Modellautos aus der Straubinger Forensik Gefangener seiner Leidenschaft

Roland S. hat drei Männer getötet. Seitdem sitzt er hinter Gittern und baut Modellautos in nahezu unglaublicher Perfektion - eine Leidenschaft, für die sich auch das Ehepaar Haderthauer lange interessiert hat. Heute fühlt sich Roland S. von den beiden ausgenutzt.

Von Dietrich Mittler

Zwischen Roland S. und der Außenwelt stehen hohe Mauern, Panzerglastüren und Sicherheitsschleusen. Besucher empfängt der 74-Jährige, der in den Siebziger- und Achtzigerjahren drei junge Männer getötet hat, eher selten - und wenn, dann im nüchternen Rahmen, den das Bezirkskrankenhaus Straubing für solche Fälle bereithält. Das Besuchszimmer ist hell und geräumig, jedoch steht gerade das Nötigste drin: ein Tisch, drei Stühle - und mehr oder weniger versteckt eine Kamera, die bei Rechtsanwaltsbesuchen auf Verlangen abgeschaltet werden kann.

An diesem Tag erwartet Roland S. Besuch aus München. Sein Strafverteidiger Adam Ahmed will mit ihm reden. Es geht um die viel diskutierten Geschäftsverbindungen seines Mandanten zur früheren bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer und deren Mann Hubert. Der war von 1988 bis 1989 der für Roland S. zuständige Arzt in der forensischen Abteilung für psychisch kranke Straftäter in Ansbach. Doch den Arzt und seinen Patienten verband weit mehr.

Roland S. baut bis heute im Rahmen seiner Arbeitstherapie hochwertige Oldtimer-Modelle, die von der Firma "Sapor Modelltechnik" vertrieben werden. Bis 2008 waren die Haderthauers Mitgesellschafter dieser Firma - zunächst sie, dann er. Doch wie dieses Geschäftsverhältnis schließlich abrupt endete, das hat bei Roland S. Wunden geschlagen.

6800 Einzelteilte - per Hand zusammengefügt

Kurz vor 13 Uhr öffnet ein hochgewachsener, bulliger Mann vom Sicherheitsdienst für Rechtsanwalt Ahmed die massive Tür zum Besuchszimmer. Minuten darauf geht eine Tür am anderen Ende des Raums auf. Roland S. kommt herein: schlank, groß, mit hellen wachen Augen und intelligenten Gesichtszügen. Ein wenig nervös und zurückhaltend, dabei aber zugleich behände und kraftvoll, nimmt er auf einem der Stühle Platz, in der Hand die vorbereiteten Unterlagen.

Die bestehen zu einem großen Teil aus Fotos, die der 74-Jährige am Abend zuvor am Computer noch rasch ausgedruckt hat. Sie zeigen Automodelle, hergestellt in einer nahezu unglaublichen Perfektion - darunter etwa ein Modell aus der Reihe "Hispano Suiza", das in Handarbeit aus 6800 Einzelteilen zusammengefügt wurde.

Autos wie diese waren bereits zur Zeit ihrer Entstehung Luxusartikel - gebaut für Menschen mit ungewöhnlich viel Geld. Über die mehr als 120 Modelle, die Roland S. gebaut hat, ließe sich gleiches sagen. Sie werden auf exklusiven Ausstellungen präsentiert, und das nicht nur in Paris. Ihr Ruf reicht bis weit über den Atlantik. Erst spät und nur zufällig erfuhr Roland S., was seine Modelle einbringen: auf Auktionen mehr als 30.000 Euro, wurde ihm zugetragen.

30.000 Euro für ein einzelnes Modell

Aufgeregt legt Roland S. Foto um Foto auf den Tisch, zeigt mit dem Finger auf filigrane Motorteile, erzählt davon, welche Mühe es macht, edle Holzteile - etwa am Lenkrad - im Maßstab eins zu acht in ihre Form zu bringen. Selbst winzigste Details entsprechen dem Original, Perfektion bis ins Äußerste, die sich bereits in den Konstruktionszeichnungen ankündigt, die Roland S. entworfen hat. Dieser Leistung bewusst, bemüht er sich dennoch um Zurückhaltung. Von Ahmed darauf angesprochen, räumt er ein: "Eigentlich kann man schon stolz sein, wenn die Arbeit etwas wert ist."

Nach seiner ersten Tat hatte Roland S. - von Beruf Bauschlosser - während seiner Haft in Freiburg damit begonnen, Modellautos zu bauen. "Dabei kam ihm seine akribische bis ins Einzelne planende Wesensart zugute, verbunden mit seiner präzisen und ausdauernden Fingerfertigkeit", zitierte der renommierte Spiegel-Gerichtsreporter Gerhard Mauz 1988 aus Prozessgutachten. Nach zwei weiteren Morddelikten kam Roland S. als psychisch kranker Straftäter schließlich ins Bezirkskrankenhaus Ansbach.

Dort realisierte er rasch, dass es "da nur Tütenfalten als Arbeitstherapie gibt, und sonst nichts". Diese abstumpfende Arbeit wollte Roland S., bei dem ein Intelligenzquotient von 145 gemessen wurde, auf gar keinen Fall machen. Lieber wollte er sagen können: "Ich arbeite hier bis an den Rand der Selbstausbeutung. Aber es ist eine sinnvolle Arbeit." Er sann nach einem Ausweg: Warum nicht wieder hochwertige Modelle bauen, "Schiffe, Eisenbahnen, oder eben auch Autos"? Er bat seine Schwester, ihm jenes Rolls-Royce-Modell zu bringen, das er in Freiburg gebaut hatte. "Ich habe das den Ärzten gezeigt, und die waren hellauf begeistert", erinnert er sich.

Tief sitzender Selbsthass brach aus

Damit gelang Roland S. der lang ersehnte Durchbruch, der ihm bislang versagt geblieben war. Bereits seine Kindheit war von Demütigungen und familiärem Missbrauch geprägt. Oft musste er gegen das Gefühl ankämpfen, nichts wert zu sein. Gutachter stellen ihn 1988 als einen Mann dar, der hohe Ansprüche an sich selbst stellt. Doch der tief sitzende Selbsthass, auch in Bezug auf die eigene Homosexualität, sei schließlich mit furchtbarer Wucht auf die späteren Opfer umgeschlagen.

"Es ist schrecklich, und ich weiß bis heute nicht, warum das geschah. Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund - das ist ja das Schlimme", sagt er zu Ahmed. Lange habe er "es fertig gebracht, das als nicht existent zu betrachten". Nach einer Pause fügt er hinzu: "Das war offensichtlich eine mechanische Abwehr, um überhaupt weiterleben zu können." Inzwischen nimmt Roland S. an Therapien teil, um endlich auch in jenen Teil seiner Seele blicken zu können, der ihm immer noch versperrt ist.

Der selbstvergessene Einsatz für den Modellbau war - eigener Aussage nach - indes nicht nur der Sehnsucht nach sinnvoller Arbeit geschuldet, sondern ein Stück weit auch selbst auferlegte Buße. Obwohl Roland S. im Bezirksklinikum Ansbach sogenannte Lockerungen erfuhr, etwa begleitete Ausgänge, stimmte er einer Umverlegung nach Straubing zu. Nur damit er dort weiter Modellautos bauen konnte. Gutachter hielten das mit Verwunderung fest, denn der Preis dafür war hoch: In Straubing gibt es keine Lockerung.