Missbrauch und Gewalt in der Kirche "Ich gehe nicht zu Mixa, ich gehe zu Gott"

Nach den Prügelvorwürfen zelebriert Mixa die Feier zum "Letzten Abendmahl" - die Gemeinde ist gespannt auf seine Predigt.

Eine Reportage von Tobias Dorfer

Natürlich wissen sie Bescheid. Die Schäfchen haben längst gehört, was ihrem obersten Hirten vorgeworfen wird. Sie haben es in den Nachrichten gesehen, in der Zeitung gelesen, im Radio gehört.

In einem Heim in Schrobenhausen soll der Augsburger Bischof Walter Mixa vor mehreren Jahrzehnten Kinder geschlagen haben, und längst ist alles bis ins kleinste Detail bekannt: Die Fausthiebe, die Prügel mit dem Teppichklopfer, die Schläge mit der flachen Hand. Im Donaukurier hat nun auch eine Frau erzählt, Mixa habe sie im Firmunterricht geschlagen. Anschließend habe sie seinen Ring küssen müssen.

Inzwischen hat sich Walter Mixa persönlich zu den in der Süddeutschen Zeitung gegen ihn erhobenen Vorwurfen geäußert. Er versicherte, zu keiner Zeit gegen seine Zöglinge Gewalt in irgendeiner Form angewandt zu haben - und gab sich gesprächsbereit. Zwei der sechs mutmaßlichen Opfer reagierten empört auf die Stellungnahme und lehnten das Gesprächsangebot ab: Mixas Erklärung sei "verlogen und unverfroren", sagte eine der beiden Frauen, die andere meint "er belügt sich selbst".

Vor diesem Hintergrund nun wollen an diesem Gründonnerstag viele Mixa hören. Der Augsburger Oberhirte zelebriert im Mariendom die "Feier zum Letzten Abendmahl" mit liturgischer Fußwaschung. Und viele wollen ihm auch beistehen.

"Das war damals eben so"

Vor dem Gotteshaus gibt es nur ein Thema. "Das war damals eben so", sagt eine ältere Dame. Als Schüler habe man Schläge mit dem Bambusstab bekommen, "auch im Religionsunterricht". Immerhin seien die Kinder damals nicht während des Unterrichts über die Tische geklettert. Disziplin habe geherrscht. Und Drogen seien auch nicht verkauft worden.

"Wie würde ich mich fühlen, wenn so etwas von mir behauptet würde?", fragt jemand und betont, im Moment gelte auch im Fall Mixa die Unschuldsvermutung. Eine andere Frau erzählt, dass auch sie von Prügel-Exzessen durch Nonnen und Priester wisse. An den Vorwürfen gegen Mixa könnte durchaus was dran sein. Aber deshalb sei sie heute nicht hier: "Ich gehe nicht zu Mixa, ich gehe zu Gott."

Vertrauensverlust und Kälte

Der Augsburger Mariendom ist höchstens zur Hälfte gefüllt. Von draußen frisst sich die Kälte in die Knochen der Gläubigen. Es wird schwierig für den Bischof sein, sie zu wärmen. Dabei giert die katholische Gemeinschaft in diesen Tagen doch so sehr nach Wärme, nach Vertrauen. Denn zu viel davon ist zerstört worden in den letzten Wochen. Und Bischof Mixa ist nicht unschuldig daran.

Seine Kirche wird derzeit in ihren Grundfesten erschüttert. Immer mehr Menschen haben in den vergangenen Wochen vom sexuellen Missbrauch durch Geistliche berichtet - einem Martyrium, das sie ihr Leben lang wohl nicht mehr loslassen wird. Der Augsburger Bischof, der sich selbst als "kultivierten Konservativen" bezeichnet, gibt darauf ein wenig feinfühliges Interview.

Der Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen sei auch eine Folge der sexuellen Revolution, sagt Mixa - seine Aussage lässt sogleich die Emotionen hochkochen. Von einer "beispiellosen Verhöhnung der Opfer sexuellen Missbrauchs" spricht die Grünen-Chefin Claudia Roth. Sie ist nicht alleine mit ihrer Wut.

Und jetzt steht ausgerechnet dieser wortgewaltige Mixa auch als Täter am Pranger - als einer, der Kinder geschlagen haben soll. Wenige Stunden nach seiner Erklärung am Donnerstag betritt er den Augsburger Dom. Umringt von einer fast 60-köpfigen Entourage aus Priestern, Messdienern und anderen Geistlichen zieht Walter Mixa in das Gotteshaus ein. Einmal hält er an, und streichelt einem Kind über den Kopf.

Die zwei Gesichter der Kirche

Er lässt sich nichts anmerken. Predigt routiniert vom Abendmahl, beschreibt, wie Jesus als "Dienst der Liebe" seinen Jüngern die Füße wusch und so die Aufgabe der Sklaven übernahm. Dann spricht Mixa von der Bedeutung des Karitativen, des Dienens und geißelt autoritäres Verhalten - auch in der Kirche. "Du hast mir zu gehorchen", das sei nicht der richtige Weg. Ebensowenig, wie man andere beherrschen sollte. Zur Bestätigung bindet sich der Bischof nach der Predigt einen Schurz um und wäscht zwölf Priesterkollegen die Füße. "Ubi caritas est vera Deus ibi est", singt der Chor. Wo wahre Güte ist, da ist Gott.

Güte, Wärme, Sanftmut - das ist das eine Gesicht der katholischen Kirche. Der umstrittene Gottesmann versucht es, an diesem Abend den Gläubigen zu vermitteln. Das andere Antlitz ist die hässliche Fratze von Missbrauch, Gewalt, Abhängigkeit und einem falschen Verständnis von Macht. Es ist jenes zweite Gesicht, das die Öffentlichkeit derzeit von der Kirche vor allem sieht. Zurecht? Keiner weiß das derzeit so wirklich.

Ebensowenig ist klar, wie Außenstehende mit der Causa Mixa umgehen sollen. Ist es möglich, eine Unschuldsvermutung - die zunächst ja immer gilt - glaubhaft zu formulieren, ohne zugleich die Vorwürfe gegen den Bischof zu banalisieren? Und überhaupt: Wessen Wort bekommt mehr Glaubwürdigkeit, wenn Aussage gegen Aussage steht? Viele Katholiken - und nicht nur Katholiken - stellen sich solche Fragen. Viele sehnen sich nach klaren Aussagen. Doch die Kirche ist noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Auch am Donnerstagabend fällt während der Messe kein Wort zu den Vorgängen im Kinderheim Schrobenhausen. Nach knapp zwei Stunden ziehen Walter Mixa und sein Gefolge ins Seitenschiff. Dort spricht der Bischof noch einen Vers, ein Lied erklingt und dann ist plötzlich alles zu Ende.

Nach dem Gottesdienst steht eine kleine Gruppe von Menschen vor der Kirche. Ein Mann erzählt, wie er sich als Schüler niederknien musste. Der Rest der Erzählung geht im Lachen unter. Eine Frau sagt, der Auftritt von Bischof Mixa habe sie gerührt. Wie er am Altar stand, umringt von fast 60 Menschen - und doch so allein. "Ich habe ihn immer als Kirchenfürsten erlebt", sagt sie noch, als starke Persönlichkeit. "Heute war er einfach nur demütig." Dann geht sie davon.

Langsam leert sich der Domplatz. Die Gläubigen laufen nach Hause. Sie frieren immer noch.