Nürnberg Nazigegner fühlen sich nicht ernstgenommen

Ein 17-jähriger Deutsch-Kurde wurde in der Nürnberger U-Bahn von einem Neonazi ins Koma geprügelt. Der Polizei wird vorgeworfen, die Tat verharmlost zu haben.

Von O. Przybilla

Das bringt die junge Deutsch-Kurdin am Mikrofon besonders in Rage: Als 2008 in München ein Mann von zwei Jugendlichen mit Migrationshintergrund in der U-Bahn zusammengeschlagen wurde, da habe dieser Fall Monate lang die Öffentlichkeit beherrscht. Gewaltbereite Ausländer wurden zum Thema eines Wahlkampfes, "wir wurden beschimpft und kriminalisiert", ruft die Frau. Nun aber ist vor einem Monat ein 17 Jahre alter Deutsch-Kurde in der Nürnberger U-Bahn ins Koma geprügelt worden. Klinisch war er bereits tot, zweimal musste er reanimiert werden. Der 24-jährige Peter R., der sich am Tag nach der Tat der Polizei stellte, ist ein bayernweit agierender Neonazi. "Und wo bleibt jetzt der bundesweite Aufschrei, die Reaktion der Politik?", fragt die Frau.

3000 Menschen haben am Samstag in Fürth und in Nürnberg gegen rechte Gewalt demonstriert. "Wir sind gekommen, um uns mit dem Opfer eines Nazis zu solidarisieren", sagt ein Mann an der Nürnberger Lorenzkirche. Nach Zeugenaussagen ist der 17 Jahre alte Lehrling am 28.April kurz vor 14 Uhr an der Nürnberger U-Bahnstation Opernhaus in den Waggon eingestiegen. Eine Station und eine knappe Minute später sah ein Mann des Reinigungsdienstes, wie in der Station "Plärrer" die Tür aufging - und wie ein Mann mit Glatze auf den Kopf des am Boden liegenden Jugendlichen eintrat. Der 24 Jahre alte Neonazi und seine beiden Begleiterinnen haben widersprüchliche Angaben darüber gemacht, was der Anlass für die Attacke gewesen sein soll. Übereinstimmend gaben sie an, der Jugendliche habe eine abfällige Bemerkung über die Tasche gemacht, die eine der beiden Frauen bei sich trug. Sie war bedruckt mit einem Schriftzug der Marke "Thor Steinar", die in der Szene als ein Erkennungszeichen von Rechtsradikalen gilt. "Wää, Thor Steinar", habe der Jugendliche gesagt, gab der 24-Jährige bei der Polizei an. Dass der 17-Jährige einen erkennbaren Migrationshintergrund hat, soll keinen Einfluss auf die Reaktion des Rechtsextremisten gehabt haben - so jedenfalls hat er es in einer Vernehmung beteuert. Sein Opfer konnte dazu nicht vernommen werden. Nach sieben Operationen muss es weiter in einer Klinik versorgt werden.

Ralph Hoffmann steht mitten auf dem umtosten Verkehrsknotenpunkt in Nürnberg, dem "Plärrer". Würde man an dieser Stelle ein Loch in den Boden bohren, dann käme man wohl ziemlich genau an der Stelle heraus, an der vor einem Monat der junge Deutsch-Kurde zweimal reanimiert werden musste. Hoffmann, er ist der Vorsitzende der Nürnberger Grünen, schüttelt seinen Kopf, so als könne er das alles noch gar nicht glauben. Die Tat allein mache ihn schon fassungslos, sagt er. Aber wie die Nürnberger Polizei dann damit umgegangen sei, das habe ihm "doch sehr zu denken gegeben".

Nürnbergs Politiker haben sich anfangs sehr zurückgehalten mit Bewertungen. Aber man sei eben auf die Angaben der Polizei angewiesen gewesen, sagt Hoffmann. Diese umschrieb den Fall als einen Konflikt eines Mannes aus der linksextremistischen Szene mit einem Mann aus der rechtsextremistischen Szene. Keine Rede war davon, dass der Jugendliche Deutsch-Kurde ist; dass es sich bei dem 24-Jährigen um einen Reisenden in Sachen Rechtsextremismus handelt. Um einen Mann, der landesweit auf Kundgebungen von Neonazis in Erscheinung getreten ist; der im Fürther Land eine neonazistische Vereinigung gegründet hat; der Kampfsport betreibt und mehrfach als politisch motivierter Schläger auffiel; und der einschlägig vorbestraft ist, weil er auf Teilnehmer einer Mahnwache gegen Neonazis einschlug. Auch der Oberbürgermeister von Nürnberg hat davon tagelang nichts erfahren. "Ein Stadtoberhaupt muss über so etwas doch Bescheid wissen", empört sich Hoffmann.

Fünf Kundgebungen finden an diesem Tag in Nürnberg und Fürth statt, überall wird Kritik an der Polizei laut. Zunächst am Fürther Hauptbahnhof, wo einer der Redner beklagt, man versuche nun seit Monaten auf die rechte Gewalt in Fürth hinzuweisen, werde aber "nicht ernstgenommen". Danach auf einem Platz kaum hundert Meter vom Fürther Rathaus entfernt, schräg gegenüber eines Bistros, in dem sich neuerdings Rechtsextremisten treffen. Anschließend noch auf dem Nürnberger "Plärrer", dann vor der Lorenzkirche in der Fußgängerzone und auf dem Kornmarkt, am Nürnberger Gewerkschaftshaus.

200Autonome haben sich unter die Demonstranten gemischt, viele von ihnen sind aus Hamburg und Berlin angereist. Am Kornmarkt droht die Situation zu eskalieren. Dort findet sich jenes Geschäft, das die Marke "Thor Steinar" verkauft. Seit mehr als einem Jahr protestieren Anwohner gegen den Laden, auch der 17-Jährige hat schon gegen die Klamottenverkäufer demonstriert. Am Gewerkschaftshaus hängt Tag für Tag ein Plakat, das eine Katze mit Hitlerbärtchen und braunen Augen zeigt. "Neue Nazis tarnen sich", steht darauf zu lesen. Seit einem Jahr fordern Gewerkschaftler, das Geschäft solle schließen. Die Autonomen versuchen am Samstag, den Laden zu stürmen. Es fliegen Flaschen, eine Frau wird am Kopf verletzt.

Hat die Polizei Fehler gemacht in der Art, wie sie informiert hat? Fürths Polizeichef Roman Fertinger kann das "absolut nicht erkennen". Man dürfe nicht alle Informationen preisgeben, über die man verfüge - sonst setze man sich "dem Vorwurf einer Vorverurteilung" aus, sagt er. Während Fertinger den Demonstrationszug durch Fürth beobachtet, wird er in derFußgängerzone immer wieder zur Rede gestellt. "So könnt ihr das doch nicht machen", herrscht ihn ein Passant an. Fertinger hält kurz inne. Dann sagt er: "Doch. Das müssen wir sogar."