenigen, die sich bereits entschieden haben, ihre Kinder zum Vorsingen schicken. Ein Routine-Termin, zweimal im Jahr findet er statt. Aber diesmal, sagt Domkapellmeister Roland Büchner, sei alles anders. "Die letzten Jahre waren schwierig, wir hatten nicht so viele Anmeldungen."

In den Siebzigerjahren gab es jährlich fast 100 neue Schüler. Danach sanken die Zahlen, und sie sanken noch tiefer, als es vor sechs Jahren erste Berichte über Misshandlung und Missbrauch gab, vor allem in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Zuletzt kamen gerade mal 33 Neulinge - und ausgerechnet jetzt, da es eh mies läuft, heißt es, dass viel mehr Buben zu Opfern wurden, als bislang bekannt. Von bis zu 700 Betroffenen spricht Ulrich Weber, den das Regensburger Bistum beauftragt hat, die Übergriffe der Vergangenheit endlich aufzuklären.

Wer nun denkt, der Wolfgang-Saal würde leer bleiben an diesem Samstag, der hat sich getäuscht. Als die öffentliche Chorprobe beginnt, gibt es nicht genug Stühle für alle, die gekommen sind. In der Mitte des Saals ein schwarzer Flügel, dahinter Kapellmeister Büchner, vor ihm im Halbkreis der aktuelle Domchor, rundherum sitzen und stehen die Besucher. Büchner spielt die ersten Takte auf dem Klavier.

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Der Kapellmeister ist erleichtert

Das Lied: "Muss i denn zum Städtele hinaus". Die Spatzen stimmen ein, sie singen bis zur Zeile "Wenn i komm", dann bricht Büchner ab, das "komm" ist ihm nicht prägnant genug, "ich will ein knackiges Knabenchor-K hören!". Und er kriegt es zu hören, beim zweiten Versuch knallt das "K" durch den Saal, man kann die Bubenstimmen jetzt fühlen. Wie eine Klangschalenmassage, die durch alle Körperzellen fließt. "Sehr gut, Männer!", sagt Roland Büchner.

Eine halbe Stunde später sitzt Büchner in seinem Büro, und wenn er erzählt, dass er bei den Buben "über Emotionen an die Stimmen rankommen" will, dann setzt er beide Hände auf seinem Schreibtisch auf, als sitze er noch immer am Klavier. Büchner lächelt, er ist erleichtert, dass so viele Leute gekommen sind und dass sich 33 Buben zum Vorsingen gemeldet haben - letztes Mal waren es ja nur halb so viele.