Maibaumstreit in Aying Was für ein Aufstand

Einen Maibaum zu stehlen, ist eine hohe Kunst. Zu den Besten dieses Fachs gehören die Unterbrunner Burschen. Dass immer mehr Bäume auch mit viel Technik bewacht werden, schreckt sie nicht.  Im Bild:  ihr jüngster Coup. Die Unterbrunner Burschen mit dem Daglfinger Maibaum.

(Foto: privat)

Vor 200 Jahren erlebte Aying einen blutigen Maibaumstreit. An ihm zeigt sich auch das anarchische Wesen der Bayern.

Von Michael Morosow

Der bayerischen Seele wohnt eine gar widersprüchliche Mentalität inne. Sie kann schicksalsergeben ruhen, weist aber gleichzeitig ausgeprägte Züge von Sturheit, Ignoranz und unerbittlichem Kampfeswillen auf. Wenn's sein muss, wird das Volk im Süden krawutisch. In Aying sind sie im 19. Jahrhundert gleich zweimal derart krawutisch geworden, dass die Obrigkeit größte Mühe hatte und einmal gar Waffengewalt aufbieten musste, um das aufmüpfige Völkchen zur Raison zu bringen. Zur Zeit der Kurfürsten und Könige freilich, das muss vorangeschickt werden, war die bayerische Seele gerade in Aying durch latenten Argwohn gegen weltliche Herrschaftlichkeit ohnehin auf Revolution eingestellt.

Kein Wunder also, dass das letzte dokumentierte Haberfeldtreiben ausgerechnet in Egmating bei Aying ausgetragen wurde, in der Nacht zum 22. September 1895. Andernorts getraute sich zu dieser Zeit niemand mehr, zu dieser Art von Volksjustiz zu greifen, um sittliche und soziale Verfehlungen von "Angeklagten" zu ahnden, die von der Gerichtsbarkeit verschont geblieben waren. Immerhin hatte der Bischof bereits den Bann über die Haberer ausgesprochen und die weltlichen Behörden verfolgten sie inzwischen strengstens wegen Landfriedensbruchs. In der Trutzburg Aying freilich pfiff man auf Bischof und Prinzregent, marschierte nach Einbruch der Dunkelheit in Mannschaftsstärke, mit geschwärzten Gesichtern und unter ohrenbetäubendem Lärm und wüster Schießerei von den umliegenden Wäldern vor die Gemeindegrenze, um die "Angeklagten" in gehässigen Versen zu verunglimpfen. Die Strafe folgte auf dem Fuß: Am 12. November verhängte das königlich bayerische Landgericht München II gegen 59 Ayinger Haberer Freiheitsstrafen zwischen einem und sieben Jahren. Viele junge Burschen verließen daraufhin das Land, um dem Gefängnis zu entgehen. Viele wurden nie mehr gesehen.

Stolz und Sturheit waren ihnen wohl in die Wiege gelegt worden. Denn in ungleich drastischerer und provozierenderer Weise hatten bereits ihre Urgroßeltern der Obrigkeit die Stirn geboten - im Maibaumstreit anno 1802. Wobei angesichts der Heftigkeit ihrer Gegenwehr durchaus von einer Rebellion gesprochen werden kann. Das Vergehen der Ayinger: Sie hatten sich über ein Verbot des Landrichters in Aibling hinweggesetzt und einen Maibaum errichtet. Was in der Folge geschah, muss den ganzen Ort traumatisiert haben. Die aufmüpfigen Ayinger wurden von Soldaten aus dem Bett gerissen, sie wurden geschlagen, gedemütigt und am Ende auch noch mit einer sehr hohen Geldstrafe belegt.

Das alles wegen eines Maibaums? Nun gut, die zu dieser Zeit streng katholischen Ayinger hatten damals schon einen ganz besonderen Bezug zu diesem Brauch, der für sie bereits im Jahr 1802 Tradition hatte. So findet sich die älteste Darstellung eines Maibaumes auf einem Motivbild im heutigen Ayinger Ortsteil Kleinhelfendorf, sie datiert aus dem Jahr 1743. Aber vielleicht war die Geschichte mit dem Maibaum nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Reformen der Aufklärung im säkularisierten Kurfürstentum Bayern, die einhergingen mit einem schmerzhaften Eingriff in ihre religiösen Traditionen, hatten bereits einen tiefen Stachel in ihr Fleisch getrieben und sie ebenso verbittert wie gereizt. Es war ihnen streng verboten, die von Papst Clemens XIV. gestrichenen Feiertage zu halten, sie durften keine Umgänge und Wallfahrten mehr unternehmen, und auch die im gleichen Jahr erlassene Schulpflicht zwischen dem sechsten und zwölften Lebensjahr, insbesondere die Einführung der Sonn- und Feiertagsschule, fiel der Verdammnis anheim. Zum Teufel mit allem Lutherischen, das war ihre Haltung. Der Landrichter und selbst der Pfarrer, die beide für die Durchführung aller Erlasse gerade stehen mussten, hatten in Aying schon lange ihr Ansehen verloren. Es versteht sich, dass die Ayinger trotz aller Drohungen und Strafen weiter wallfahrten und ihre Kinder nicht zur Schule schickten.

Als dann ausgerechnet die Sonntagsschüler auf Anordnung von oben Obstbäumchen setzten, war es so weit: Am 4. Mai 1802, einem Dienstag, knickten Ayinger Burschen die Bäumchen um und stellten an gleicher Stelle ihren Maibaum auf, eine Fichte, die sie für 30 Kreuzer in Faistenhaar erworben hatten. Danach gab es beim Wirt Topfennudeln und Milchsuppe.

Wenn man die Gerichtsliteralien des Landgerichts Aibling nicht anzweifelt, dann war es der Landrichter selbst, der die bis dato friedliche Auseinandersetzung in Richtung Kleinkrieg driften ließ. Auf seine Anordnung erschienen tags drauf zwei Feldjäger bei den aufmüpfigen Ayingern mit einem schriftlichen Befehl, dass der Maibaum "niedergeworfen" werden müsse. Noch versuchten die Dorfbewohner zu verhandeln, gaben an, erst eine Entscheidung ihrer Hofmarksherrschaft, des Klosters Bernried, abwarten zu wollen. Als aber einer der Feldjäger dem Befehl mit einem geladenen Gewehr Nachdruck verleihen wollte, kam er dem "Sohn des Kainzen" gerade recht. Der griff sogleich zu einem Prügel und kündigte seine Gegenwehr an.