Leerstand im ländlichen Raum Bayerns Bruchbuden

Verwaist und in Staatsbesitz: Das Haus in Nordhalben würde der Bürgermeister gerne abreißen.

(Foto: oh)
  • Leerstand im ländlichen Raum: Etwa 100 Immobilien in Nordhalben im Frankenwald sind verwaist - auch an anderen Orten gibt es das Problem.
  • Der Freistaat Bayern wird Besitzer der Immobilien, für die es keinen Erben gibt.
  • Der Bürgermeister von Nordhalben will die Bruchbuden abreißen, doch ihm fehlen die Mittel.
Von Katja Auer, Nordhalben/Schwarzenbach am Wald

Das Muschhaus haben die Nordhalbener dann einfach selbst abgerissen. Zehn Jahre stand es leer, das alte Häuschen, das den Namen von seiner langjährigen Bewohnerin bekommen hatte, und immer weiter verfiel, ausgerechnet an der Roseninsel, dabei klingt der Straßenname so verheißungsvoll. Eine Bürgerinitiative hat sich gekümmert, jetzt wird der Platz bepflanzt. So müsste es weitergehen.

100 Immobilien stehen leer in der Gemeinde im Frankenwald, an der Grenze zu Thüringen, die für ihre Klöppelspitzen bekannt ist. Die Alten sterben, ihre Häuser verfallen. Wenn sich kein Erbe findet, und das passiert oft in der Gegend, fällt der Besitz an den Freistaat Bayern. Der ist in Nordhalben inzwischen der größte Immobilienbesitzer, zehn leer stehende Häuser sind sein Eigentum. Bürgermeister Michael Pöhnlein würde sie ja gerne übernehmen, und sei es nur, um sie abzureißen, aber er darf sie nicht einmal geschenkt nehmen, weil der Gemeinde das Geld für den Unterhalt fehlt. Für den Abriss sowieso. Nordhalben hat keinen genehmigten Haushalt, bekommt staatliche Unterstützung, deswegen darf die Gemeinde nur das Nötigste tun. Häuser abreißen gehört nicht dazu.

Auch die ehemalige Schule in Weidesgrün steht leer.

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Rückbau-Idee irritiert den Heimatminister

Dabei lasse sich das Problem nur so lösen, sagt Pöhnlein. "Wir wollen unseren Ort lebenswert erhalten", sagt er. Dafür muss er kleiner werden. Denn die Leute werden weniger. 1700 Einwohner sind es in der Gemeinde, 500 weniger als vor 15 Jahren. In die meisten leeren Häuser wird niemand mehr einziehen. Pöhnlein fordert ein staatliches Rückbauprogramm, Abriss auf Staatskosten also. Eine Idee, die Heimatminister Markus Söder irritiert dreinblicken lässt. "Wir wollen die Kommunen eher stärken, als dass sie sich freiwillig zurückentwickeln", sagt er. Die staatlichen Förderprogramme sind auf Wachstum angelegt, nicht auf Schrumpfung.

Dennoch, der Leerstand wird zunehmend zum Problem. Da sind verlassene Fabriken und Betriebe, private Häuser und eben auch immer mehr staatlicher Besitz. Der oberfränkische SPD-Abgeordnete Klaus Adelt hat kürzlich bei der Staatsregierung nachgefragt, wie viele Immobilien dem Staat so zufallen, weil sie niemand haben will. 3180 Gebäude waren es seit 2006, die meisten davon in Ober- und Unterfranken. "Der Freistaat muss die besser vermarkten", fordert Adelt, und so dem Leerstand entgegenwirken.

Ebenso wie dieses Gebäude in Schwarzenbach am Wald.

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22 solche Objekte finden sich zurzeit auf der Internetseite der "Immobilien Freistaat Bayern", dem Staatsbetrieb, der die staatlichen Gebäude anbietet. Preise stehen da keine, wer sich interessiert, kann ein Gebot abgeben. Besonders begehrt seien die geerbten Häuser in den ländlichen Regionen Bayerns nicht, sagt Ludwig Weichselbaumer, der stellvertretende Geschäftsführer. "In einer Gegend, wo der erschlossene Quadratmeter Bauland 45 Euro kostet, ist es schwer, gebrauchte Häuser zu verkaufen", sagt er. Tatsächlich wachsen vielerorts die Neubaugebiete, während die Ortskerne veröden.

Erschlossenes Bauland ist günstiger als ein altes Haus

So ist es auch in Schwarzenbach am Wald im Landkreis Hof. Bauanträge werden für weiter draußen gestellt, im Ort weiß Bürgermeister Dieter Frank niemanden, der in den vergangenen Jahren ein leeres Haus gekauft und saniert hätte. Auch wenn sie billig sind. Vier der leer stehenden Gebäude gehören dem Freistaat. Für einen vierstelligen Betrag, so schätzt Geschäftsleiter Reiner Feulner, lässt sich in Schwarzenbach ein Häuschen kriegen. Die Gemeinde setzt ebenfalls auf Abriss. Dann werde der Besitz vielleicht für die Nachbarn interessant, sagt Feulner, oder es ließen sich aus drei Grundstücken zwei machen. Platz schaffen. "Früher wollte man die Altstadt erhalten", sagt Feulner. "Heute sind wir froh, wenn noch Leute da sind." Von einer Wohnungsnot ist Schwarzenbach weit entfernt, deswegen werden Häuser auch deswegen abgerissen, weil der Unterhalt zu teuer ist.

"Wichtig ist, dass es die Nachbarn erfahren", sagt auch Weichselbaumer, das berge noch die größte Chance für einen Verkauf. Eine Werbekampagne gibt es nicht für die geerbten Häuser, meistens nur einen Aushang in der Gemeinde oder ein Bild im Internet. Dabei sind nicht nur Ruinen darunter, das eine oder andere ließe sich günstig erwerben und recht einfach sanieren. Die Gebäude würden der Regierung und dem Landkreis angeboten, sagt Weichselbaumer, in letzter Zeit vor allem, um Asylbewerber darin unterzubringen. Das klappt manchmal. Nicht oft. Vermieten lohnt sich auch nicht, dafür müssten die Häuser erst hergerichtet werden. Zu teuer. Es wird gerade soviel gemacht, dass die Gebäude nicht verfallen.

In Nordhalben im Landkreis Kronach hat sich Bürgermeister Pöhnlein einen Ortsplan mit allen leer stehenden Gebäuden in sein Büro gehängt. 100 insgesamt, 40 davon "nicht mehr sanierungsfähig". Aufwärts, meint er, geht es nur mit Abriss.