Mollath im Interview "Die Reaktionen sind ja freundlich"

Sein Schicksal hat ihn bundesweit bekannt gemacht: Gustl Mollath.

Wie er mit dem Erkanntwerden auf der Straße umgeht, warum er nicht gleich wieder als Oldtimer-Restaurator arbeiten will und weshalb er in Ludwig II. einen Leidensgenossen sieht: Knapp fünf Monate nach seiner Entlassung aus der Psychiatrie spricht Gustl Mollath über sein neues Leben.

Von Olaf Przybilla und Uwe Ritzer

Gustl Mollath, 57, wurde am 6. August 2013 aus der geschlossenen Psychiatrie in Bayreuth entlassen, nach sieben Jahren Zwangsaufenthalt. Seither ist er ziemlich bekannt. Ein Gespräch über unfreiwillige Prominenz, Hilfegesuche und König Ludwig II.

SZ: Herr Mollath, Sie waren sieben Jahre gegen Ihren Willen in der Psychiatrie, in einer hermetischen Situation. Im August standen Sie dann Dutzenden Reportern gegenüber. Wie erlebt man das?

Gustl Mollath: Natürlich ist das eine völlig andere Lebenssituation von der einen Minute auf die andere. Was Sie aber nicht vergessen dürfen: Als Psychiatrie-Insasse ist man auch ständiger Beobachtung ausgesetzt. Damit muss man fertig werden. Man trainiert das täglich, dieses Beobachtet-Werden. Es gibt sehr unterschiedliche Strategien, wie die Insassen damit umgehen.

Wie sehen diese Strategien aus?

Was ich am Häufigsten beobachtet habe, würde ich als Stockholm-Syndrom umschreiben. Wie bei einer Entführung: Die Eingesperrten versuchen mit aller Macht, sich irgendwie beliebt zu machen beim Personal. Und diejenigen, denen sie zu gefallen versuchen, genießen das offenkundig. Ich habe das Jahre lang beobachtet: Wie sich da manche Insassen schon zehn Minuten vor der Zeit anstellen bei der Medikamentenausgabe, um auch ja alles richtig zu machen. Zum Glück bin ich absolut nicht anfällig für solches Verhalten. Aber beobachtet wurde ich natürlich trotzdem.

Wie ist das heute, wenn Sie durch die Straßen gehen?

Dass mich die Leute erkennen und ansprechen, belastet mich nicht. Die Reaktionen sind ja freundlich. Ich habe jedenfalls bisher keinen erlebt, der mich beschimpft, weil er jetzt die Steuerfahndung am Hals hat. Aber vielleicht kommt das noch: Immerhin wurden inzwischen Ermittlungen eingeleitet. Mehr als zehn Jahre, nachdem ich die ersten Anzeigen geschrieben habe.

Sie genießen die Aufmerksamkeit?

Das auch wieder nicht. Es sind schon oft belastende Gespräche. Kürzlich in München, auf der Maximilianstraße: Ein Mann - Phänotyp: John Wayne - kommt auf mich zu. Sind Sie nicht der Mollath? Er stellt sich als Arzt vor und erzählt mir, dass er selbst Gutachten schreibt. Und wie er einmal einen erregten Anruf eines Richters bekommenen hat, der sich über ein von ihm erstelltes Gutachten beschwerte. Wegen diese Gutachtens, soll der Richter den Arzt angeherrscht haben, müsse er dem Betreffenden jetzt vorzeitige Erwerbsrente gewähren. Ich steh' da immer fassungslos auf der Straße, was einem die Leute da so anvertrauen. Aber noch vielmehr: Was so alles möglich ist in diesem Land.

Mollath denkt über Auswandern nach

Noch wohnt er bei Freunden. Doch sobald sein Regensburger Prozess abgeschlossen ist, will sich Gustl Mollath wieder eine neue Existenz aufbauen. Er hofft dabei, seine Erfahrung als Oldtimer-Restaurateur zu Geld machen zu können - eventuell auch im Ausland. mehr ...

Haben Sie inzwischen sämtliche Post beantwortet?

Wo denken Sie hin? Daran ist noch gar nicht zu denken, das waren solche Massen an Zuschriften. Und die Fälle, von denen die Leute berichten, sind oft hoch kompliziert. Natürlich könnte ich sagen: Interessiert mich nicht, sollen sich andere drum kümmern, da muss der oder die selbst mit klar kommen. Nur weiß ich eben, wie das ist, wenn man Briefe schreibt - und nichts zurückkommt. Einfach gar nichts. Und ich weiß, wie es ist, wenn man Tage lang aus einer andern Zelle "Warum-hilft-mir-denn-niemand"-Rufe hört. Solange ich in der Psychiatrie war, konnt' ich da nichts machen. Heute möchte ich bestimmte Fälle wenigstens anhören und schauen, ob ich vielleicht helfen kann. Aber hauptsächlich muss ich mich natürlich auf mein Wiederaufnahmeverfahren vorbereiten.

Was ist mit Ihrer ehemaligen Arbeit als Oldtimer-Restaurator?

Wissen Sie: Ich könnte mich ja jetzt wieder in einer Werkstatt unter Autos legen und mit dem Schrauben anfangen. Mit dem alten Mercedes, den mir ein Freund zur Verfügung gestellt hat, habe ich das kürzlich gemacht. So was verlernt man nicht. Und dass es mich in den Fingern juckt, dürfen Sie mir glauben. Nur: Würde ich mich wieder acht Stunden an alten Autos zu schaffen machen, dann käme ich zu nichts anderem mehr. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage: Ein freier Mann bin ich noch nicht. Auch nach meiner Freilassung nicht.

Warum tragen Sie eigentlich einen Button, auf dem der bayerische König Ludwig II. abgebildet ist?

Das ist sozusagen der früheste Leidensgenosse, den ich kenne: Ein Mann, der Opfer von Aktengutachten geworden ist. Ich finde, da muss man untereinander solidarisch sein. Aktengutachten haben offenbar, wenn ich mir diesen Scherz erlauben darf, eine gewisse Tradition in Bayern.

Keine Angst, dass mal jemand Ihren Humor nicht versteht, gerade vor dem Wiederaufnahmeverfahren?

Damit muss ich leben. Ich in schon mit anderen Misslichkeiten fertig geworden.

In einem Jahresrückblick mit Günther Jauch haben Sie zu Beginn des Gesprächs die Sitze getauscht. Warum das?

Die haben mir vor dem Gespräch gesagt, dass ich rechts von Jauch sitzen soll. Ich habe geantwortet, dass ich mich persönlich eher links von Jauch sehe. Als alter Anhänger von Ferdinand Lassalle, dem Urlinken. Gut, hat scheinbar nicht jeder verstanden. Aber was soll's? Der Jauch fand's lustig.

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