Recycling von Produkten Wir bauen ab

Die Idee für eine industrielle Revolution: Wenn alle Produkte so intelligent produziert würden, dass sie zu 100 Prozent wiederverwertbar sind, würden sie die Umwelt nicht nur weniger belasten, sondern ihr sogar nutzen. Shampooflaschen, Telefone, Nahrung und Baumaterialien sollen wieder in die Stoffkreisläufe zurückfließen. 2013 erscheint deshalb der erste kompostierbare Turnschuh.

Von Christa Eder

Von Frühjahr 2013 an bringt der Sportartikelhersteller Puma einen vollständig biologisch abbaubaren Sportschuh in die Geschäfte.

(Foto: oh)

Mit dem "Cradle to Cradle"-Konzept will der deutsche Chemiker und Umweltforscher Michael Braungart nichts weniger, als eine neue industrielle Revolution auslösen. Seine Vision: Alle Produkte sollen so intelligent produziert werden, dass sie zu 100 Prozent wieder verwertet werden können, biologisch oder technisch. Jeder einzelne Bestandteil eines Cradle-to-Cradle-Produkts soll die Umwelt nicht nur weniger belasten, sondern ihr sogar nutzen. Schuhsohlen, Shampooflaschen, Telefone, Kleidung, Nahrungsmittel, Verpackungen, Baumaterialien sollen kompostierbar oder zerlegbar sein und wieder in die Stoffkreisläufe zurückfließen. Von der Wiege zur Wiege, anstatt wie bisher, von der Wiege zur Bahre, sprich Müllhalde.

In den USA, Taiwan, den Niederlanden und Dänemark haben Braungart und sein Mitstreiter, der amerikanische Architekt William McDonough, mit ihrem Design-Konzept bereits für Aufsehen gesorgt. Prominente wie Brad Pitt, Steven Spielberg, Cameron Diaz, Arnold Schwarzenegger oder San Franciscos Bürgermeister Edwin Lee haben sich zu Cradle-Anhängern erklärt, auch die Wirtschaft zeigt Interesse. Konzerne wie Alcoa, Procter&Gamble, Aveda oder Kiehls sind C2C-zertifiziert und auch in Dänemark und Holland, gibt es eine Vielzahl von Firmen, die bereits nach Cradle-Richtlinien produzieren und bauen. I

n Deutschland hat das Konzept zwar viele Fans, aber bislang hat nur eine Hand voll Firmen das Zertifikat. Trigema etwa, für ein vollständig kompostierbares T-Shirt, Heidelbergcement für einen Feinstaub-bindenden Beton. In Bayern sind etwa der Sportartikelhersteller Puma aus Herzogenaurach, die Unternehmensgruppe Schwan-Stabilo in Heroldsberg sowie die Rosenheimer Büromöbelfirma Steelcase, mit Hauptsitz in den USA, aktiv.

2004 kam Steelcase mit dem vollkommen wiederverwertbaren Bürostuhl "Think" auf den Markt. In wenigen Minuten kann man ihn komplett in Einzelteile zerlegen, nichts ist verklebt, die Pulverbeschichtung der Lackierung ist frei von flüchtigen organischen Verbindungen und Schwermetallen, er besteht zu 38 Prozent aus recyceltem Material, enthält kein Blei, PVC oder Quecksilber und lässt sich zu 99 Prozent recyceln. Nach Ablauf der Lebensdauer nimmt Steelcase den Stuhl zurück und recycelt die Bestandteile. Warum so viel Aufwand? "Es war schon immer unsere Firmenphilosophie, umweltfreundlich zu produzieren", sagt Monika Steilen, Sprecherin von Steelcase. "Auch das Thema Rohstoffknappheit spielte eine Rolle. Das Cradle-to-Cradle-Konzept schien uns sehr geeignet für unsere Zielsetzung."

Trotz der Zertifizierung sind die Möbel bislang nicht zu 100 Prozent wiederverwertbar. Es sei noch sehr schwierig, komplett umzustellen, sagt Steilen, was vor allem am strengen Materialbewertungsprogramm der Firma liege. "Wir erwarten von unseren Lieferanten absolute Transparenz, die Offenlegung sämtlicher Komponenten in allen Materialien und Produkten. Denn wir glauben, dass eine ökologisch einwandfreie Lieferkette unverzichtbar ist, wenn wir unseren Kunden wahrhaft nachhaltige Produkte anbieten wollen", sagt Steilen. Daher sei die Anzahl geeigneter Zulieferer noch "recht überschaubar", zumal die Möbel aus sehr vielen verschiedenen Materialien bestehen.

Andere Sparten, zum Beispiel Teppichhersteller, seien da sehr viel weiter, weil nicht so viele Elemente bei der Produktion beteiligt sind. Ein weiterer, entscheidender Faktor im Cradle-to-Cradle-Prozess ist die effektive Nutzung alternativer Energiequellen. Im Jahr 2008 erwarb Steelcase sämtliche Grünstrom-Zertifikate eines Windparks in Texas und speist damit bis zu 20 Prozent des Energiebedarfs ihrer amerikanischen Niederlassungen.

Cradle-to-Cradle-Produkte werden nach bestimmten Stufen - Basic, Silber, Gold und Platin - zertifiziert. Das Zertifikat ist ein Jahr gültig. Danach wird die Produktqualität entweder bestätigt oder, sofern es Fortschritte erzielt hat, nach oben gestuft. Die Steelcase-Stühle haben beispielsweise Gold erreicht, der "Green Point"-Stift von Schwan-Stabilo nur Silber, weil die Rücknahme noch nicht funktioniert und somit auch nicht die Zerlegung und Wiederherstellung.

"Stifte werden hierzulande noch weggeworfen", erklärt Karl-Peter Kämpf, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung bei Schwan-Stabilo im fränkischen Heroldsberg. "Es ist noch nicht beim Verbraucher angekommen, Stifte zu recyceln. Zudem ist das Marktvolumen für den "Green Point" einfach noch zu klein." Der Stift enthält angeblich so wenige Schadstoffe, dass man ihn auch essen könnte. Der Kunststoff besteht aus Stanzresten von Folien, die zu einem Kunststoffgranulat verarbeitet werden, die Farbstoffe sondern beim Recycling kein Dioxin ab und der Strom kommt aus erneuerbaren Quellen.

Trotz des höheren Produktionsaufwandes wird der "Green Point" zum selben Preis wie ein Stift aus Neumaterialien verkauft und sei ebenso langlebig. "Mit dem Green Point haben wir einen Versuchsballon gestartet", sagt Kämpf. "Wir rechnen damit, dass die Preise für Rohstoffe durch die Decke gehen werden, daher wollen wir neue Wege ausprobieren." Man arbeite derzeit an einem Leuchtstift und Kugelschreiber nach dem Cradle-Prinzip, und auch bei der zugehörigen Firma Deuter, die für ihre Rucksäcken bereits biogene Fasern verwendet, gibt es Bestrebungen in diese Richtung.

Auch wenn die Anzahl der Produkte noch überschaubar ist, regt sich immer mehr Sympathie und Überzeugung für Braungarts Vision. So baut die Oberpfälzer Firma Bionorica nach C2C-Gesichtspunkten, das Coburger Designforum Oberfranken um Auwi Stübbe hat kürzlich einen EU-Förderantrag für C2C-Projekte in der Region gestellt, es gibt Kooperationen mit BMW, Audi und der IG Metall. Der Sportartikelhersteller Puma aus Herzogenaurach wird im Frühjahr 2013 mit einem kompostierbaren Schuh auf den Markt kommen. Zur Kollektion gehören auch ein recycelbarer Rucksack und ein biologisch abbaubares T-Shirt. Bis 2022 soll die gesamte Produktion auf C2C umgestellt werden.