Ettal: Untersuchungsbericht 5000 Euro für ein zerbrochenes Leben

An diesem Donnerstag stellt Ex-Verfassungsrichter Jentsch den Untersuchungsbericht zu den Vorfällen im Kloster Ettal vor. Die ehemaligen Schüler, die damals missbraucht wurden, sollen entschädigt werden. Doch der Graben bleibt.

Von Matthias Drobinski

Sie sitzen auf den ledernen Schwingstühlen der Anwaltskanzlei von Stephan Lang, ihrem Klassenkameraden. Männer Mitte 40, mit bürgerlichen Existenzen. Doch wenn Robert Köhler, Roman Hofer und Bernd Maier (die in Wahrheit anders heißen) erzählen, sind sie wieder Schüler.

13-jährige Internatskinder, die einsam sind, die Angst haben vor den Schlägen, sich bedrängt fühlen von den feuchten Gutenachtküssen des Paters M., der dabei den Jungs schon mal in die Hose griff, der mit seinen Lieblingsschülern morgens schwimmen ging und dann mit ihnen Sex hatte. Dann ist die Zeit in Ettal wieder da, im Internat des Benediktinerklosters.

Seit einem Jahr ist an der Oberfläche, was sie verdrängt hatten und doch immer im Leben war, sich zwischen sie und ihre Partnerinnen, Kinder, Freunde stellte. Sie hatten ja immer wieder mal davon geredet, wenn sie sich trafen, hatten sogar ans Kloster geschrieben. Doch es geschah nichts, also drückten sie das Unglück der Schulzeit wieder weg.

Bis jener Februar 2010 kam, als zwei Mails die Redaktion der Süddeutschen Zeitung erreichten: Auch in Ettal gab es Schläge und sexuelle Gewalt, nicht nur in Berlin am Canisiuskolleg. "Es war eine Befreiung", sagt Robert Köhler, der Sprecher der Ettaler Missbrauchsopfer. Auch wenn sie seitdem nicht mehr schlafen, ihre Berufe vernachlässigen, und ihre Frauen sagen: Es muss bald aufhören.

"Ganz wird sich die Wahrheit nie herausfinden lassen"

An diesem Donnerstag wird Hans-Joachim Jentsch, der ehemalige Verfassungsrichter, einen Bericht vorstellen, den er selber nach drei Monaten Arbeit eine "Zwischenorientierung" nennt; er hat Gespräche geführt, die Akten durchforstet und sagt: "Ganz wird sich die Wahrheit nie herausfinden lassen." Warum konnte sich über Jahrzehnte ein solches System von Prügel und sexueller Gewalt etablieren, das bis zu Beginn der 90er Jahre bestand?

Jentsch ist der erste Vermittler, den das Kloster und die Opfer gleichermaßen akzeptieren, "der erste, der dem Kloster nahebringen konnte, dass wir keine Feinde sind", wie Köhler sagt. Rechtsanwalt Thomas Pfister, der den ersten Untersuchungsbericht geschrieben hat, schied im Unfrieden mit dem Kloster.