Prozess um Amokalarm in Memmingen Schüler hatte Liebeskummer

Amokalarm an einer Schule: Vor dem Landgericht Memmingen hat unter Ausschluss der Öffentlichkeit der Prozess gegen einen 15-jährigen Schüler begonnen.

(Foto: dpa)

Er ist angeklagt wegen zwölffachen versuchten Totschlags: Mit einer Waffe bedrohte ein Jugendlicher seine Mitschüler in Memmingen, dann soll er sich einen Schusswechsel mit der Polizei geliefert haben. Nun hat der 15-Jährige vor Gericht ausgesagt.

Von Stefan Mayr

Nötigung, Sachbeschädigung, Störung des öffentlichen Friedens, unerlaubter Waffenbesitz, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und vor allem: zwölffacher versuchter Totschlag. Die Anklageschrift gegen den 15-Jährigen umfasst eine lange Liste von Vorwürfen. Alleine für letzteren beträgt die Höchststrafe nach dem Jugendrecht zehn Jahre Haft.

In Memmingen hat am Dienstag der Prozess gegen einen Jugendlichen begonnen, der vor acht Monaten einen Amokalarm an seiner Schule ausgelöst hatte. Die Öffentlichkeit ist von dem Verfahren vor der Jugendkammer des Landgerichts ausgeschlossen, weil der Angeklagte minderjährig ist. Auch die Eltern des Jungen erschienen zum Prozess.

Laut Vizepräsident Manfred Mürbe dauerte die Aussage des Angeklagten eineinviertel Stunden. Der Jugendliche sei gefasst, aber verschlossen gewesen. Eine Tötungsabsicht habe er verneint. An die Bedrohungen von Mitschülern habe er keine Erinnerung, erklärte er. Gegen Mittag habe sich nach seinen Angaben im Bereich der Mensa versehentlich ein Schuss gelöst.

Der Angeklagte gab an, dann aus Reflex zwei Waffen gezogen zu haben und anschließend zunächst auf das Gelände der Landesgartenschau und später auf einen Sportplatz geflüchtet zu sein. Über das Geschehen auf dem Sportplatz sagte er: Er habe einen Blackout gehabt, könne sich nur noch erinnern, in Richtung Menschen und Fahrzeuge geschossen zu haben.

Auslöser der Tat war nach Angaben des Schülers, dass sich seine Freundin am Vortag von ihm getrennt hatte und er sich von ihr ungerecht behandelt fühlte. Der Vorwurf, er habe mit anderen Mädchen geflirtet, sei nicht richtig gewesen. Nach der Trennung habe er sich im Keller mit Erlaubnis des Vaters mit Druckluftwaffen "abreagiert". Dabei habe er in einem unbeobachteten Augenblick das Schloss zum Waffenschrank manipuliert, so dass er am nächsten Tag die Waffen entnehmen konnte. Zwei scharfe Pistolen, eine Luftpistole, einen Dolch und Munition.

"Er wollte niemanden töten"

Die Anwältin des Jugendlichen, Anja Mack, hatte bereits vor Prozessauftakt am Dienstagmorgen angekündigt, dass der Angeklagte sich bei der Verhandlung äußern werde. "Er wollte niemanden töten", sagte sie der SZ. "Das war eine Ausnahmetat, er ist kein auffälliger Jugendlicher." An diesem Tag sei bei ihm ein Schalter umgeklappt, dann habe er etwas gemacht, was er sonst nicht tun würde. "Da sind mehrere Faktoren zusammen gekommen", so Mack.

Am 22. Mai 2012 hatte der damals noch 14-Jährige mit einer scharfen Pistole im Hof der Linden-Mittelschule in Memmingen herumgefuchtelt und andere Jugendliche bedroht. Dabei löste sich ein Schuss. Danach flüchtete der Schüler auf einen Sportplatz. Als Spezialkräfte der Polizei versuchten, ihn festzunehmen, gab der Schüler etwa 70 Schüsse ab.

Verletzt wurde niemand. Nach Auskunft des Oberstaatsanwaltes richtete der Junge die Waffe jedoch "teilweise gezielt" in Richtung der Beamten. Die Kugeln schlugen in Polizeiwagen, Werbebanden und in die Wand des Sportheims ein. Als die Polizisten ihrerseits Warnschüsse in den Boden vor dem Schüler abgaben, gab der nach stundenlangem Nervenkrieg schließlich auf - und ließ sich widerstandslos festnehmen.

Der Angeklagte sitzt seit etlichen Monaten in einer Jugendstrafanstalt im Kreis Berchtesgadener Land in Untersuchungshaft. Nach der Aussage des Schülers vernimmt das Gericht nun Mitschüler des Angeklagten.