Nach den Prügelvorwürfen zelebriert Mixa die Feier zum "Letzten Abendmahl" - die Gemeinde ist gespannt auf seine Predigt.
Natürlich wissen sie Bescheid. Die Schäfchen haben längst gehört, was ihrem obersten Hirten vorgeworfen wird. Sie haben es in den Nachrichten gesehen, in der Zeitung gelesen, im Radio gehört.
Walter Mixa kniet am Donnerstag beim Betreten des Mariendoms in Augsburg nieder. Kein Wort fällt während der Messe zu den Vorgängen im Kinderheim Schrobenhausen. (© Foto: dpa)
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In einem Heim in Schrobenhausen soll der Augsburger Bischof Walter Mixa vor mehreren Jahrzehnten Kinder geschlagen haben, und längst ist alles bis ins kleinste Detail bekannt: Die Fausthiebe, die Prügel mit dem Teppichklopfer, die Schläge mit der flachen Hand. Im Donaukurier hat nun auch eine Frau erzählt, Mixa habe sie im Firmunterricht geschlagen. Anschließend habe sie seinen Ring küssen müssen.
Inzwischen hat sich Walter Mixa persönlich zu den in der Süddeutschen Zeitung gegen ihn erhobenen Vorwurfen geäußert. Er versicherte, zu keiner Zeit gegen seine Zöglinge Gewalt in irgendeiner Form angewandt zu haben - und gab sich gesprächsbereit. Zwei der sechs mutmaßlichen Opfer reagierten empört auf die Stellungnahme und lehnten das Gesprächsangebot ab: Mixas Erklärung sei "verlogen und unverfroren", sagte eine der beiden Frauen, die andere meint "er belügt sich selbst".
Vor diesem Hintergrund nun wollen an diesem Gründonnerstag viele Mixa hören. Der Augsburger Oberhirte zelebriert im Mariendom die "Feier zum Letzten Abendmahl" mit liturgischer Fußwaschung. Und viele wollen ihm auch beistehen.
"Das war damals eben so"
Vor dem Gotteshaus gibt es nur ein Thema. "Das war damals eben so", sagt eine ältere Dame. Als Schüler habe man Schläge mit dem Bambusstab bekommen, "auch im Religionsunterricht". Immerhin seien die Kinder damals nicht während des Unterrichts über die Tische geklettert. Disziplin habe geherrscht. Und Drogen seien auch nicht verkauft worden.
"Wie würde ich mich fühlen, wenn so etwas von mir behauptet würde?", fragt jemand und betont, im Moment gelte auch im Fall Mixa die Unschuldsvermutung. Eine andere Frau erzählt, dass auch sie von Prügel-Exzessen durch Nonnen und Priester wisse. An den Vorwürfen gegen Mixa könnte durchaus was dran sein. Aber deshalb sei sie heute nicht hier: "Ich gehe nicht zu Mixa, ich gehe zu Gott."
Vertrauensverlust und Kälte
Der Augsburger Mariendom ist höchstens zur Hälfte gefüllt. Von draußen frisst sich die Kälte in die Knochen der Gläubigen. Es wird schwierig für den Bischof sein, sie zu wärmen. Dabei giert die katholische Gemeinschaft in diesen Tagen doch so sehr nach Wärme, nach Vertrauen. Denn zu viel davon ist zerstört worden in den letzten Wochen. Und Bischof Mixa ist nicht unschuldig daran.
Seine Kirche wird derzeit in ihren Grundfesten erschüttert. Immer mehr Menschen haben in den vergangenen Wochen vom sexuellen Missbrauch durch Geistliche berichtet - einem Martyrium, das sie ihr Leben lang wohl nicht mehr loslassen wird. Der Augsburger Bischof, der sich selbst als "kultivierten Konservativen" bezeichnet, gibt darauf ein wenig feinfühliges Interview.
Der Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen sei auch eine Folge der sexuellen Revolution, sagt Mixa - seine Aussage lässt sogleich die Emotionen hochkochen. Von einer "beispiellosen Verhöhnung der Opfer sexuellen Missbrauchs" spricht die Grünen-Chefin Claudia Roth. Sie ist nicht alleine mit ihrer Wut.
Und jetzt steht ausgerechnet dieser wortgewaltige Mixa auch als Täter am Pranger - als einer, der Kinder geschlagen haben soll. Wenige Stunden nach seiner Erklärung am Donnerstag betritt er den Augsburger Dom. Umringt von einer fast 60-köpfigen Entourage aus Priestern, Messdienern und anderen Geistlichen zieht Walter Mixa in das Gotteshaus ein. Einmal hält er an, und streichelt einem Kind über den Kopf.
Die zwei Gesichter der Kirche
Er lässt sich nichts anmerken. Predigt routiniert vom Abendmahl, beschreibt, wie Jesus als "Dienst der Liebe" seinen Jüngern die Füße wusch und so die Aufgabe der Sklaven übernahm. Dann spricht Mixa von der Bedeutung des Karitativen, des Dienens und geißelt autoritäres Verhalten - auch in der Kirche. "Du hast mir zu gehorchen", das sei nicht der richtige Weg. Ebensowenig, wie man andere beherrschen sollte. Zur Bestätigung bindet sich der Bischof nach der Predigt einen Schurz um und wäscht zwölf Priesterkollegen die Füße. "Ubi caritas est vera Deus ibi est", singt der Chor. Wo wahre Güte ist, da ist Gott.
Güte, Wärme, Sanftmut - das ist das eine Gesicht der katholischen Kirche. Der umstrittene Gottesmann versucht es, an diesem Abend den Gläubigen zu vermitteln. Das andere Antlitz ist die hässliche Fratze von Missbrauch, Gewalt, Abhängigkeit und einem falschen Verständnis von Macht. Es ist jenes zweite Gesicht, das die Öffentlichkeit derzeit von der Kirche vor allem sieht. Zurecht? Keiner weiß das derzeit so wirklich.
Ebensowenig ist klar, wie Außenstehende mit der Causa Mixa umgehen sollen. Ist es möglich, eine Unschuldsvermutung - die zunächst ja immer gilt - glaubhaft zu formulieren, ohne zugleich die Vorwürfe gegen den Bischof zu banalisieren? Und überhaupt: Wessen Wort bekommt mehr Glaubwürdigkeit, wenn Aussage gegen Aussage steht? Viele Katholiken - und nicht nur Katholiken - stellen sich solche Fragen. Viele sehnen sich nach klaren Aussagen. Doch die Kirche ist noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Auch am Donnerstagabend fällt während der Messe kein Wort zu den Vorgängen im Kinderheim Schrobenhausen. Nach knapp zwei Stunden ziehen Walter Mixa und sein Gefolge ins Seitenschiff. Dort spricht der Bischof noch einen Vers, ein Lied erklingt und dann ist plötzlich alles zu Ende.
Nach dem Gottesdienst steht eine kleine Gruppe von Menschen vor der Kirche. Ein Mann erzählt, wie er sich als Schüler niederknien musste. Der Rest der Erzählung geht im Lachen unter. Eine Frau sagt, der Auftritt von Bischof Mixa habe sie gerührt. Wie er am Altar stand, umringt von fast 60 Menschen - und doch so allein. "Ich habe ihn immer als Kirchenfürsten erlebt", sagt sie noch, als starke Persönlichkeit. "Heute war er einfach nur demütig." Dann geht sie davon.
Langsam leert sich der Domplatz. Die Gläubigen laufen nach Hause. Sie frieren immer noch.
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(sueddeutsche.de/hai)
Die neueste Antwort
Olala, da stimmt aber was nicht; der Ortspfarrer hier trägt Ring und Ohrring.
Warum sollte das verboten sein, bei der Kleidung wird ja auch keine Auflage gemacht.
Das Thema ,,Bescheidenheit" spielt bei der Priesterweihe ja keine so große Rolle mehr wie das Zölibat.
Wieso eigentlich die Unschuldsvermutung?
Bei den Opfern des Mißbrauchs sollen auch sie in den Mittelpunkt gestellt werden und nicht die Täter. Wieso nicht auch bei den Opfern von priesterlicher Gewalt?
Wer gibt schon eine eidesstattliche Erklärung ab, nur um einen Bischof zu diffamieren (der das durch seine Äußerungen ja schon selber erledigt)? Da bin ich aber ganz auf seiten der mutigen Frauen, die sich sogar mit Namen nennen lassen.
Misstrauisch macht die Bemerkung, eine Frau habe im Firmunterricht nach dem Schlag den Ring des Pfarrers küssen müssen.
Das kann nicht stimmen, da Pfarrer keine Ringe tragen dürfen - es würde auffallen, wenn es doch mal einer täte.
Unabhängig davon, ob andere Beschuldigungen stimmen oder nicht, zumindest der so beschriebene Fall kann sich nicht wie berichtet zugetragen haben.
Es stimmt zudem nachdenklich, dass gerade jetzt solche Vorwürfe gegen den derzeit sehr exponierten Bischof bekannt werden, die sich angeblich vor drei Jahrzehnten zugetragen haben sollen.
Bei sexuellen Missbräuchen, die auch stets im Verborgenen stattfinden, ist nachvollziehbar, dass erlittene Traumata lange Zeit benötigen, bevor sie aufgearbeitet werden, und es ist auch nachvollziehbar, dass solche Taten tabuisiert sind und lange von Tätern wie von Opfern unter dem Teppich gehalten werden.
Bei den angeblichen Ohrfeigen und dergleichen verwundert die lange Zeit bis zur Beschuldigung jedoch sehr. Es verwundert auch, dass so etwas im geheimen hätte stattfinden können.
Diese Beschuldigungen haben einen faden Beigeschmack, sind sie doch heute nicht schwer nachweisbar oder belegbar. Sie sind juristisch (strafrechtlich oder für Schadensersatz) nicht mehr relevant und verfolgen doch ganz offenbar einzig das Ziel, öffentlich den Ruf des Bischofs zu beschädigen, ohne das diejenigen , die diese Anschuldigungen äussern, sich einem Risiko aussetzen. Das wirkt eher wie billige Diffamierungsversuche.
Hätten diejenigen, die jetzt den Bischof beschuldigen, es ernst gemeint, hätten sie sich doch schon früher zu Word melden können; im Gegensatz zu den Opfern sexuellen Missbrauchs ist bei Ohrfeigen (mit oder ohne Ring) keine so tiefe Traumatisierung zu erwarten, als dass sie solche Zeiträume nach der Tat bis zur Beschuldigung erklärt.
"Es wäre Zeit für ein «Mea culpa» des Vatikans
Die Enthüllungen über sexuellen Missbrauch durch Kirchenleute reissen nicht ab. Doch die Kirche setzt den Anschein ihrer Makellosigkeit über alles , schreibt Klara Obermüller"
NZZ vom Samstag - es gab noch reichlich andere Artikel, allein an diesem Tag!
Wer die SZ mit Sex-Magazinen vergleicht, hat eine blühende Fantasie. Es geht in dem Artikel eben auch darum, wie sich Mixa über den sexuellen Missbrauch innerhalb der KK geäußert hat!
Man kann natürlich alles sexualisieren beim Lesen!
Offenbar wird der drohende Verlust des Ansehens bei ganz mit Amt und Würde identifizierten Klerikern so vernichtend erlebt, dass Lügen, Selbsttäuschungen oder Beeinträchtigung des Erinnerungsvermögens übliche Schutzmechanismen sind. Dabei wird ganz vergessen, dass Schuld, Reue, Umkehr, Buße und das B e d ü r f n i s nach Wiedergutmachung christlicher Lehre nach der Weg zur Erneuerung ist. Herr Mixa soll eidesstattlichen Erklärungen nicht mit Unschuldbeteuerungen, sondern mit einer eidesstattlichen Erklärung begegnen. Danach werden wir weitersehen...
Sie kommen m.E. Ihrem Auftrag nicht bzw. - seit heute mit immerhin 2 "Artikeln", die ihrerseits mit viel Werbung von Fidesco begleitet werden - nur sehr teilweise nach.
Die Richtlinien 13.1 ff - siehe 3 x w .presserat.info/86.0.html?&L=0 - sind Ihnen bekannt.
Warum sind Ihre "Recherchen" seit Wochen auf dem Niveau "sex sells" - wo bleiben die Sachverhalte? Wo bleibt der Aufklärungswille in beide Richtungen.
Aufklärungswille - richtig, den müssten Sie nicht einmal haben; Andererseits boten Sie Opfern an, sich bei Ihnen zu melden. Wozu? Um auf dem Rücken dieser Opfer weitere "Auflage" zu generieren? Weitere Klicks vom ewigselben?
Trauen Sie Ihrer Leserschaft doch den Willen, vor allem aber die Fähigkeit zur Differenzierung, grosses Interesse zu - warum denn nicht?
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